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  Faschistoide Sprache und ­virtuelle Massenbildung

„Definieren wir also den Faschismus unter anderem als eine militante Suche nach Eindeutigkeit, die nur mit dem Tod des anderen enden kann, so erkennen wir jene Identität von Sprache und Mord, die ihn charakterisiert.“ — Georg Seeßlen (1)

Die völkische Rechte modernisiert sich. Diese Modernisierung ist nur oberflächlich eine des Inhalts, im Wesentlichen jedoch eine der Form. Was etwa bei den (Neo-)Nazis „Umvolkung“ hieß, heißt heute bei der Identitären Bewegung „der große Austausch“. Modernisierung, das bedeutet für die Rechte zuallererst die Erschließung neuer Felder – was nicht passt wird hierbei passend gemacht. Sei es der Angriff als „Selbstverteidigung“, Leistungselitarismus als Politik des „kleinen Mannes“, Ideologie und Lüge als „alternative Wahrheiten“ oder die Erb*innen des Faschismus als selbsternannte letzte Rettung der Demokratie. So manche meinen, das permanente Verstricken in Widersprüche wäre die Achillesferse der extremen Rechten. Der charakteristische Bezug auf das Irrationale ist jedoch mehr Erfolgselement rechtsextremer Bewegungen als deren Hindernis. Ihre Glaubhaftigkeit steht auch nie tatsächlich am Prüfstand, die „Masse lechzt weniger nach einem Herrn als nach Illusionen“. (2) Der Mythos und seine Rituale sind angetreten, sich ihre eigene Wirklichkeit zu schaffen zunächst in der Form des Versprechens.

Es sind nicht nur die gesetzlichen Verbote, die Codes wie „88“ für „Heil Hitler“ hervorbringen, es ist die Gemeinschaft der Eingeweihten selbst, die sich immer und immer wieder als solche bestätigen muss. Es geht um das passende Gefühl dazu, man kennt es bzw. hat es – oder eben nicht. Wer nach Erklärungen, Argumenten und Fakten fragt, macht sich verdächtig, dass es an dem mangelt, was diese Gemeinschaft doch im Innersten zusammenhält. Es ist ein diffuses Gefühlskonglomerat, das viele Namen kennt: Heimatliebe, Nationalstolz, Ehre, Treue. Dazu gehört eine Sprache der Symbole und Bilder, die immer wieder mit denselben Floskeln auffährt, hinter denen sich jedoch nichts als Leere befindet. Zeichen, die auf nichts mehr verweisen, außer auf sich selbst. In dem Moment, wo die extreme Rechte die Begriffe „Volk“ und „Rasse“ tatsächlich auszubuchstabieren und zu rationalisieren versucht, hat sie ihren ideologischen Zenit schon überschritten. Die „Fanatiker wie die Mitläufer werden ihre Weltsicht umso fanatischer verteidigen, je weniger sie im Innersten von deren Wahrheit überzeugt sind.“ (3) Das war und ist auch bis heute der Sog des Antisemitismus: Die ganze Welt aus einem einzigen Punkt heraus begreifen zu können: dem Juden.

