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  Filmschaffende ­Maschinenschlosser

Die Liebe zum Film hat den iranischen Regisseur und Autor Mohammad Keivandarian ins österreichische Exil geführt. MALMOE hat mit ihm über die Situation von iranischen Filmmacher*innen und seine persönlichen Erfahrungen gesprochen.

Wie gestaltete sich dein Leben als Filmemacher im Iran?

Keivandarian: Kurz nachdem ich 2004 meinen Abschluss an der Hochschule für Kunst und Film in Isfahan gemacht hatte, veränderte sich die Atmosphäre im Iran. Im Jahr 2005 kam Präsident Mahmud Ahmadinedschad erstmals an die Macht und es gab keine Chance als Filmemacher zu arbeiten. Es gab ausreichend religiöse Filmemacher und die Regierung beharrte auf dem Standpunkt, dass diese am besten islamische Werte vertreten würden. Viele Absolventen der Filmhochschule, darunter auch ich, mussten daher andere Jobs annehmen.
2008 fand ich eine Anstellung als Manager im Kunst und Kulturinstitut auf der Insel Kisch, einem Ableger der Filmhochschule, und blieb fünf Jahre dort.
Ich dachte, nach der Amtszeit von Ahmadinedschad, würde sich die Situation entspannen. Ich habe gekündigt und bin zurück nach Isfahan. Damals kam mir die Idee, für meinen letzten Dokumentarfilm The Zero Cinema and the Nothing Theater. Jeder Filmemacher, egal ob er einen Dokumentarfilm, einen Spielfilm oder anderes plant, muss bei der Vezarat Farhang va Ershad-e Islami [Organisation für Kultur und islamische Führung, Anm.] um Erlaubnis ansuchen. Also bin ich hingegangen und mir wurde gesagt, dass ich die Idee nicht umsetzen darf, weil sie islamkritisch sei.

Wie hast du auf das Verbot reagiert?

Ich beschloss den Film ohne Genehmigung zu machen, hab die Kamera in meinen Rucksack gepackt und bin los. Ich habe ehemalige Studienkollegen in verschiedenen Städten im Iran aufgesucht, von denen ich wusste, dass sie ihren Lebensunterhalt nicht als Filmemacher verdienen konnten. Das war die Grundidee. „Du hast einen Abschluss als Filmemacher, warum arbeitest du in einem Kaffeehaus? Warum verkaufst du Hamburger? Warum arbeitest du als Maschinenschlosser?“ Ich habe mit diesem Film begonnen ohne meine Studienkollegen auch nur davon in Kenntnis zu setzen. Ich kam zu ihnen in die Arbeit und sagte: „Hallo, Hossein, wie geht es dir?“ und begann zu filmen. „Was machst du da?“, war seine Reaktion. „Sag alles, was du willst, frag nicht, was vorgeht! Was arbeitest du? Warum hast du studiert?“ Sie antworteten ohne nachzudenken, ohne Skript, ohne weitere Takes. Es war sehr unmittelbar. Nach vier Monaten war ich fertig und hatte fast achtzig Stunden Rohmaterial gesammelt.
Bei einem Freund konnte ich den Film schneiden. Ich schickte den Film an Filmfestivals im Iran und er wurde überall abgelehnt. Alle sagten, dass er gegen islamisches Recht verstoße.

Du wusstest, dass es schwierig werden würde. Warum hast du trotzdem weitergemacht?

Was konnte ich machen? Zurück nach Kisch gehen und den Film nicht zeigen? Ich wusste, dass die BBC Filme gegen die islamische Revolution und die iranische Regierung zeigt und außerdem dafür bezahlt. Aber es ist im Iran verboten, überhaupt Kontakt zur BBC aufzunehmen. Es ist nicht erlaubt, DVDs, Filme oder auch nur E-Mails zu senden. Nachdem der Khameini-kritische Dokumentarfilm The method of the leader von der BBC ausgestrahlt worden war, hatte die Regierung Gesetze erlassen, die dafür Gefängnisstrafen von zwei bis zehn Jahren vorsahen.

Hast du dennoch versucht, Kontakt zur BBC aufzunehmen?

An der Universität gab es einen Professor namens Zaven Ghokasian, der mehrere Jahre das Filmdepartment leitete. Er war ein prominenter Autor, Filmkritiker und Regisseur aus Isfahan, der 2015 im Alter von 65 Jahren verstorben ist. Ghokasian und einen weiteren Hochschullehrer meiner Universität habe ich auch für meinen Film interviewt. Ich habe ihm gesagt, dass ich den Film an die BBC schicken möchte, und er hat eingewilligt, das zu tun. Es war ihm genauso untersagt, aber er reiste viel zu internationalen Filmfestivals, seine Schwester lebt in Wien und er ließ sich hier wegen einer Krebserkrankung behandeln. Zur BBC hatte ich bereits per E-Mail Kontakt aufgenommen und sie erwarteten die DVDs. Einen Monat später hatte ich Antwort: Sie würden den Film zeigen, benötigten aber die Originalvideobänder, um eine leicht gekürzte Fassung herzustellen. Ich verkaufte den Film für 4000 Euro an die BBC, allerdings war es wegen der Sanktionen notwendig dafür ein Bankkonto im Ausland aufzumachen.

