menueleiste1
home archiv suche messageboard abo hier gibts malmoe feedback alltag verdienen regieren widersprechen funktionieren tanzen erlebnispark
Klassenfahrt in die Volksgemeinschaft

Welche Bedeutung hat Klasse heute? Stephan Grigat antwortet im sechsten Text aus der MALMOE 66.

Der Vorstellung von der ‚Einheit der Klasse’ war immer schon ein Quäntchen kollektivistischer Wahn und eine ordentliche Portion Konformismus beigemischt. Allgemeine Emanzipation im Marxschen Sinne bedeutet aber nicht Gemeinschaftssinn, sondern die verwirklichte Freiheit des Individuums, das sich seiner gesellschaftlichen Konstitution bewusst ist. Das Klassenbewusstsein, das sogar bei den avanciertesten Vertretern eines kritischen Marxismus stets als eine Art Geheimwaffe der Emanzipation firmierte, hat sich schon lange selbst entzaubert. Wird das Kapital vor dem Hintergrund der Marxschen Wert- und Fetischkritik als blinder gesellschaftlicher Prozess, als Selbstbewegung eines gesellschaftlichen Ungetüms begriffen, das sich durch das bewusstlose Handeln der gesellschaftlichen Akteure vollzieht und dabei stets und zum Nachteil des überwiegenden Teils der Menschen die Aufspaltung der Gattung Mensch keineswegs nur in Klassen, sondern überhaupt in sich zwangsläufig in erbitterter Konkurrenz feindlich gegenübertretende Monaden produziert und reproduziert, so ist auch der Klassenkampf keine heroische und systemtransformierende Angelegenheit mehr. Die schlechten gesellschaftlichen Verhältnisse können nicht durch die konsequente Wahrnehmung von Interessen aufgehoben werden, da sie diese Interessen selbst konstituieren. Anders gesagt: Lohnarbeiter als Lohnarbeiter wollen mehr Lohn, nicht den Kommunismus. Der Wille und das Interesse, die sich hier artikulieren, sind nicht jene von voraussetzungslosen Subjekten, sondern von gesellschaftlichen Charaktermasken, von Personifikationen gesellschaftlicher Verhältnisse. Die Verwirklichung der Emanzipation kann nicht die Verwirklichung eines Klasseninteresses vom Standpunkt der Arbeit aus sein, sondern nur die Überwindung von Klassen und ihren Interessen. Die Arbeiterklasse kann nicht den Sozialismus aufbauen, sondern der Aufbau des Sozialismus impliziert den Abbau der Arbeiterklasse. Für die 30-Stunden-Woche kann man als Klasse streiten, für die allgemeine Emanzipation nicht.

Revolutionäres Subjekt kann heute nur die Assoziation jener leidenden Menschen sein die gedenken, die Verhältnisse, die das Leid systematisch verursachen, in einem Akt praktischer gesellschaftlicher Selbstreflexion in emanzipativer Absicht aufzuheben. Ist sich dieses Subjekt aber nicht über die drohende Aufhebung des schlechten Bestehenden hin zum Schlimmsten bewusst, kann es kein revolutionäres sein. Die klassenlose Klassengesellschaft, die postnazistische, in Deutschland und Österreich erst durch Faschismus und Nationalsozialismus ermöglichte „Pseudomorphose der Klassengesellschaft an die klassenlose” (Adorno), berührt den Kern jeder Revolutionstheorie. Da der für den Traditionsmarxismus konstitutive Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit kein außerhalb jeglicher Geschichtlichkeit existierendes Verhältnis ist, kann er auch nicht von der negativen Aufhebung der Klassengesellschaft in die deutsch-österreichische Volksgemeinschaft unberührt bleiben. Das proletarische Interesse hat sich im Nationalsozialismus mit dem Staat verbündet und sich an das Vernichtungswerk gemacht. Nachdem die Proletarier in den hiesigen Gefilden in ihrer niederschmetternd überwiegenden Mehrheit zu Prolet-Ariern mutiert sind und sich in den volksgemeinschaftlichen Massenmord integriert haben, müsste jede emphatisch auf den Klassenbegriff rekurrierende Revolutionstheorie vor sich selbst erschrecken.

online seit 28.04.2014 10:40:52 (Printausgabe 66)
autorIn und feedback : Stephan Grigat


Links zum Artikel:
malmoe.org/artikel/widersprechen/2774Ziel: eine klassenlose Gesellschaft
malmoe.org/artikel/widersprechen/2775Kampf oder Krampf? Klasse in postmodernen Zeiten
malmoe.org/artikel/widersprechen/2777Rästel des Seins
malmoe.org/artikel/widersprechen/2778Nicht ohne Marx – und über ihn hinaus
malmoe.org/artikel/widersprechen/2779Klasse gegen Staat und Klasse



Widerstand Tag XYZ

Ein Diskursiv zu den Protesten gegen Schwarzblau (März 2018, MALMOE #82)
[17.11.2018,Redaktion]


"Ich befreie mich aus dem braunen Sumpf" (1)

aus dem Diskursiv:
Widerstand Tag XYZ [16.11.2018,Heide Hammer]


Gegen den Normalzustand

aus dem Diskursiv:
Widerstand Tag XYZ [16.11.2018,Brigitte Theißl]


die nächsten 3 Einträge ...
 
menueleiste2
impressum kontakt about malmoe newsletter links mediadaten