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Das Gemeinsame in Revolte

Zu den sozialen Bewegungen der Gegenwart

Nachdem die Analyse der aktuellen ökonomischen Krise wieder auf ihre Ursachen und sozialen Folgen zurückgeführt worden war, hat es nicht sehr viel Vorstellungskraft gebraucht, um städtische Revolten vom Schlag der Jacquerien [1] vorherzusagen. Das Buch „Commonwealth“ [2] hat genau das schon im Jahr 2009 prognostiziert. Was wir damals andererseits nicht erwartet haben, ist, dass in Italien, in der Bewegung, diese Prognose zurückgewiesen werden würde. In der Tat war es so, dass wir als überholt bezeichnet wurden; statt- dessen wurde uns erklärt: Jetzt ist es an der Zeit, breite Fronten gegen die Krise aufzubau- en und innerhalb der Bewegungen Formen der Organisation-Kommunikation-Anerkennung einzuführen, um auf die politische Repräsen- tation abzuzielen.

Die aktuellen Bewegungen

Nun gut, zweifellos stehen wir aktuell Bewegungen gegenüber, die sich in mehr oder weniger klassisch-aufständischen Formen artikulieren und sich mittlerweile überall hin ausgebreitet haben. Dadurch wurde der alten geopolitischen Grammatik, in der so manche starrsinnig weitergedacht hatten, der Boden entzogen. Wovor wir nun stehen, ist also Folgendes:

(1) Ein neues Proletariat, das sich aus prekären und arbeitslosen Arbeiter_innen zusammensetzt und sich in der Krise mit den Mittelklassen verbündet. Das sind unterschiedliche Subjekte, die sich in den Kämpfen auf ungewöhnlichen Wegen verbinden und neue, demokratischere Formen des Regierens fordern, wie in den Ländern des südlichen Mittelmeers. Die politische Diktatur der Ben Alis und die politisch-ökonomische unserer Scheindemokratien sind vielleicht nicht völlig gleich – auch wenn die letzteren über Jahrzehnte die ersteren sorgfältig herangezogen, gestützt und abgesichert haben –, aber zwischenzeitlich gibt es das Drängen in Richtung einer radikalen Demokratie überall, und das stellt eine Gemeinsamkeit der Kämpfe dar. Kämpfe, die auf unterschiedlichen Seiten aufflammen, sich vernetzen und verflechten, sich mit den Forderungen der jeweils anderen kreuzen.

(2) Ein und dieselben sozialen Kräfte, die unter der Krise in Gesellschaften mit Klassenbeziehungen – heute endgültig dem Finanzregime in den industriell und/oder kognitiv produzierenden Ökonomien unterworfen – leiden, bewegen sich mit gleicher Stoßrichtung über unterschiedliche Terrains (zuerst die Bewegungen der Arbeiter_innen, Student_innen und allgemeiner gesprochen, der Prekarisierung; mittlerweile komplexe soziale Bewegungen von der Art der „Acampados“ [3]).

(3) Das Wiederaufflammen von Bewegungen aus einer totalen Verweigerung heraus wird durch eine gesellschaftliche Zusammen- setzung, die – wie so oft – sehr vielschichtig ist, durchzogen: sowohl in vertikaler Hinsicht (z.B. sinken Mittelklassen langsam in Richtung des ausgeschlossenen Proletariats ab) als auch in horizontaler (z.B. in Bezug auf verschiedene Sektoren der Metropolen, hin- und hergerissen zwischen Gentrifizierung und – wie Saskia Sassen bemerkte – „brasilianisierten“ Zonen, wo Bandenkriege die Spuren von AK-47 Kugeln in den Vierteln zurücklassen, wo die einzige – dramatische, entropische – Alternative zu or- ganisierten Kämpfen das organisierte Verbrechen darstellt).

Die augenblicklich stattfindenden englischen Revolten gehören zu dieser dritten Art und sind denjenigen durchaus sehr ähnlich, die vor einiger Zeit die französischen Banlieues bewegt haben: eine Mischung aus Wut und Verzweiflung, Versatzstücke der Selbstorganisation und auch Kristallisationspunkte anderer Art (Nachbarschaftsvereinigungen, Netze der gegenseitigen Hilfe, Fußball-Fanclubs etc.), die heutzutage die Unerträglichkeit der in Trümmer liegenden Existenzen ausdrücken. Die sicherlich verstörenden Trümmer, die solche Revolten übrig lassen, unterschei- den sich am Ende nicht so sehr von dem, was der Alltag für so viele Männer und Frauen heute zu bieten hat: zerbrochene Existenzen auf die eine wie die andere Art und Weise.

