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  Psychotherapie in Zeiten des ­Neoliberalismus

Mit Blick auf drei Neuerscheinungen soll hier die mögliche Verstrickung der Psychotherapie in Prozesse der Individualisierung, Entpolitisierung und Vereinzelung diskutiert werden.

Neoliberale Zustände und die Psyche des Homo oeconomicus

Wir sehen uns Verhältnissen gegenüber, die, befördert von neoliberaler Politik, immer mehr geprägt sind von einer rasant fortschreitenden sozialen Erosion, einer sich immer tiefer in die gesellschaftliche Mitte hineingrabenden rechten Spaltungsrhetorik und den Anforderungen an das „Einzelunternehmen Mensch“, dessen Imperativ die Selbstoptimierung und die bedingungslose Verfügbarmachung für den Erwerbsarbeitsmarkt ist. Individuen sehen sich immer weniger einer bestimmten sozialen Gruppe verbunden, geschweige denn einer politischen Bewegung für deren Anliegen es sich zu kämpfen lohnt. Stressmanagement, Work-Life-Balance, Resilienz, oder Stresskompetenz“ sind zu Begriffen geworden die uns wie ein Mantra umgeben und die gemeinsam mit den gebetsmühlenartig wiederholten Versprechungen und Aufforderungen („Du musst dich besser vermarkten!“, „Du musst dich besser abgrenzen.“, „Es liegt an dir was du aus dir machst!“, „Du hast es in der Hand!“) zu einer neoliberalen Wahrheit verschmelzen. Diese „Wahrheit“ suggeriert, dass man alles schaffen kann, was man will - wenn man denn nur will. Durch Medien, Bildungseinrichtungen und politische Statements vermittelt und verschränkt mit unseren eigenen gelebten Praxen entsteht somit eine große neoliberale Erzählung von individueller Freiheit und Wahlmöglichkeit. In deren Zentrum stehen das Individuum und sein Potential zur Selbstoptimierung und zum Selbstmanagement.

Es scheint keine Verbindung mehr zu geben zwischen einem „gelungenen Leben“ und der unmittelbaren aktuellen politischen Situation. Mit genügend Aktivität, Selbstsorge, Effizienz und Produktivität scheint alles möglich zu sein, unabhängig von Sozietät, Herkunft, Nationalität, Geschlecht, Alter, Behinderung oder Krankheit. Das Problem sozialer Ungleichheit wird also in den Verantwortungsbereich der betroffenen Person oder Bevölkerungsgruppe verschoben. Das Credo lautet, sich an die verändernden Verhältnisse anzupassen, nicht die Verhältnisse zu verändern. Letztere sind aus dieser Perspektive gar nicht mehr sichtbar. Wenn die Burnout-Prophylaxe oder das Stressmanagement-Seminar an die Stelle von Arbeitszeitverkürzungen und kollektiver (gewerkschaftlicher) Organisierung treten, dann werden damit reale gesellschaftliche Problemlagen nicht mehr benannt. Diese Logik führt dazu, dass Menschen ihre individuelle Lebenssituation nicht mehr mit gesellschaftspolitischen Regulierungen, sondern ausschließlich mit ihrem persönlichen Versagen in Verbindung bringen. Es handelt sich also um eine Verschiebung auf die individuelle Psyche der Menschen.

