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  Über das Ende des Kuschelfeminismus

Merle Stöver macht Schluss: Genug gekuschelt, wir müssen reden, findet sie. Über Antisemitismus in feministischen Szene-Zusammenhängen.

Ein Porträt einer jungen Frau, die nicht aufgibt.

Merle Stöver ist politische Aktivistin, Feministin und kämpft gegen jede Form des Antisemitismus – und das nicht erst seit gestern. Die 21-jährige in Berlin lebende Bloggerin scheut sich nicht vor Konflikten und klaren Positionierungen. Dass ihr dabei auch mal rauer Wind entgegenbläst – nicht nur von Seiten der Maskulinisten, sondern auch von Feminist_innen –, hält sie nicht auf, denn ihr Motto frei nach Rosa Luxemburg lautet „trotz alledem und alledem“.

„Ich frage mich doch, wie viel man aushalten muss, wie viel „Diversität“ Bündnisse vertragen und warum es dann doch immer ausgerechnet die Debatte um Antisemitismus ist, die immer wieder ausgeklammert oder als unwichtig deklariert wird. Und da es ja nur um Israel ginge und nichts mit Antisemitismus zu tun habe, reiche dann halt auch das Verbot von Nationalfahnen, um das Bündnis zusammenzuhalten und um sich nicht mit den Positionen der Frauen, die den feministischen Kampftag für ihre israelhassenden Parolen instrumentalisieren, auseinandersetzen zu müssen. Kuschelfeminismus, ahoi!“

Keine Romantikerin. Das schreibt Merle Stöver auf ihrem Blog The Anti in Romantic und plädiert im Blogbeitrag „Schluss mit dem Kuschelfeminismus“ für eine Diskussion über blinde Flecken bezüglich Antisemitismus in der feministischen Szene sowie darüber, was in feministischen Bündnissen Platz haben darf und was nicht. Denn oft scheint es ihr so, als hätten manche Feminist_innen keinen Begriff von Antisemitismus, wie Stöver erklärt: „In jeder Stellungnahme linker Gruppen findet man gewisse Aufzählungen von Diskriminierungsformen, in der meist an letzter oder vorletzter Stelle „Antisemitismus“ geschrieben steht – meist, ohne dass die Verfasser_innen wissen, was Antisemitismus tatsächlich ist, wie er funktioniert und dass er sich nicht ohne Weiteres in eine Aufzählung von Unterdrückungsmechanismen setzen lässt.“ Dass sich Antisemitismus ganz klar von Rassismus unterscheidet, will man nicht so wirklich berücksichtigen – immerhin ginge es ja bei Intersektionalität darum, Diskriminierungsformen nicht gegeneinander auszuspielen. Dass mit der Nichtbenennung oder mit dem bloßen Anhängen bei einer Aufzählung von Antisemitismus ein wesentlicher Teil emanzipatorischer Gesellschaftskritik verloren geht, ist jedoch mehr als ein blinder Fleck.

Und dann sind da noch die Feminist_innen, die ganz bewusst antisemitische Aussagen tätigen oder Kampagnen unterstützen. Um für das Thema „Antisemitismus und Feminismus“ zu sensibilisieren und darüber in einem feministischen und solidarischen Rahmen zu diskutieren, gab es März 2016 am Frauenbarcamp in Berlin einen Workshop von Stöver. Vielfach ist nicht bekannt, dass anerkannte Feminist_innen wie Laurie Penny und Angela Davis Anhängerinnen der antisemitischen Hetzkampagne „Boycott, Divestment and Sanctions“ (BDS) sind. Laurie Penny setze sich dabei, wie sie auf facebook schrieb, „für das Recht der Menschen, Israel zu boykottieren“ und für die Palästinenser_innen ein. Über die Hamas und andere islamistische und misogyne Organisationen verliert man natürlich kein Wort und bezeichnet schon mal – wie Laurie Penny, ebenfalls auf facebook – den Gaza-Streifen als „Freiluftgefängnis“. Auch Judith Butler unterstützt die BDS-Kampagne und ist ihr gegenüber gleichzeitig indifferent. „I do support the Boycott, Divestment and Sanctions movement, but I reject some versions and accept others. I do not accept any version that discriminates against individuals on the basis of their national citizenship“, meinte Butler 2012 anlässlich der Verleihung des Adorno-Preises an sie gegenüber der israelischen Tageszeitung Jerusalem Post.

Wenn auf Twitter die Fetzen fliegen. In ihrem Seminar am Barcamp in Berlin zeigte Stöver diese und andere Beispiele auf. In ihrem Workshop vor Ort sowie auf Social Media (auf Twitter unter dem Hashtag #frauenbarcamp) gingen die Wogen hoch. „Durch ihre (Pennys) Verlegerin auf meine Session-Ankündigung aufmerksam geworden, verlangte Laurie Penny in einer Öffentlichkeit von 150.000 Follower_innen auf Twitter eine Erklärung meinerseits, wieso ich sie als Antisemitin bezeichnet hätte“, schreibt Stöver auf ihrem Blog. Dabei half auch „eine Feststellung, dass Laurie Penny an keiner Stelle als Antisemitin bezeichnet wurde“ nicht.

Die Folge war ein massiver Shitstorm auf Twitter gegen Stöver. Die Frauen*solidarität, die in der feministischen Szene sonst hochgehalten und eingefordert wird, gilt scheinbar nicht für Feminist_innen, die Antisemitismus in den eigenen Reihen kritisieren: „Gerade eine feministische Aktivistin, die sich doch der Unkontrollierbarkeit eines Mediums wie Twitter bewusst sein sollte, wirft ihrem Publikum eine andere Feministin mit deutlich kleinerem Account zum Fraß vor“, schreibt Merle Stöver auf ihrem Blog. Dabei zeigt sich, dass Stöver wohl einen Nerv getroffen hat: „Kaum geht’s darum, den eigenen Hass auf Israel zu verteidigen, ist eben Feminismus dann doch irgendwie Nebensache.“ Zum Glück gab es Solidarität vom Frauenbarcamp, das sich hinter die Referentin Merle Stöver stellte.