Entgegnungen auf gängige Interpretationsmuster

Wie können wir nun, vom Standpunkt des Denkens des Gemeinsamen aus, eine Diskussion über diese vielschichtigen Phänomene eröffnen? Unsere folgenden Argumente haben lediglich die Intention, einen Raum für diese Debatte zu öffnen. Zuallererst einmal scheint es uns notwendig zu sein, einigen Interpretationen, die von den Massenmedien der regierenden Klassen artikuliert wurden, etwas entgegenzuhalten.

Sie argumentieren beispielsweise, nur um einen Anfang zu machen, dass die Bewegungen, von denen wir hier sprachen, aus einem politischen Blickwinkel in ihrer „radikalen“ Unterschiedlichkeit betrachtet werden müssen. Nun gut, es ist offensichtlich, dass sich diese Bewegungen politisch unterscheiden. Aber zu sagen, dass sie das „radikal“ tun, ist schlicht dumm. All diese Bewegungen können in der Tat nicht alleine deswegen als radikal charakterisiert werden, weil sie sich Ben Ali oder anderen Diktatoren widersetzen, oder weil sie Zapateros und Papandreous politischen Verrat öffentlich angreifen, oder weil sie Cameron hassen, oder weil sie die diktierten Strafauflagen der Europäischen Zentralbank ablehnen – was ja alles auch der Fall ist. Als radikal können sie vielmehr charakterisiert werden, weil sie sich weigern, für die Konse- quenzen der Ökonomie und der Krise – also der riesigen Umverteilung von Reichtum zu Gunsten der Mächtigen, organisiert durch die politischen Formen westlicher Regime (sei es demokratisch oder diktatorisch, gleich ob konservativ oder reformistisch ...) – zu bezahlen. (Es gäbe übrigens kein größeres Miss- verständnis als jenes, die Krise als eine Katastrophe zu verstehen, die ein total gesundes ökonomisches System getroffen hat; nichts wäre so heillos wie eine sich daraus speisende Nostalgie nach der kapitalistischen Ökonomie vor der Krise.)

In Ägypten, Spanien oder England sind das also Revolten, die in der gleichzeitigen Verweigerung gegenüber Unterwerfung, Ausbeutung und Raub geboren wurden, die diese Ökonomie der Existenz ganzer Bevölkerungen in der Welt beschert hat. Zum anderen sind es auch Revolten gegen die politischen Formen, mit deren Hilfe die Krise dieser biopolitischen Enteignung bewältigt wurde. Und das stimmt genauso auch für alle sogenannten „demokratischen“ Regime. Eine solche Form der Regierung scheint nur hinsichtlich ihres vermeintlichen „Anstandes“ wünschenswerter, hinter dem sich hier der vernichtende Angriff auf Würde und Menschlichkeit der Existenzen verbirgt. Doch auch dieses Entschwinden politischer Repräsentation ist nun am Punkt seines Zusammenbruchs angelangt. Zu argumentieren, dass es da – den Kriterien westlicher Demokratie nach – radikale Unterschiede zwischen der Repräsentativität von Ben Alis Tunesien und Camerons Tottenham oder Brixton gibt, bedeutet einfach, ein Faktum zu leugnen: Existenzen wurden in beiden Fällen so missachtet und ausgepresst, dass sie gar nicht anders konnten, als in einer Bewegung der Revolte zu explodieren. Und da braucht man gar nicht erst von den Techni- ken der Repression zu sprechen, die England zurück in die Zeiten der ursprünglichen Akkumulation bringen, zu den Gefängnissen von Moll Flanders [4] und den Fabriken von Oliver Twist. Den Kriminalfotos der Jugend in Rebellion, die auf den Wänden und Bildschirmen von Englands Städten zu sehen waren, sollte man wirklich die großformatigen Drucke der „schweinischen Gesichter“ (eine Variante der PIGS [5]?) all der Banker_innen und Bosse der Finanzunternehmen gegenüber hängen, die ganze Gemeinden in diese Situation geführt haben und weiter damit beschäftigt sind, ihre Profite aus der Krise anzuhäufen.

