menueleiste1
home archiv suche messageboard abo hier gibts malmoe feedback alltag verdienen regieren widersprechen funktionieren tanzen erlebnispark
Kollektiv Kindergartenaufstand ...

... ist mehr als Arbeitskampf: Auf dem Weg zum Recht auf Bildung

Arbeitskämpfe sind bekannt aus Bereichen wie Metall, Eisenbahn, Autozulieferfabriken und Bergwerken. Also aus als Männerdomänen geltenden Arbeitsbereichen. Seit Februar 2009 steht ein Beruf mit einem Frauenanteil von 99 Prozent auf der Liste der ArbeitskämpferInnen: die KindergartenpädagogInnen. Ganz am Anfang standen Selbstemanzipation und Vernetzung.

DIE ERKENNTNIS, DASS das „auf Veränderungen“ hoffen so schnell nichts ändern wird und die Lehre aus der Geschichte, dass Frauen bisher nie etwas geschenkt wurde, sondern sie stets für ihre Rechte kämpfen mussten, führte zu einem Zusammenkommen engagierter KindergartenpädagogInnen. Es wurden, über verschiedene Trägervereine hinweg, Informationen ausgetauscht und zusammengetragen: Klar wurde, dass es die prekäre Situation in Wiens Kindergärten zunehmend unmöglicher macht, dem Anspruch an die eigene Arbeit gerecht zu werden! Viele Gruppen müssen wegen Personalmangel ohne pädagogische Fachkraft auskommen (und das bei 25 Kindern pro Gruppe), die Langzeitkrankenstände (aufgrund der zu hohen Arbeitsbelastung durch körperliche Anstrengung, Lärm, Stress) werden als verfügbares Personal gerechnet und schönen die Statistiken. Teilweise wird nicht einmal der Mindestlohn bezahlt (Kollektivvertrag gibt es in diesem Bereich immer noch nicht), und es gibt zu wenig bezahlte Vorbereitungszeiten und folglich Arbeit in der Freizeit.

Ein Grossteil der Kolleginnen fühlt sich von den verschiedenen zuständigen Gewerkschaften nicht konsequent vertreten. Daher wurde 2009 ein Versuch gestartet: Rund um die Proteste „Wir zahlen nicht für eure Krise“ im Frühling 2009 wurden KollegInnen und Bekannte aus dem Elementarbildungsbereich angesprochen, Transparente und erste Mailinglisten erstellt. Dass der Kindergartenblock bereits beim ersten Formierungsversuch über sechzig PädagogInnen und BetreuerInnen aufweisen konnte, übertraf alle Erwartungen. Offensichtlich gab es mehr KollegInnen als gedacht, die bereit waren, sich für bessere Arbeits- und Bildungsbedingungen einzusetzen. Der wichtigste Schritt war getan: die Vernetzung von im Kindergartenbereich Tätigen, egal ob sie einem Kindergarten der Stadt Wien, einem konfessionellen oder parteinahen privaten Kindergarten angehörten, ob in Ausbildung oder mit dreißig Jahren Berufserfahrung, ob Teilzeit oder Vollzeit, LeiterIn oder Aushilfskraft. Die meisten waren nach eigener Aussage bisher noch sehr wenig Protest-erfahren. Austausch und Vernetzung fand in Kleingruppen statt, wo auch über mögliche Aktionen nachgedacht und die nächsten Schritte geplant wurden. Das „Kollektiv Kindergartenaufstand“ begann, sich mit Leben zu füllen.