Erster Halt Feminismus, zweiter Halt Antisemitismus. Doch was hat Merle Stöver dazu bewogen, sich eingehend mit den Themen Feminismus und Antisemitismus auseinanderzusetzen? „Ich bin mir ziemlich sicher, dass nahezu jedes Mädchen oder jede Person, die in gesellschaftliche Anforderungen an Geschlecht und Begehren nicht reinpasst, diese Ungerechtigkeiten bemerkt“, sagt sie im MALMOE-Gespräch. Doch sich dieser Ungerechtigkeiten nur bewusst zu sein und nicht aktiv selbst dagegen vorzugehen, kam für Stöver nicht in Frage. „Ich wollte mich nicht länger ohnmächtig fühlen und dem nichts entgegnen können.“ Bereits früh setzte sie sich mit Feminismus auseinander und war froh darüber, Antworten auf ihre Frage, wie diese Diskriminierungen funktionieren, zu bekommen. Im Alter von 15 Jahren wurde sie bei den Jungsozialist_innen (kurz: Jusos) in ihrer Heimatstadt Itzehoe im norddeutschen Schleswig-Holstein aktiv. Als Jugendorganisation der sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) stehen die Jusos in kritischer Solidarität zur Partei und verstehen sich laut Angaben auf der eigenen Website als „sozialistischer, feministischer und internationalistischer Richtungsverband“. Merle Stöver war in Schleswig-Holstein stellvertretende Landesvorsitzende der Jusos, bis sie 2013 nach Ungarn ging. Nach dem Umzug nach Berlin ist sie heute immer noch Mitglied im Kreisvorstand der Jusos in Berlin-Lichtenberg.

Mit Antisemitismus habe sie sich erst später intensiver auseinandergesetzt und Stellung bezogen, erzählt sie im Gespräch mit MALMOE: „Antisemitismus wird in den meisten linken Gruppen eher nur mitgenannt und nicht als Phänomen bearbeitet und verstanden. Die Auseinandersetzung damit ist für mich aber immer wichtiger geworden: Spätestens der Gaza-Krieg und die Angriffe auf Jüdinnen und Juden in Europa haben mir klar gemacht, wie wichtig es ist, öffentlich mit Israel solidarisch zu sein.“ Während in Österreich sozialistische Gruppierungen eher in einer antiimperialistischen Tradition und teilweise sogar ablehnend gegenüber Israel stehen, sind die Jusos in Deutschland Israel gegenüber solidarisch. Das schließt die eine oder andere Diskussion laut Stöver aber nicht aus: „Trotzdem diskutieren wir den Nahostkonflikt intensiv. Ich vertrete radikalere Positionen als mein Jugendverband, aber habe trotzdem immer das Gefühl, dass fair diskutiert wird. Das macht den großen Unterschied gegenüber anderen Organisationen. Deshalb stehe ich auch bis heute den Jusos solidarisch gegenüber, auch wenn ich dort nicht mehr allzu viel mache.“ Die Jusos machen regelmäßig Delegationsreisen nach Israel und empfangen Jugendliche, die bei der israelischen Meretz und Avoda oder bei der palästinensischen Fatah organisiert sind. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass viele unheimlich viel Ahnung von der Realpolitik vor Ort haben, sich aber wenig mit Antisemitismustheorie auseinandersetzen. Aus meiner Sicht braucht es beides“, resümiert Stöver. Im Gespräch hat man das Gefühl, dass sie immer eine schlagfertige Antwort parat hat und weiß, wovon sie spricht.

Seit drei Jahren studiert Stöver Soziale Arbeit an der Alice Salomon Hochschule in Berlin und schreibt ihre Bachelorarbeit über Antisemitismus in feministischer Theorie und Praxis. Somit verbindet sie ihre politisch theoretische Leidenschaft für Feminismus und gegen Antisemitismus im Studium. „Engagement gegen Antisemitismus ist trotzdem an vielen Hochschulen ein Problem. Im Studium hat Feminismus eine große Rolle gespielt, an meiner Uni liegen die Schwerpunkte der Lehre auf Gender Studies und antirassistischer Sozialer Arbeit. Gerade die Arbeit mit Geflüchteten hat einen hohen Stellenwert für uns. Trotzdem glaube ich aber, dass Antisemitismus eher nebenbei bearbeitet wird und sich hier noch einiges ändern muss.“

Kampf an zwei Fronten. So wie Stöver gegen Antisemitismus in der feministischen Szene kämpft, so benennt sie auch Probleme, die ihr in Szenezusammenhängen begegnet sind. Strukturen, die sich mit Antisemitismus auseinandersetzen, seien extrem männlich besetzt. „Das ist verdammt schwer zu durchbrechen. Deshalb kämpft man immer wieder an zwei Fronten: Innerhalb antisemitismussensibler/israelsolidarischer Strukturen gegen mackriges Verhalten und Sexismus und in feministischen Kreisen gegen Antisemitismus.“ Auch wenn es mühsam ist, Merle Stöver vermittelt glaubhaft den Eindruck, nie aufzugeben. Und das ist auch gut so.


online seit 19.09.2016 14:19:26 (Printausgabe 76)
autorIn und feedback : Viktoria Spielmann


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/widersprechen/3204Story of my Life. Zwei Ellenbogen, zwei Fronten: Einsatz gegen Antisemitismus und Sexismus



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