Doch kehren wir zurück zu den Trivialitäten der Zeitungen. Sie sagen auch, dass die einzelnen Revolten sich untereinander von einem ethisch-politischen Standpunkt unterscheiden. Einige wären demzufolge legitim, wie die in den Maghrebstaaten, weil dort die Korruption der diktatorischen Regime zu miserablen Zuständen geführt hat. Die Proteste der italienischen Student_innen oder der spanischen „Indignados“ [6] wären immer- hin noch verständlich, weil „Prekarisierung ist halt schlecht“. Die Revolten des englischen oder französischen Proletariats wären im Gegensatz dazu „kriminell“, da sie sich vermeintlich durch nichts anderes als durch Plünderung von fremdem Eigentum, Randale und „Rassenhass“ auszeichneten. All das ist weitgehend falsch, weil diese Revolten – trotz all der Unterschiede zwischen ihnen, die wir nicht leugnen – dazu tendieren, eine gemeinsame Natur zu haben. Sie sind keine „jugendlichen“ Revolten, sondern Revolten, die die sozialen und politischen Bedingungen dahingehend verstehen, dass sie von einer immer größer werdenden Schicht der Bevölkerung als total untragbar angesehen werden. Das Sinken des Arbeits- und gesellschaftlichen Einkommens hat die Minimalgrenze des Werts der Arbeitskraft unterschritten, die klassische Ökonom_innen und Marx in der Höhe, die die Reproduktion der Arbeitskraft ermöglicht, identifiziert haben. Trotzdem erdreisten sich Journalist_innen dazu, zu behaupten, dass die Kämpfe von einem konsumistischen Exzess angetrieben würden!

Schlussfolgerungen

An dieser Stelle kommt also eine erste Schlussfolgerung. Diese Bewegungen können als „neu zusammengesetzt“ verstanden werden. In der Tat durchdringen sie ganze Bevölkerungen – seien es fix angestellte Arbeiter_innen oder Prekäre, Arbeitslose oder diejenigen, die nur atypische Jobs, Improvisation und undoku- mentierte Tätigkeiten kennen gelernt haben – und zelebrieren Augenblicke der Solidarität im Kampf gegen das Elend. Die absteigenden Mittelklassen und das Proletariat, Migrant_ innen und Nichtmigrant_innen, industriell Beschäftige und kognitive Arbeiter_innen, Pensionist_innen, Hausfrauen und Jugendliche sind durch ihre Armut und zugleich den Kampf gegen sie verbunden. Hier haben sie ihre Voraussetzungen für einen gemeinsamen Kampf gefunden.

Zweitens ist es augenscheinlich (und das ist das, was diejenigen am meisten schreckt, die von den konsumistischen Merkmalen dieser Bewegungen ausgehen), dass sie keine chaotischen und nihilistischen Bewegungen sind, dass sie nicht niederbrennen, um des Niederbrennens willen, dass sie nicht einfach nur die zerstörerische Stärke, ein unbestimmtes „no future“ gutheißen. Vierzig Jahre nach der Punk-Bewegung (die trotz vieler Stereotype leidenschaftlich produktiv war), sind das keine Bewegungen, die das Ende verkünden, das jeder Zukunft eingeschrieben und internalisiert ist; sie wollen vielmehr die Zukunft konstituieren. Sie wissen, dass es die Krise, von der sie betroffen sind, nicht deswegen gibt, weil das Proletariat nicht produziert – sei es unter einem Boss oder unter den generellen Bedingungen sozialer Kooperation, die mittlerweile den Prozess der Verwertung begründen – oder weil von ihm nicht mehr genug produziert wird. Sie wissen, dass die Krise vielmehr deswegen eingesetzt wird, damit ihnen die Früchte ihrer Produktivität wieder gestohlen werden können. Auf den Punkt gebracht bedeutet das, dass sie gezwungen werden, für eine Krise zu zahlen, die nicht ihre eigene ist. Sie haben schon für Gesundheitsvorsorge, Pension und die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung gezahlt, während die Bourgeoisie für Kriege akkumuliert und sie für ihren eigenen Profit enteignet hat. Aber hauptsächlich wissen sie, dass es keinen Weg aus der Krise gibt, solange sie, also die Rebell_innen, nicht Instrumente und soziale Beziehungen, die diese Mechanismen steuern, in ihren eigenen Händen halten. Aber, so könnte eingeworfen werden, das sind keine richtigen politischen Bewegungen. Auch wenn sie – wie die Kritiker_innen hinzufügen – politisch zwar richtige Positionen vertreten haben (wie es schon öfter der Fall war, etwa bei den nordafrikanischen Aufständischen oder den spanischen „Indignados“), stehen diese Bewegungen trotzdem verurteilenswert außerhalb oder zumindest kritisch gegenüber einer demokratischen Grundordnung.