„Umgekehrte“ rechte Rhetorik

In diesem Sinne hat Leo Löwenthal die faschistische Agitation als „umgekehrte Psychoanalyse“ beschrieben, bei der die unbewussten Ängste, Regressionsneigungen, neurotischen Zwänge und Abwehrstrukturen nicht aufgelöst, sondern gezielt verstärkt werden. Daran anschließend könnte vielleicht auch von der rechten Rhetorik als einer „umgekehrten“ gesprochen werden: Nicht die Überzeugung mittels Argument ist ihre Kunst, sondern vielmehr alles andere in das eigene System aus Paranoia und Wahn hineinzuziehen. Am Ende verlieren sich auch die einzelnen Fakten, die keine sinnhaften Ansatzpunkte mehr finden. So zielt etwa der Begriff des „Gutmenschen“ nicht nur auf eine Diffamierung bestimmter gegnerischer Verhaltensweisen, sondern grundlegender auf die Dekonstruktion von Grundkonstanten der Moral. Ganz nach dem Motto: „Die Bösen werden die Guten sein“ – und vice versa. Freud betonte, „dass der Wahnsinn nicht nur Methode hat, wie schon der Dichter erkannte, sondern dass auch ein Stück historischer Wahrheit in ihm enthalten ist“. (4) Der Vorteil der völkischen Rechten ist, dass sie keinen Begriff von Gesellschaft, sondern nur von Gemeinschaft hat. Sie spaltet gesellschaftliche Widersprüche schlichtweg auf die Anderen ab. „Der Hass, der uns gegenwärtig auf allen Kanälen entgegenschwappt, ist umgewandelte soziale Angst, die jedoch verdrängt wurde.“ (5) Je größer die gesellschaftlichen Widersprüche werden, je mehr die Gesellschaft zum Spektakel verkommt, desto leichter fällt ihre Torpedierung von rechts. Guy Debord schrieb in Die Gesellschaft des Spektakels: „Im Spektakel, dem Bild der herrschenden Wirtschaft, ist das Endziel nichts, die Entwicklung alles. Das Spektakel will es zu nichts anderem bringen als zu sich selbst.“ (6) Auch der Faschismus ist Bewegung, die es zu nichts anderem als zu sich selbst bringen möchte. Was ihn vom Spektakel des Kapitalismus unterscheidet: das Endziel ist alles. Keine individuellen Versprechungen, sondern nur ein kollektives: Erlösung – oder Untergang. Ein Spiel, dass auch nach 1945 noch funktioniert, da zu den „Hinterlassenschaften (…) des barbarischen Jahrhunderts“ gehört, dass die Mehrheit „mit dem Schlimmsten rechnet und an nichts mehr glaubt, schon gar nicht an die eigene Fähigkeit, die Dinge zum Besseren zu wenden.“ (7) Verschwörungstheorien bleiben vor allem deshalb en vogue, da sie alle „eine Rechnung zu begleichen“ haben, „und die Doktrin sagt ihnen, mit wem.“ (8) Stehen die Schuldigen erst einmal fest, kann sich eine Dynamik des pessimistischen Grundtenors in Aggression entladen.

Ja, Panik! Lustgemeinschaft & Verfolgungswahn

Nach 1945 wurde der Stammtisch zum Sinnbild der (Kriegs)Verlierer*innen und all jener, die nunmehr die einstige Glorie des kollektiven Massen-Rausches im Rückzug in den privaten Mikrokosmos zelebrierten: „Wir brauchen keine Fremden nicht, wir sind uns selber schon zu viel.“ 9 Heute wird diese Lustgemeinschaft zunehmend in virtuellen Räumen erzeugt. Wie privat oder öffentlich ist jedoch der „virtuelle Stammtisch“? Wo seine Grenze? Tatsächlich haben wir es mit zwei Effekten zu tun: Einerseits mit einem verstärkten Rückzug in die von außen isolierte Informations-Parallelgesellschaft, die durch die Filterblasen und Echokammern von virtuellen Medien eine neue Dynamik erhält. Andererseits sind die virtuellen Hass-Fluten umgekehrt Teil der Rückeroberung des öffentlichen Raumes. Die alte Losung „Massen-Kommunikation als Massen-Partizipation“, die sich früher noch anhand der inszenierten Aufzüge und Massenversammlungen organisierte, trifft angesichts der sozialen Medien auf veränderte Möglichkeiten: Die „Masse“ bleibt hierbei nicht mehr bloße Zuhörerin, sondern erhält nunmehr verstärkt eine Sprechposition. Gerade das „Sharen“ von ein und derselben Botschaft verstärkt die Inszenierung einer immer mit sich selbst einigen Kollektiv-Stimme. Man traut sich wieder! Dabei hilft, dass sich die virtuelle Masse mitunter diffus und schwer greifbar aufbläst. So halten etwa wenige Trolle nicht selten Foren von Online-Medien in Dauerbeschlag und spammen die „Lügenpresse“ mit Drohbotschaften zu.

