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  Die Verfassung der Wissensarbeit(erInnen)

Über das Davor und das Danach der Bildungsproteste als Ereignis

Organisierungsversuche im Feld der Wissensarbeit haben im Jahr 2009 in Wien eine Konjunktur erlebt – bereits im Frühjahr in partikularen Kämpfen rund um Kollektivvertrag, Kettenvertragsregelung und UG Novelle und letztlich in einer größeren Veranstaltung mit dem Titel „Prekarisierung in der Wissenschaft. Organisieren wir uns?!“ im September. Trotzdem, eine Vorgeschichte der Proteste, die im Oktober mit der Audimaxbesetzung begonnen haben, im eigentlichen Sinn gibt es nicht. Zumindest gab es sie nicht im Bewusstsein, Vorgeschichte zu sein, hatte doch niemand dieses große kollektiv erlebte Ereignis vorhergesehen, das die damals gegenwärtigen Veranstaltungen, Vernetzungsversuche, Mailinglisten etc. zu einem „Davor“ machen würde. Ohne es wären sie vermutlich ohne (sichtbare) Folgewirkung geblieben und schnell in Vergessenheit geraten, so wie die Vielzahl an Aktivitäten, die es kontinuierlich immer schon gab. Erst durch das Ereignis sind sie in einen Rahmen gesetzt, der sie historisch in eine Bewegung einordnet.

Obwohl das Ereignis als solches überwiegend von Studierenden getragen wurde, haben sich auch im Bereich der Lehrenden und Forschenden neue Strukturen wie die Squatting Teachers herausgebildet, die nicht nur Anstoß zu neuen Debatten waren, sondern – nicht zuletzt wegen dieser Debatten – zu einer Neukonstituierung und Stärkung bestehender Organisationsstrukturen (u.a. IG-Externe LektorInnen) beitragen. Von den vielen Themen von freier und alternativer Bildung über vertrags- und arbeitsrechtliche Bedingungen bis zu Protest- und Streikformen, die die Aktivitäten der Squatting Teachers umfasst haben, wollen wir im Folgenden nur zwei Aspekte aufgreifen, die sich auf die Frage des „gemeinsamen Wir“ konzentrieren: die Heterogenität der Protestbeteiligten sowie den Begriff der WissensarbeiterInnen.

Die Heterogenität der Protestbeteiligten

Denn: Von welchen Subjekten, die hier ein Gemeinsames konstituieren, sprechen wir eigentlich? Was tun Leute, die Wissensarbeit machen? Klar ist, dass sie auf verschiedene Weise Wissen produzieren; sei es in Form von Forschung oder in der Lehre oder im Lernen, wo Wissen – in neuen Kontexten präsentiert – nicht bloß re-produziert, sondern neu hergestellt wird. Forschende, Lehrende und Lernende sind aus dieser Perspektive nicht voneinander zu trennen. Dennoch: Das Feld der Wissensarbeit gestaltet sich bekanntermaßen heterogen, quer zu Orten, zu Vertragsformen und zu Zeitverläufen. Eine „freie“ Wissenschaftlerin mit externem Lehrauftrag und diskontinuierlichen Zeitverträgen in außeruniversitären Projektkontexten ist ebenso Wissensarbeiterin wie ein pragmatisierter Professor.

Diese Vielfalt unserer Arbeits- und Lebensumstände kann Schwäche aber auch Stärke gemeinsamer Proteste sein. „Teile und Herrsche“ ist auch im Bereich der Wissensarbeit ein alterprobtes Mittel, um Solidarisierungen und kollektive Kämpfe für gute Arbeitsbedingungen zu unterbinden.

Die „Gespaltenen“ können die Zustimmung zu dieser Teilung allerdings auch verweigern und Unterschiede zur Stärke erheben. Beispielsweise wenn Streiks vorerst von jenen getragen werden, deren Einkommensquelle nicht primär die Universität darstellt, und die daher auch ein geringeres persönliches Risiko tragen. Umgekehrt sind Proteststrategien im Rahmen von Gremien eher den fix an der Uni Verankerten gegeben. Eine diversifizierte Protestkultur unter Nutzung der jeweiligen Stärken ist also möglich, und Ansätze dazu hat es im Rahmen des Squatting Teachers auch gegeben. Solche Arten von Solidarisierung herzustellen braucht allerdings Zeit, Kraft und Raum, braucht auch die „Erlaubnis“, Pause machen zu können, braucht Kontinuität und Auseinandersetzung mit dem eigenen Tun. Und: Sie sind notwendig! Schließlich gilt es einiges zu verändern und zu erkämpfen!

Der Begriff der WissensarbeiterInnen

Denn Wissensproduktion macht Spaß und dient mitunter der Selbstverwirklichung. Und das ist auch gut so ... sollte allerdings nicht zur Verklärung wissenschaftlichen Tätigseins zur Berufung dienen, die bestenfalls die Akzeptanz schlecht abgesicherter Arbeitsbedingungen und den (Selbst-)Ausbeutungswillen steigert. Der Begriff der/s _ WissensarbeiterIn _ nimmt dabei bewusst Bezug auf die Ausbeutbarkeit unseres Tuns und impliziert, dass Arbeitsrechte auch im Feld der Wissensarbeit eingehalten, erkämpft und verbessert werden sollen, und widersteht der Versuchung, unsere Kapazitäten und unsere Zeit einer immer stärker ökonomisierten Wissenschaft zur Verfügung zu stellen. Der Begriffsteil Arbeit bezieht sich schließlich auch auf mögliche und notwendige Solidarisierungen mit ArbeiterInnen außerhalb des Bildungsbereichs und ist somit auch in dieser Hinsicht ein Versuch, Spaltungen zu überwinden und breiteren Kollektivierungen Raum zu geben.

Ob die Bildungsproteste als Vorgeschichte einer breiten Organisierung der WissensarbeiterInnen (und darüber hinaus) werden können, ist eine Frage, deren Beantwortung noch vor uns liegt …



online seit 28.07.2010 22:52:11 (Printausgabe 50)
autorIn und feedback : Käthe Knittler & Lisa Sigl


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/top/1943Malmoe Schwerpunkt zu Uni-Protesten



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