Gewiss ist es so, würden wir gerne hinzufügen: Es ist doch schwierig, wenn nicht unmöglich, innerhalb der aktuellen politischen Ordnung Passagen und Wege zu finden, auf denen ein politisches Projekt, das die aktuellen Strategien zur Überwindung der Krise angreift, umgesetzt werden kann. Rechts und links gleichen sich fast immer. Für die Letzteren sollten Reichensteuern die Einkommen zwischen 40.000 und 50.000 Euros treffen, für die Ersteren diejenigen zwischen 60.000 und 70.000 Euros: Doch kann das der Unterschied sein? Die Verteidigung des Privateigentums, die Ausweitung von Privatisierungen und Liberalisierungen befinden sich auf der Tages- ordnung von beiden politischen Seiten. Die einzelnen Wahlsysteme wurden schon längst auf die ausschließliche und simple Auswahl von Delegierten aus den privilegierten Schichten reduziert und so weiter und so fort. Doch die aktuellen Bewegungen greifen all das an: Und sind sie nun politisch, wenn sie das ma- chen oder nicht? Diese Bewegungen sind po- litisch, weil sie sich selbst auf einem konstitu- ierenden Feld positionieren, nicht auf einem des Bewahrens. Sie attackieren Privateigentum, weil sie es als eine Form ihrer Unterdrückung kennen, und beharren ganz auf Konstitution und Selbstverwaltung von Solidarität, Fürsorge, Bildung – kurz auf Gemeinsames, weil dieses mittlerweile der Horizont für alle alten und neuen Mächte ist.

Gewiss ist es so, dass niemand so blöd ist zu denken, dass diese Revolten umgehend neue Formen des Regierens hervorbringen werden. Was diese Revolten nichtsdestotrotz lehren, ist, dass „das eine Ganze nun in zwei gespalten ist“; dass die scheinbar perfekte Formfestigkeit des Kapitalismus mittlerweile ein altes Trugbild ist, das nie wieder zusammengebracht werden kann; dass das Kapital augenblicklich schizophren ist, und die Politik der Bewegungen sich auch nur inner- halb dieses Bruchs verorten kann.

Wir hoffen, dass die Genoss_innen, die solche Aufstände für ein überholtes Instru- ment autonomer Politik hielten, die Einsicht haben, über das, was hier wirklich los ist, einmal nachzudenken. Es kann nicht darum gehen, dass wir uns auf Grund irgendwelcher parlamentarischen Fristen selbst zermürben, sondern darum, neue konstituierende Institutionen für das Gemeinsame in Revolte zu erfinden, damit wir gemeinsam verstehen können, was uns die Zukunft bringt.

Anmerkungen

Der Text erschien erstmals am 12. August 2011 unter dem Titel „The Common in Revolt“ bzw. „Il comune in rivolta“ auf www.uninomade.org.

Übersetzung: Rainer Hackauf


Fußnoten

[1] „Jacquerie“ wird ein Aufstand der französischen Bauern im Jahr 1358 genannt. Die Aufständischen zerstörten dabei hunderte von Schlössern und ermordeten deren Inhaber_innen. [Anm. d. Übersetzers]

[2] Michael Hardt und Antonio Negri: „Commonwealth“, Harvard University Press, Cambridge 2009 (deutsch: „Common Wealth: das Ende des Eigentums“, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2010)

[3] Bezeichnet die Aktivist_innen der Protestcamps („acampada“), die sich 2011 vor allem im Mittelmeerraum ausgebreitet haben. [Anm. d. Übersetzers]

[4] Moll Flanders, im englischen Original „The Fortunes and Misfortunes of the Famous Moll Flanders“, ist ein von Daniel Defoe verfasster und 1722 erschienener Roman. Die Hauptprotagonistin Moll kämpft in dem Roman darum, ihrer Armut zu entkommen. Im Gefängnis geboren, schafft sie schlussendlich den gesellschaftlichen Aufstieg. [Anm. d. Übersetzers]

[5] PIGS (auf deutsch „Schweine“): Akronym von Wirtschaftsexpert_innen für Portugal, Italien, Griechenland und Spanien, die von der Krise geschüttelten Ökonomien des südlichen Europas.

[6] Bezug genommen wird auf die spanische Protestbewegung der „Empörten“. [Anm. d. Übersetzers]







online seit 13.11.2011 23:32:06 (Printausgabe 55)
autorIn und feedback : Judith Revel und Toni Negri




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