DASS DIE REAKTIONEN DER Gewerkschaft ziemlich zurückhaltend, teils sogar negativ ausfielen, sorgte für Erstaunen und Wut. Unzählige Interviews und Statements in diversen Medien machten klar: In österreichischen Kindergärten kann es so nicht weiter gehen, wenn erstens die „Bildung“ der „Gesellschaft von Morgen“ ernst genommen und zweitens „Frauenarbeit“ – denn mit einprozentigem Männeranteil muss der Kindergartenbereich immer noch als Frauendomäne bezeichnet werden – endlich gesellschaftlich anerkannt werden soll. Innerhalb des Kollektivs entfachten sich besonders rund um die gestellten Forderungen produktive Debatten – Senkung der Kinderanzahl pro Gruppe, Anhebung der Vorbereitungszeiten für Bildungsangebote, Elternarbeit und Weiterbildungen, und die Forderung nach einem kollektivvertraglich festgelegten fairen Lohnschema standen stets im Zentrum. Die Auseinandersetzung mit Arbeitskämpfen der „ErzieherInnen“ in Deutschland 2008 und der Elterninitiativen in Dänemark (wo besorgte Eltern die Kindergärten blockierten, um bessere Rahmenbedingungen zu erwirken!), die Vernetzung mit anderen Initiativen aus dem Bildungs- und Sozialbereich, sowie das ungebremste Engagement Einzelner konnte die österreichische Bildungsdebatte stark beeinflussen.

Die Arbeit des Kollektivs wurde für jede der beteiligten Personen eine immense Bereicherung: Die Erfahrung, etwas bewirken zu können, Medienarbeit, Organisieren von Kundgebungen und Demonstrationen, das Sprechen vor mehreren tausend Menschen, Wissen um Arbeitsrecht und Geschichte von Arbeitskämpfen, verschiedenste Aktionsformen für öffentliche Bewusstseinsbildung, die Auseinandersetzung mit KollegInnen und Chefs zum Thema und vieles mehr beweisen, dass trotz geringer „objektiver“ Erfolge – es gab eine sehr kleine Anhebung der Förderungen für Kindergärten durch die Stadt Wien, diese wurde allerdings nicht von allen Betreibern direkt an die Beschäftigten weiter gegeben – die Wirkung des Kollektivs beträchtlich ist. Ein nächster Schritt wird sein müssen, dass auch Erziehungsberechtigte sich stark machen. Weiters darf sich die Gewerkschaft nicht länger auf das mangelnde Engagement der Trägervereine ausreden und muss die Situation der PädagogInnen und BetreuerInnen im österreichischen Bildungsbereich nachhaltig – und kollektivvertraglich – zu verbessern versuchen.

DASS DER WEG DORTHIN kein einfacher wird, zeigten die Reaktionen auf die mögliche Reform der Ausbildung aller im Bildungsbereich Beschäftigten im Herbst 2011. Die Pläne sahen vor, auch die KindergartenpädagogInnen einzubeziehen und ihre Ausbildung gemeinsam mit der der LehrerInnen auf universitäres Niveau zu heben. Dies hätte eine Aufwertung und höchstwahrscheinlich auch eine bessere Bezahlung mit sich gebracht. Doch die Landeshauptleute sprachen sich dagegen aus: Sie waren nicht bereit, die damit einhergehenden Kosten zu tragen und verhinderten die Reform. Für uns KindergartenpädagogInnen heißt das, einen langen Atem zu haben und es erfordert, dass sich mehr Menschen engagieren.

online seit 04.01.2012 11:26:44 (Printausgabe 57)
autorIn und feedback : Kollektiv Kindergartenaufstand


Links zum Artikel:
www.kindergartenaufstand.atKindergartenaufstand im Netz



Kann man sie glauben machen …

… wenn sie nicht mehr glauben wollen? Die Neuzusammensetzung von Zwang und Konsens in der „Euro-Krise“
[10.05.2012,Lukas Oberndorfer]


Alles was rechts ist

Zwei neue Bücher zur extremen Rechten in Europa
[02.05.2012,Ingo Lauggas]


Vom Hörsaal an das Fließband

Linke Fabrikinterventionen in den 1970er Jahren
[23.04.2012,Beat Weber]


die nächsten 3 Einträge ...
 
menueleiste2
impressum kontakt about malmoe newsletter links mediadaten