Einen nicht unwesentlichen Anteil an dieser Individualisierung, Entpolitisierung, Entvergesellschaftung und letztlich Vereinzelung haben auch die Psychologisierung und Psychotherapeutisierung gesellschaftlicher Probleme. Angelika Grubner tritt mit ihrem im Frühjahr diesen Jahres erschienenen Buch Die Macht der Psychotherapie im Neoliberalismus. Eine Streitschrift an, die Verwicklungen des Psychotherapiesektors in Machtverhältnisse zu analysieren und kritisieren. Denn, so die Annahme, wenn Psychotherapie als machtvolles Instrument hier nicht wachsam ist, sondern auf einer individuellen Selbstoptimierungsebene „behandelt“, dann reproduziert sie neoliberale Dynamiken der Individualisierung und Vereinzelung. Das Individuum wird somit aus gesellschaftlichen Dynamiken sukzessive herausgelöst. Eine Sensibilität hierfür bezeichnet Bettina Zehetner in dem spannenden Schwerpunkt „Psyche und Gesundheit“ im Magazin an.schläge (Ausgabe IV/2017) als „Gratwanderung zwischen Anpassung und Emanzipation“. Bereits in den 1980er Jahren warnte Christina Thürmer-Rohr vor der Gefahr, in der Psychotherapie um sich selbst zu kreisen, anstatt sich mit realpolitischen Forderungen zu beschäftigen.

Die „Entdeckung“ der Psyche

Grubner zeigt anschaulich, wie therapeutische und ökonomische Diskurse einander wechselseitig durchdringen mittels einer historischen Reise in die „Entstehung“ der in sowohl in Alltags- wie professionellen Diskursen immer präsenten Kategorie der Psyche. Mit Foucaultschen Werkzeugen arbeitet sie sich durch die Geschichte dieses ideengeschichtlich jungen Konzeptes und legt dar, dass es kein Zufall ist, dass die Psyche genau dann als wichtiger Motor für ein gelingendes Leben auf den Plan tritt, als durch das Ende des Feudalismus und die Entstehung des Kapitalismus ökonomische und soziale Umwälzungen in Gang kamen, in deren Verlauf sich die Ökonomie auf neue Weise mit der Politik verwoben hat und ein Individualisierungsprozess einsetzte. Aus dem Feudalismus herausgerissen wird der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen und nach und nach dazu angehalten in sich selbst hineinzuhorchen. Erst dadurch sei die Möglichkeit der Beziehung zu sich selbst und die Idee einer formbaren Psyche entstanden. Die Umwälzungen jener Zeit führten zu einer sukzessiven Irritation in der Lebensorientierung der Menschen, einer Verunsicherung bezüglich der eigenen Position innerhalb des sozialen Gefüges und machten eine Neuorientierung und -formierung des Verhältnisses zwischen Individuum und Gesellschaft notwendig. Aus dem bisherigen, auf sozialer Herkunft und Stand basierenden Selbstverständnis herausgerissen, waren die Menschen jener Zeit mit der Neuformierung des Individuums konfrontiert. Die Sicherheit im eigenen Sein begann mit fortschreitender kapitalistischer Produktionsweise zu bröckeln und machte eine neue Idee des Selbst notwendig. In diesem Zusammenhang steht auch die Etablierung der Humanwissenschaften ab dem 17. Jahrhundert, insbesondere der Psychiatrie und der Psychologie. Der Kapitalismus und die Psyche entstehen also zeitgleich als Kategorien der Moderne. Grubner stellt diese Verortung jener weit verbreiteten entgegen, die die Psyche als etwas dem Sozialen vorgelagertes versteht, das der Mensch immer schon „hatte“.

Psychotherapeutische Verstrickungen

Ein Beispiel für solcherlei Verstrickungen beschreibt Grubner mit dem 2014 in Österreich eingeführten und für chronisch erkrankte Menschen ab dem Geburtsjahr 1964 gültigen Rehabilitationsgeld. Mit dieser Einführung wurde gleichzeitig auch die Invaliditäts- oder Berufsunfähigkeitspension abgeschafft. Mit den betroffenen Personen wird ein Rehabilitationsplan erstellt, der den ehest möglichen Wiedereinstieg in die Erwerbsarbeitswelt gewährleisten soll und an den die Patient_innen in Form der Mitwirkungspflicht gebunden sind, um nicht ihren Anspruch auf das existenzsichernde Rehabilitationsgeld zu verlieren. Zu dieser sogenannten Rehabilitation gehört im Fall von psychischen Problemen oder Erkrankungen auch die verpflichtende Psychotherapie. Wenn Menschen also krankheitsbedingt aus der Erwerbsarbeit ausscheiden, müssen sie sich einem disziplinierenden Regelwerk unterordnen, um das existenzsichernde Rehabilitationsgeld zu beziehen. Gleichzeitig wird ihnen permanent suggeriert, dass es in ihrer eigenen Verantwortung liege, wieder arbeitsfähig zu werden. Dieses Beispiel verdeutlicht einerseits den Zwangscharakter neoliberaler Aufforderungen zur Eigenverantwortung und Selbstsorge in Form permanenter aktiver Selbstoptimierung. Andererseits wird aber auch die komplizenhafte Verstrickung der Psychotherapie in diesen Zwang deutlich.