Antisemitische Codes im Web

Zunehmend vereinen virtuelle Technologien auch das Medium mit dem totalisierenden Wiederholungszwang, sich in der Abwehr des „Anderen“ immer wieder seiner Selbst zu vergewissern. So entwickelte die sogenannte, rechtsextreme Alt-Right-Bewegung ein Tool zum Online-Harassment, den sogenannten „Coincidence Detector“, der Namen von Personen und Einrichtungen, die verdächtigt wurden jüdisch zu sein, automatisch auf jeder im Browser aufgerufenen Webseite kennzeichnete. Das Plugin umfasste um die 8800 Namen, die von den ca. 2500 Benutzer*innen zusammengetragen wurden, bevor es von Google offiziell aus dem Chrome Store entfernt wurde. Namen wurden hierbei mit mehrteiligen Klammern versehen, zum Beispiel (((Goldberg))). Diese sogenannte „Echo“-Klammer war vor dem Frühjahr 2016 noch relativ unbekannt, bis sie von der Alt-Right auf Twitter verbreitet wurde. Ihr Ursprung wird auf den rechtsextremen Blog The Right Stuff zurückgeführt, dessen Podcast The Daily Shoah jüdische Namen mit einem cartoonartigen Echoeffekt verfremdete. So heißt es im „Lexikon“ des Blogs „all Jewish surnames echo throughout history“ – eine Umschreibung für das antisemitische Bild „des Juden“ als „ewigen Unheilstifter“. Hieraus entwickelte sich bald der antisemitische (((echo)))-Code. Dieser gewährleistet den Autor*innen von Hate-Postings darüber hinaus eine gewisse Schutzfunktion, da Klammer-Zeichen von gängigen Suchmaschinen nicht verarbeitet werden. Offenkundig bleibt, dass diese Sprache und ihre Techniken ebenso sehr als Drohung fungieren wie sie das Ausmaß der antisemitischen Verfolgungsgelüste verdeutlichen.

Sprache und Wortgewalt

Wenn sich die faschistoide Sprache durch etwas auszeichnet, dann wohl dadurch, dass sie zuallererst nicht nur Affekt- sondern eigentlich Gewaltsprache ist. Sprachliche Mittel sind hierbei die notwendige Vorbereitung physischer Gewaltakte im Sinne der Objektivierung bis hin zur Entmenschlichung des Gegenübers. Manchmal scheinen diese heute harmloser als etwa die bekannten Parasiten- und Tiermetaphern der Neonazis. Aber auch Wortkreationen wie „Willkommensklatscher“ dienen dazu, Menschen auf ihr angeblich schädliches Verhalten zu reduzieren. Auch schwingt schon der Ruf nach der gewünschten Sanktionierung mit: jemandem „eine klatschen“ als Synonym für Schlagen. Und auch in Neonazi-Kreisen wird zum gemeinsamen „Klatschen gehen“ aufgerufen.

Die extreme Rechte modifiziert ihre Ideologie jedoch nicht nur, indem sie ihre eigenen Codes und Begriffe erschafft: Wenn sie sich etwa scheinbar positiv auf „Direktdemokratie“ bezieht, tarnt sie sich nicht nur als moderat, sondern wirkt zugleich daran, das allgemeine Verständnis von Demokratie umzudeuten. Es ist die Verkrustung der ideologischen Struktur selbst, die zugleich eine gewisse Offenheit und Situationselastik gewährleistet. Denn die Eingeweihten wissen ohnehin stets was gemeint ist, ganz nach dem Schema sich unbekannter Männer, die an der Bar ein Gespräch beginnen: „Die Frauen!“ Zunicken. „Ja, die Frauen!“ Dialog Ende. Damit ist alles gesagt. Die Gemeinschaft, stets die Familie darin imitierend, ein emotionaler und kein funktionaler Zusammenhang zu sein, versteht sich eben bzw. meint dies zu tun. Sie begreift ihr Sprechen nicht als Ausdruck ihrer eigenen Obsession – weshalb sie auch ihrer Propaganda, selbst wenn sie diese bis zum Erbrechen wiederkäut, nicht müde wird.

