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  Tränen und Tatendrang

Eine Momentaufnahme aus einer US-Metropole, in der fast alle demokratisch gewählt haben

In Chicago haben über 80 % der Wähler*innen für Hillary Clinton gestimmt. Keine 24 Stunden vergingen nach Bekanntwerden des Wahlergebnisses bis sich Tausende vor dem zweithöchsten Wolkenkratzer der Windy City, dem Trump Tower, zum Protest versammelten. Neben New York, Boston und Los Angeles ist Chicago eines der Epizentren der Anti-Trump-Proteste.

Not my president!

Tag vier in Trumps Amerika: Über 2000 Personen demonstrieren in Downtown Chicago, der Verkehr liegt teilweise lahm. Auch Stunden nach Ende der Großdemonstration können sich viele nicht vom Trump Tower trennen. Der Turm, der an einen eisernen Zahnstocher erinnert, wird von mehreren Dutzend Polizeibeamten gesichert. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen wütende Demonstrant*innen und skandieren „Not my president!“ oder „Love Trumps Hate!“. Eine fein gekleidete, ältere Dame hält das schlichteste aller Plakate in der Hand: „Fuck Trump!“ steht darauf. „Schaut euch dieses wunderschöne Gebäude an. Leider steht es für Hass, Hetze und Rassismus“, spricht der 25-jährige Samer Hassan zur Menge und zeigt auf Trumps Luxushotel. „Ich bin schwul. Ich bin ein Migrant. Ich bin all das, wogegen Trump hetzt. Deswegen bin ich seit vier Tagen hier“, erzählt Hassan später mit heiserer Stimme. Eine Frau mit Bernie-Sanders-Button auf der Jeansjacke sitzt daneben auf einer Bank. Auf ihrem Plakat steht: „Put avocado on racism, so white people will pay attention“. „Mir ist kotzübel. Ich schäme mich, Amerikanerin zu sein“, ergänzt sie. Als sich die Menge Richtung Wabash Avenue Bridge bewegt, um den Chicago River zu überqueren, eilt sie hinterher. Es ist die dritte von vier Spontandemonstrationen an diesem Abend. Zahlreiche Autofahrer*innen hupen dem Demonstrationszug Solidarität zu. Ein Paar mittleren Alters, das dem Protestzug entgegenkommt, reißt die Fäuste in die Höhe und ruft: „Go Trump!“ „Das ist ein friedlicher Protest!“, entgegnet jemand aus dem Demonstrationszug. Zu Handgreiflichkeiten kommt es nicht.

Strategie und Struktur

Auch sogenannte „mass meetings“ finden in den Tagen nach der Wahl statt. Ihr Ziel: langfristige Strategien gegen Trump diskutieren und dem Protest Struktur geben. Das größte mit über 300 Besucher*innen kommt im „Centro Autónomo de Albany Park“ zusammen. Albany Park ist eines der migrantischen Zentren von Chicago. Hier sind viele Menschen aus Mexiko und Guatemala, aber auch aus Südostasien, dem Nahen Osten und Ex-Jugoslawien zuhause. Gastgeber des Treffens ist das Protestbündnis Answer Coaltion. Wenn auch viele andere Organisationen involviert sind, ist Answer bei den Anti-Trump-Protesten in Chicago so präsent wie keine andere. Auf Facebook erzielt das Protestbündnis die höchsten Teilnehmer*innenzahlen für die Demonstrationen.

Answer steht für „Act Now to Stop War and End Racism” und wirbt damit, bereits drei Tage nach den Terroranschlägen von 9/11 gegründet worden zu sein. Auf ihrer Website kann man nachlesen, dass sie die größten Massendemonstrationen gegen den Irak-Krieg organsiert hat – teilweise mit Teilnehmer*innenzahlen über 100.000. Auch steht in der Selbstbeschreibung, dass die Organisation 2014 in Washington D.C. eine der bisher größten anti-israelischen Demonstrationen in den USA leitete, bei der nach eigenen Angaben 50.000 gegen „israelische Massaker“ liefen.

Beim ersten „mass meeting“ eine Woche nach der Wahl begrüßt Answer-Mitglied Stefanie die Anwesenden. Im größten Raum des „Centro Autónomo“ ist kein Platz mehr frei, viele sitzen auf dem Boden, andere lauschen vom Flur aus. Kamerateams und Medienvertreter*innen sind anwesend. „Wir glauben nicht an Politiker*innen!“, sagt Stefanie. Unter abwechselndem Jubel und Buhrufen schimpft sie über die Demokratische Partei: „Letzte Woche haben sie noch von der Trump-Apokalypse gesprochen. Jetzt wollen sie, dass wir die Wahl zum Wohl unseres Landes akzeptieren, diese Heuchler!“ Deshalb brauche es jetzt eine Bewegung, die unabhängig vom Establishment sei. Eine Bewegung, gegen die „weder Washington noch die Wall Street oder das Pentagon“ etwas tun können. „Für den bevorstehenden Kampf sind wir bereit, mit allen zusammenzuarbeiten, die Widerstand gegen Trump leisten wollen“, beendet sie ihre Rede und ruft: „What do we want?. Die Anwesenden antworten: „Justice!“ „When do we want it ?“ – „Now!“