Professionalisierte Dienstleistungsgesellschaft

Die Zahl der eingetragenen Psychotherapeut_innen in Österreich hat sich seit der Verabschiedung des Psychotherapiegesetzes 1990 bis heute von 905 auf 9.155 mehr als verzehnfacht. Daneben wächst auch ein Markt an Coaching, Beratungs- und Hilfsangeboten ins scheinbar Unendliche. Reimer Gronemeyer und Charlotte Jurk, die Herausgeber_innen des neu erschienenen Buches Entprofessionalisieren wir uns! Ein kritisches Wörterbuch über die Sprache in Pflege und Sozialer Arbeit halten fest, dass die Professionalisierung von teilweise alltäglicher Unterstützung zu einer Zersetzung gesellschaftlichen Zusammenhalts und Solidarität führt. Die rasante Erosion tragender sozialer Bezüge und eine von Wohlstand und Reichtum geprägte Individualisierung von Lebensentwürfen hat dazu beigetragen, dass viele der ursprünglich von einer Sozialgemeinschaft übernommenen Hilfeleistungen Aufgabe professioneller Dienstleister_innen geworden sind. Der moderne Mensch ist von der Wiege bis zur Bahre beratungsbedürftig geworden. Ein zentraler Aspekt dieser professionellen Beratung ist die Aufforderung der Individuen zur Eigenverantwortung. In der Abgeschiedenheit der Beratung passiert also auch hier eine Entpolitisierung und Individualisierung von Problemen.

Politik statt Pathologisierung

Das Thema des Verdeckens gesellschaftlicher Probleme durch Psychologisierung und Pathologisierung ist auch eine zentrale Kritik feministischer Psychotherapie und feministischer Psychiatriekritik, wie etwa Peet Thesing sie in dem dieses Jahr erschienenen Buch Feministische Psychiatriekritik, sowie Ariane Brenssel hinsichtlich psychischer Traumata in dem bereits erwähnten Buch Entprofessionalisieren wir uns! äußern. Letztere beschäftigt sich mit dem immer schon umkämpften Begriff des Traumas. Die Aufnahme der Diagnose „Posttraumatische Belastungsstörung“ in den psychiatrischen Diagnosekatalog 1982 war ein wichtiger Schritt in der öffentlichen Anerkennung der individuellen Folgen von sozialer Gewalt, eine Möglichkeit der gesellschaftlichen Kontextualisierung von psychischem Leid und hat dadurch Türen zu Entschädigungszahlungen ebenso wie zu krankenkassenfinanzierten Therapien geöffnet. Zwar war die Einführung des Begriffs des Traumas somit sicherlich eine gesellschaftliche Errungenschaft, gleichzeitig jedoch kann die Re-Artikulation von Gewaltfolgen als Trauma zu einer „Ent-Nennung“ von Gewalt und Machtverhältnissen führen. Menschen die Gewalt erlebt haben werden zu traumatisierten Menschen, das Problem und der Schauplatz des Geschehens verschieben sich. Gestört oder krank sind nicht die Verhältnisse, die Gewalt bedingen, produzieren oder legitimieren, sondern die individuell-psychische Reaktion darauf. So gerät etwa auch aus dem Blick, dass die aktuellen Lebensverhältnisse eine wesentliche Rolle in der Aufarbeitung von Gewalt spielen. Ein langes und ungewiss endendes Asylverfahren etwa verunmöglicht die Aufarbeitung von traumatischen Erlebnissen, ja kann diese Traumata sogar noch vertiefen durch die erlebte Ohnmacht angesichts der gesellschaftlichen Verhältnisse. Durch eine naturwissenschaftlich inspirierte Diagnose-Logik werden soziale Probleme zunehmend auf klinische Fragen verkürzt und aus den gesellschaftlichen Verhältnissen und Zuständigkeiten herausgelöst. Zugespitzt ausgedrückt wird Trauma, reduziert auf die Quantität von Stress, immer mehr zu einem Problem im Gehirn, dem sich die Betroffenen verantwortungsvoll in der Abgeschiedenheit einer Traumatherapie widmen um ihre Funktionalität und Stressresistenz (wieder)herzustellen. Immer schwieriger wird es jedoch dadurch die eigene Situation in Verbindung zu bringen mit gesellschaftlichen Verhältnissen.