Faschistoide Sprache ist jedoch noch auf eine grundlegendere Art und Weise bereits gewaltsam, insofern sie nicht auf (wechselseitige) Verständigung bzw. (sich) Verstehen ausgerichtet ist, sondern auf Einordnung bzw. Unterwerfung. So kreist sie um den eigenen Affekt und kennt dabei nur das „Außen“ und das „Innen“. Dazwischen gibt es kein „Wir“ mehr im eigentlichen Sinne, nämlich dem einer zwischenmenschlichen Bezogenheit unterschiedlicher Individuen. Es gibt nur das Massen-“Wir“ der Ich-Auflösung und des Gleichtaktes. Auch werden die Zeichen nur bedingt durch Stringenz oder Logik zusammengehalten. Darum braucht es die Figur des (ohnehin real zumeist abwesenden) „Führers“. Er ist weniger zum Führen da, denn als Garant für die symbolische Ordnung an sich. In diesem Sinne erweisen sich einerseits Sprachhandlungen (der Gruß, das Versprechen, der Befehl, die Denunziation) sowie ein Primat der Bilder und Symbole als zentral. Es ist schließlich der Krieg, in dem die Verallgemeinerung des Befehls als sprachliche Form ihren Höhepunkt findet. 10 Und es ist umkehrt die Idee des permanenten Krieges (Leben als Kampf), die immer schon die faschistoide Sprache durchzieht.

Es wird Zeit, sich bewusst zu werden, dass ein „Aufwind im rechten Lager“, wie es etwa der Leiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BVT), Peter Gridling, etwas verblümt ausdrückte, vor allem mit einem einhergeht: der Freisetzung des im Rechtsextremismus angelegten Gewaltpotenzials – sei diese virtuell oder „real“.


(1) Georg Seeßlen: Das zweite Leben des „Dritten Reichs“. (Post)nazismus und populäre Kultur. Teil 2. Bertz und Fischer, Berlin 2013. S.176
(2) Janine Chasseguet-Smirgel: Das Ichideal. Psychoanalytischer Essay über die „Krankheit der Idealität“. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1987. S.86
(3) Helmut Dahmer: Ideologiekritik – gestern und heute. In: Widerspruch. Münchner Zeitschrift für Philosophie 50/2009. S.29
(4) Sigmund Freud: „Konstruktionen in der Analyse. Studienausgabe. Ergänzungsband.“ S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1975. S.405
(5) Andreas Peham: „Rassistische Gemeinschaft 4.0. Zur virtuellen Massenbildung gegen Geflüchtete.“ In: Österreich in Geschichte und Literatur mit Geographie. 2017, in Erscheinung.
(6) Guy Debord: „Die Gesellschaft des Spektakels.“ Edition Nautilus, Hamburg 1978. S.4
(7) Dahmer 2009, S.29
(8) Ebend.
(9) Georg Seeßen/Markus Metz: „Hass und Hoffnung. Deutschland, Europa und die Flüchtlinge.“ Bertz und Fischer, Berlin 2016. S.9
(10) Konrad Ehlich: Über den Faschismus sprechen. In: Ders. (Hg.): Sprache im Faschismus.“ Suhrkamp, Frankfurt am Main 1989. S.20

online seit 28.08.2017 16:59:38 (Printausgabe 79)
autorIn und feedback : Carina Klammer




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