„Ich bin eine Latina und ich bin stolz darauf!”, stellt sich die Studentin Cassandra Suarez als nächste Rednerin vor. Während sie mit den Tränen kämpft, applaudieren ihr die Anwesenden. “Ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal vor so vielen Leuten sagen würde!“ Eine andere junge Frau, Chanel Jeffries, besteht darauf, dass das Zweiparteiensystem versagt habe und dass Rassismus nicht erst seit Trump ein Problem sei. Das wisse sie, weil sie als queere, schwarze Frau in einem Südstaat aufgewachsen sei: „Vielleicht ist Trump eine Chance“, sagt sie und begründet: „Hätte Hillary gewonnen, wären alle zufrieden nachhause gegangen. Jetzt haben wir die einzigartige Chance, viele Leute zu mobilisieren.“

Das mass meeting endet mit einer Ankündigung. Am 20. Januar, wenn Donald Trump vor dem Kapitol in Washington D.C. mit einer Zeremonie in sein neues Amt eingeführt wird, will Answer mit Zehntausenden vor Ort sein. Auf der Pennsylvania Avenue, jener Straße die den Angelobungsort mit dem Weißen Haus verbindet, soll ein Massenprotest stattfinden.

Das Allerwichtigste: Schutz

Liz Dumler vom „Chicago Intersectionality Action Committee“ nennt „Freiwilligenarbeit und Anrufe bei Abgeordneten“ als zwei langfristige Maßnahmen, mit denen man Trump entgegentreten kann. Ihr „Committee“, eine Art Nachbarschaftsforum, sei aus einem ihrer Facebook-Posts in der Wahlnacht hervorgegangen. In Logan Square – einst puertorikanisches Arbeiterviertel, das, anders als Albany Park, mittlerweile durchgentrifiziert ist und mit coffee shops und Bars lockt – suchten nach der Wahl viele Leute eine Möglichkeit, aktiv zu werden, irgendetwas gegen Trump zu unternehmen. 200 Zusagen habe deshalb das nächste, zweite Treffen des Committees schon, das in einer Bar im Viertel stattfinden werde.
Liz, die als Krankenschwester arbeitet, erzählt, dass ihre Generation unter Präsident Obama groß geworden sei– unter einem Präsidenten, „der nicht perfekt ist, aber auch kein Rassist“. Der Wahlsieg Trumps habe die Illusion von der geglaubten Sicherheit nun zerstört: „Die Menschen merken, dass sie selbst aktiv werden müssen, wenn sie sich und Freund*innen schützen wollen.“

Beim kommenden Treffen werde man deshalb über ganz konkrete Handlungsmöglichkeiten sprechen. Freiwilligenarbeit zum Beispiel, etwa bei der „Logan Square Neighbourhood Group“, die sich gegen Abschiebungen und Zwangsräumungen im Viertel einsetzt, oder bei anderen Gruppen, die gegen Polizeigewalt arbeiten oder LGBTQ ohne Obdach unterstützen. Gerade weil Trump bestimmte Gruppen mehr bedrohe als andere, sei solche Arbeit jetzt so wichtig wie noch nie. Auch wolle sie Besucher*innen des Treffens dazu ermutigen, Abgeordnete anzurufen. In den USA seien Abgeordnete gesetzlich verpflichtet, mit ihren Wähler*innen zu sprechen. „Als Trump den Rechtsextremen Steve Bannon zum Chefstrategen im Weißen Haus ernannt hat, habe ich meine Abgeordnete angerufen und sie hat mir zugehört“, sagt Liz. „Nicht nur Trump soll wissen, dass wir ihn beobachten, sondern auch die Abgeordneten. Weil irgendwann wieder gewählt wird, werden sie uns nicht ignorieren.“

Auf die Frage, wie es überhaupt dazu kommen konnte, das Trump Präsident wurde, antwortet sie ohne lange nachzudenken: „Entrechtet und vergessen“ fühlten sich viele Menschen – „vor allem Menschen auf dem Land“, von denen sich die Demokrat*innen abgewandt hätten. Das wisse sie, weil sie selbst im Südosten von Ohio aufgewachsen sei – dort wo die Kohlewerke geschlossen wurden und die Menschen jetzt arbeitslos sind. Und Trump habe diese Menschen – anders als Clinton – direkt angesprochen. So prompt Liz eine Antwort liefert, so schnell wendet sie sich von der Frage nach den Ursachen auch wieder ab: „Viel dringender ist jetzt doch die Frage, wie wir die Menschen schützen können, die Trump im Visier hat. Das ist jetzt das Allerwichtigste!“

online seit 22.02.2017 09:49:55 (Printausgabe 77)
autorIn und feedback : Volkan Ağar




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