Mögliche Auswege

Es soll hier nicht um ein Verdammen von Psychotherapie gehen. Die Beschäftigung mit tiefliegenden Verletzungen im geschützten Rahmen einer Psychotherapie ist für viele Menschen überlebenswichtig. Nochmals mit Christina Thürmer-Rohr gesprochen geht es aber um einen Gegenentwurf zu einer Psychotherapie, die statt normalisierende Fürsorgestation und Reparaturwerkstätte seelischen Elends Aufklärungsräume bietet, Gegenentwürfe, Kritikentwürfe.

Die hier in Kürze aufgeworfenen Aspekte wollen die Wichtigkeit der Analyse herrschender gesellschaftlicher Machtverhältnisse in Theorie und Praxis der Psychotherapie betonen und diese auch einfordern. Fragen also wie jene, was Psychotherapie in neoliberalen Zeiten bewirkt, ob sie diese weiter stützt oder auch das Potential zu Widerstand birgt. Grubner fordert zum Beispiel die Verweigerung von Psychotherapeut_innen als Kompliz_innen in neoliberalen Verschärfungen wie etwa dem Rehabilitationsgeld. Sie empfiehlt darüber hinaus das emanzipatorische Potential kollektiver Lebensformen zu nutzen, gegenüber einer ausschließlichen Versenkung in das Selbst. Hier anschließend und abschließend möchte ich als Vision auch für den Bereich der Psychotherapie an die Erfahrungen der in den 1980er Jahren entstandenen Gesundheitszentren erinnern, wie etwa das Sozialmedizinische Zentrum in Graz Liebenau oder aber das neu entstehende Gesundheitskollektiv Berlin, die nicht nur die medizinische Versorgung und individuelle Verhaltensweisen in den Mittelpunkt stellen, sondern die gesellschaftlichen Bedingungen von Gesundheit, von der lokalen bis zur globalen Ebene. Eine psychotherapeutische Versorgungsstruktur, die die Suche nach kollektiven Lösungsstrategien für gemeinsame Problemlagen wie Mietsteigerungen, geringes Einkommen, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Rassismus oder Altersarmut unterstützt, kann der Vereinzelung im Neoliberalismus aktiv etwas entgegenhalten und dadurch letztlich auch zu psychischer Gesundheit beitragen.


Angelika Grubner: Die Macht der Psychotherapie im Neoliberalismus. Eine Streitschrift. Mandelbaum, Wien 2017

Peet Thesing: Feministische Psychiatrie Kritik. UNRAST-Verlag, Münster 2017

Reimer Gronemeyer / Charlotte Junk: Entprofessionalisieren wir uns! Ein kritisches Wörterbuch über die Sprache in Pflege und sozialer Arbeit. Transcript Verlag, Bielefeld 2017

online seit 24.01.2018 09:53:47 (Printausgabe 81)
autorIn und feedback : Simone Gaubinger




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