menueleiste1
home archiv suche messageboard abo hier gibts malmoe feedback alltag verdienen regieren widersprechen funktionieren tanzen erlebnispark
  Labyrinth #5 - Donald Trump – und jetzt?

Es ist passiert. Trump ist Präsident. Wo bleibt die Revolution?

Eines haben wir Slavoj Žižek zu verdanken: Mit seiner provokativen Unterstützungsbekundung für Donald Trump hat er die US-Wahl in ein neues Licht gerückt. Für viele Linke war der Wahlkampf von absurden Hoffnungen in Hillary, großer Ratlosigkeit oder gar Gleichgültigkeit geprägt. Žižeks Abneigung gegen Hillarys „impossible all-inclusive coalition“ besitzt einen Kern von Wahrheit, der in Anbetracht ihres Rivalen, dem „No-Go-Trump“, kaum Ausdruck fand. Es ist der Status Quo in westlichen Demokratien, der diese absurde Konstellation der schlechten Alternativen erst produzierte.

Die Vielzahl der Reaktionen auf Žižeks Wahlempfehlung sprechen Bände. Es haben sich dabei vor allem zwei Seiten herauskristallisiert. Einmal jene, die Žižek zustimmten und die Wahl von Trump als „big awakening“ und zur letzten aller Chancen für Veränderung von links hochstilisierten. Auf der anderen Seite standen jene, die darin unter den jetzigen Bedingungen alles andere als eine Möglichkeit zur positiven Veränderung sahen. Zu glauben, dass der Schock eines Wahlsiegs von Trump etwas zum Besseren wenden könnte, oder zumindest einen Schritt in ein neues, wenn auch kaltes Gewässer ermöglichen würde, sei selbst ideologisch.

Revolution oder Status Quo? Entweder, oder?

Spätestens nach der Wahl ist klar, es gibt keine Revolution. Im Gegenteil. Einen wünschenswerten Bruch mit dem Status Quo zu beschwören entpuppt sich als eine Phantasie, die man nicht einmal zynisch nennen kann. Die ersten Reaktionen auf Trumps Triumph waren hate crimes, darunter Übergriffe auf Personen, Beleidigungen, Hakenkreuze und rassistische Parolen auf Häuserwänden und Autos. Mit Verweis auf das Wahlergebnis verkündet der weiße Wutbürger: „America is great again!“.

Dennoch: Auf Fassungslosigkeit und Schock­starre folgten auch landesweite Proteste unter dem Motto „Not my president!“. Viele diskutieren jetzt über langfristige Strategien, um für eventuelle Politiken, die Trump in seinem Wahlkampf angekündigt hat, so gut wie möglich gewappnet zu sein. Eine Frage steht dabei auch Wochen nach dem Wahltag im Raum: Wie konnte es überhaupt so weit kommen?

Die Ursachenforschung führt den Blick unweigerlich auf die Niederlage von Hillary Clinton. Mit den sicher geglaubten Stimmen von Frauen, Minderheiten und allen anderen von Trump Beleidigten, wollte sie Präsidentin werden. Im Wahlkampf vertraute sie deshalb am meisten auf ihre ritualisierten Bekenntnisse für die Ausgegrenzten der amerikanischen Gesellschaft. Clinton als links zu bezeichnen wäre falsch, ihre Niederlage entpuppt aber die gegenwärtige Praxis der „identity politics“ als ein Dilemma der Linken. Viele der wichtigsten Errungenschaften der letzten dreißig Jahre gehen zweifellos auf Identitätspolitiken zurück. Diese müssen verteidigt werden. Sie werden aber dann zum Eigentor, wenn sie sich mit dem Status Quo auf eine Weise anfreunden, dass Clinton sie ohne Probleme für ihren Wahlkampf verwenden kann. Denn eine Identitätspolitik à la Clinton steht dem rechten „Kulturkampf“, wie er von Trump geführt wurde, in einer Gesellschaft der permanenten Krise machtlos gegenüber. Das heißt auch, dass weiße Wutbürger*innen ihre vermeintliche Unterdrückung durch Migrant*innen, die „politische Elite“, die „jüdische Weltverschwörung“, „Feministinnen“ und die „politisch Korrekten“ phantasieren können, ohne dass man dem wirklich etwas entgegenzusetzen weiß.

Viele, die nicht Trump gewählt haben, fragen sich nun, was linke Identitätspolitik sein kann. Tägliche Lippenbekenntnisse am Arbeitsplatz und Grundsatzpapiere der Universitäten, die für diversity einstehen? Wie ist es möglich, dass diese Errungenschaften auf einmal dermaßen auf dem Spiel stehen? Und weshalb war vor allem eine weiße, den sozialen Abstieg fürchtende Mittelschicht für Trumps „Kulturkampf“ zugänglich?

Wenn diese Fragen nun diskutiert werden, dann ist das der positive Trump-Effekt.

Hierzulande sollte man sich am besten jetzt schon die Frage stellen, wie ein ähnlicher „Strache-Moment“ aussehen könnte. Revolution oder Status Quo? Mit ziemlicher Sicherheit keines von beidem.


online seit 22.02.2017 10:00:51 (Printausgabe 77)
autorIn und feedback : Laurin Lorenz, Volkan Ağar




Europa im Herbst

Was ist überhaupt eine Revolution? Geschichte eines verblassenden Begriffs
[05.11.2017,Frank Jödicke]


Über Leben und Tod der ­Marxistischen Linken

Ein Interview mit Sebastian Vetter von der ­Platypus Affiliated Society
[05.11.2017,Interview: Adrian J. Haim]


Revolutionäre Feierlaune

So feiert die Welt
[05.11.2017,Redaktion]


die nächsten 3 Einträge ...
 
menueleiste2
impressum kontakt about malmoe newsletter links mediadaten