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  Revolutionäre Feierlaune

So feiert die Welt

So feiert Washington

Die USA sind nicht der Ort an dem mit besonderer Feierlichkeit der russischen Weltrevolution gedacht werden würde, und doch, auch dort hat man seine ganz eigene Art an die geschichtlichen Ereignisse zu erinnern. Das Washingtoner „International Spy Museum“ (ja, das gibt es) gab bekannt, bald die Axt ausstellen zu wollen, mit der Trotzki erschlagen wurde (ja, die ist wieder aufgetaucht). Lange galt der blutige Eispickel als verschollen. Legenden behaupteten der mexikanische Präsident benutze das Ding als Briefbeschwerer. Aber nein, es lag 40 Jahre unterm Bett von Ana Alica. Ihr Vater, der Geheimpolizist Alfredo Salas, hatte es gestohlen und seiner Tochter geschenkt. Im Jahr 2005 entschloss sich die mittlerweile hochbetagte Dame das geschichtsmächtige Hackebeil zu Geld zu machen. Nun kann es in Washington bestaunt werden.




So feiert Leipzig

Vorwärts und nicht vergessen schallt es von den über hundert Jahre alten Mauern des Lichtspielhauses UT Connewitz im Leipziger Szeneviertel. Unter diesem Titel wollen sich die jungen Kader der alten Messestadt die Revolution von 1917 aneignen und organisieren den Arbeitenden zum Auftakt der Veranstaltungsreihe eine Revue inklusive Sektbrunnen (Zuspitzung). Den Gipfel der Dekadenz bildet allerdings die einmalige Aufführung der Show, an der, neben einem Dutzend Leipziger Polit- und sonstiger Gruppen, auch ein 20-köpfiger Chor beteiligt sein wird. „Ein schönes, irres Ding“, wie ein Veranstalter MALMOE (Qualitätsblatt) gegenüber zugibt. Gut drei Wochen vor dem Tag X weiß allerdings noch keine*r so wirklich, was genau es werden wird. Thematisch-kritisch also ein durchaus rundes Ding, an dem sich schwerlich (Informationslage) Ecken finden lassen. Und auch der Ehrengast, John Reed (tot) – „der einzige Typ auf den Harvard nicht stolz ist“ –, würde das sicher genauso unterschreiben.




So feiert Wittenberg

Zum Gedenken an Luthers revolutionäre Kirchenspaltung vor 500 Jahren bemüht sich die reformierte Kirche in Deutschland redlich Feierstimmung aufkommen zu lassen. Da die theologischen Streitfragen von damals heute kaum jemand mehr kapiert, bedarf es didaktischer Tricks. Die neunmalklugen MacherInnen der Wittenbergischen Gedenkausstellung stellten deswegen einen „Absolutionsroboter“ auf. Der Roboter „BlessU-2“ ist äußerlich kaum von einem gewöhnlichen Priester zu unterscheiden. Stocksteif, innerlich teilnahmslos und mit gespielter Freundlichkeit nimmt er die Sündenauflistung entgegen und erteilt Segen und Absolution. Die BesucherInnen sollen checken, wie falsch die katholische Praxis der Ohrenbeichte ist. Damit schießen die Reformierten ein ungewolltes theologisches Eigentor. KatholikInnen empfinden Schuld und erhoffen sich vom Priester Erlösung. Dies mag man lächerlich finden, aber: ProtestantInnen empfinden statt Schuld Scham. Der Mensch allein vor Gott schämt sich, weil alles was er oder sie tut, nie genug ist. Deswegen wurden die ProtestantInnen auch solch fleißige KapitalistInnen. Und gerade ein Roboter symbolisiert die beschämende Makellosigkeit ununterbrochener Leistungsbereitschaft, die das geheime protestantische Ideal ist.




So feiert Moskau

Auch Moskau fällt das Feiern schwer, da das Erbe der Revolution für die autoritäre OligarchInnenkaste, die das Land unter sich aufgeteilt hat, zwiespältig ist. Einerseits gibt es Überlegungen, eine nationalistische Sause für die Weltrevolution des Jahres 1917 abzuhalten. Andererseits: Daran zu erinnern, dass Menschen auf die Straße gegangen sind um ihren revolutionären Willen zu bekunden – kommt irgendwie nicht gut. Lieber sucht man unverbindlichere Ereignisse, um die Größe Russlands auch den letzten ZweiflerInnen vor Augen zu führen. Deswegen wurde jetzt eine knapp zehn Meter hohe Statue von Michail Kalaschnikow aufgestellt, dem Erfinder des AK-47. Wie viele Menschen mit dieser Meisterleistung russischer Ingenieurskunst erschossen wurden, kann nur gemutmaßt werden. Schätzungen gehen davon aus, dass jedes Jahr ungefähr eine viertel Million dazukommen. Die Statue wurde mit religiösem Brimborium eingeweiht. Der „Erzpriester“ Wsewolod Tschaplin meinte: „unsere Waffe ist eine heilige Waffe“. Man möchte gleich vor Freude in die Luft schießen.

online seit 05.11.2017 12:26:34 (Printausgabe 80)
autorIn und feedback : Redaktion




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