Die vom UN-Sicherheitsrat beschlossenen Sanktionen gegen den Iran bestehen seit 2006. Ist es dir gelungen, dein Honorar zu erhalten?

Sobald die iranische Regierung etwas über meine Aktivitäten herausgefunden hätte, wäre ich zu einer Haft- und Geldstrafe verurteilt worden. Was sollte ich also machen? Zu diesem Zeitpunkt beschloss ich, mein Land zu verlassen.
Ich bin zunächst in die Türkei gegangen, wo ich fast neun Monate blieb. Dort erhielt ich die Bezahlung von der BBC und erfuhr, wann sie meinen Film zeigen würden. Mit einem Freund wollte ich weiter nach Griechenland. Mit dem Geld bezahlte ich die Überfahrt zur griechischen Insel Chios, die wir gemeinsam mit 40 syrischen Flüchtlingen in einem Schlauchboot überlebten. Eine Woche später, nach einem Fußweg durch Mazedonien, Serbien, Kroatien und Slowenien, stand ich im Dezember 2015 vor der österreichischen Grenze. Inzwischen bin ich über zwei Jahren hier und warte immer noch auf mein zweites Interview bei der Asylbehörde.

Wie war die Reaktion auf deinen Film?

Fast ein Jahr nach meiner Ankunft zeigte die BBC meinen Dokumentarfilm. Somit stehe ich im Iran endgültig auf der schwarzen Liste. Drei Studienkollegen, die ich für meinen Film interviewt habe, sind in Regierungsorganisationen angestellt. Sie wussten nicht, dass ich den Film an die BBC verkaufen würde. „Warum haben Sie in dem Dokumentarfilm mitgespielt?“, wurden sie von der Vezarat-e Ettela‘at, der iranischen Geheimpolizei, gefragt. Sie fragten auch nach mir. Letztlich mussten meine Studienkollegen schriftlich mit ihrem Fingerabdruck versichern, das nie wieder zu tun.
Viele bekannte Filmmacher sind der Zensur unterworfen. Jafar Panahi wollte einen Film über die Grüne Revolution von 2009 und die Studentenproteste gegen den Wahlbetrug Ali Khameinis zur Durchsetzung der zweiten Amtszeit Ahmadinedschads machen. Die Regierung hat Panahi den Pass abgenommen, und er hatte eine Million Dollar zu zahlen um nicht ins Gefängnis zu müssen. Für 20 Jahre ist es ihm verboten Filme zu machen. Ähnlich ist die Situation für die Regisseure Ali-Reza Amini und Mohammad Rasoul Ouf.

Woran arbeitest du im Moment?

Ich arbeite derzeit an zwei Kurzgeschichtensammlungen, einer autobiografischen Novelle und zwei Drehbüchern für Spielfilme. Eines der Drehbücher spielt an einem fiktiven deutschen Grenzübergang. Es handelt von einem Mädchen und einem älteren Mann, die darauf warten, dass sich die Grenze öffnet, und einer Polizistin auf der anderen Seite des Zauns. Es gibt keinen Dialog. Das andere Drehbuch erzählt die Geschichte eines iranischen Paars, das in Indien eine Leihmutter sucht. Als sie ihr Kind nach einigen Widrigkeiten endlich in den Armen halten, stranden sie bei der Einreise nach Deutschland.

Wie gestaltet sich dein Leben im Exil?

Ich weiß nicht, wie meine Zukunft als Filmschaffender aussieht. Ich habe bisher wenig Anschluss an die lokale Filmszene gefunden. Aber es geht auch anderen Filmemachern so. Zum Beispiel leben Amir Naderi and Bahman Ghobai in Los Angeles im Exil. Hollywood ist doch das Zentrum der Filmwelt? Sie hatten große Schwierigkeiten und konnten bisher keinen einzigen Film fertigstellen. Es gibt viele iranische Filmschaffende im Exil, die zu arbeiten aufgehört haben. Aber Filme zu machen, ist für mich der beste Weg mich auszudrücken. Ich möchte weiterhin als Filmschaffender arbeiten können, nur deshalb bin ich ausgewandert.


online seit 02.05.2018 16:48:15 (Printausgabe 82)
autorIn und feedback : Interview: Nils Olger




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