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Drop out, Film ab! Das Kino erzählt derzeit gern vom Aussteigen Der Traum vom Aussteigen scheint wieder hoch im Kurs zu sein: Illustrierte bringen Porträts von Leuten, die beruflichen Erfolg und Stress für das einfache Landleben aufgeben, Ratgeber geben Tips mit Ansparplänen für den großen Ausstieg. Und auch das zeitgenössische Kino nimmt die Fantasie vom großen Aufbruch zuletzt gern als Material. Anhand neuerer Filme lässt sich die Frage nach den Bildern stellen, die wir vom Aussteigen in den 60ern/70ern, in den 90ern und jetzt haben und reproduzieren. Der große Aufbruch Die Blütezeit des AussteigerInnentums war die Hippie-Zeit. Abertausende strömten vom Westen vor allem nach Indien, auf der Suche nach Drogen, Spiritualität, Abenteuer und einem anderen Leben. Während die meisten irgendwann wieder zurückkamen, blieben manche dort. „Für immer in Indien“ ist der Untertitel des Dokumentarfilms „Hippie Masala“ von Ulrich Grossenbacher und Damaris Lüthi, der einige dieser Menschen porträtiert (2007 entstanden, hierzulande nie angelaufen, auf DVD erhältlich). Im Film werden die Sehnsüchte und Begehren der Ausgestiegenen deutlich und zugleich entromantisiert, wenn klar wird, dass es weniger irgendeine ziellose erhabene Suche, sondern die konkrete Suche nach bestimmten in Europa nicht verfügbaren Waren und Identitätsangeboten war, die sie nach Indien geführt hat. Die dort sesshaft gewordenen AussteigerInnen aus Europa bekennen, wegen drogenbedingten Problemen mit Behörden und Eltern geflohen zu sein. Das Versprechen auf Freiheit, Drogen und Erleuchtung hat sie nach Indien gezogen. Ihr Ausstieg ist im Lauf der Jahre zum Einstieg geworden – sie sind (wenngleich in teilweise sehr speziellen Außenseiter-Rollen) in das örtliche Dorfleben integriert. Finanziert wird ihr Leben entweder von reichen Eltern zu hause oder von TouristInnen, für die sie selbst Touri-Spots bilden, und die ihnen ihr Zeug am Flohmarkt oder ihre spirituellen Dienstleistungen abkaufen. So hat ihr Aussteigen nicht im Aufbau einer neuen experimentellen Art von Gemeinschaft gemündet, und bleibt auch stark mit der Welt verbunden, von der sie sich abgewendet haben. Der Film interessiert sich ansonsten nicht besonders für die Frage nach einer Aktualisierung von Kritik oder einer Überprüfung alter Ausstiegs-Motive an aktuellen Realitäten, sondern scheint uns das Thema „Aussteigen“ als ein Phänomen der Vergangenheit verkaufen zu wollen, dessen Aufbegehren nun in den bereits historischen Figuren mündet, die wir sowieso in Indien vermuteten... Bis auf die genervte Ehefrau eines Protagonisten kommen Einheimische in „Hippie Masala“ nicht vor. Im thematisch verwandten Dokumentarfilm „Last hippie standing“ von 2002 dafür schon. Hier verkündet der Chefminister von Goa, dass sie genug von Junkies und Nudismus hätten, und stattdessen TouristInnen wollen, die auch Geld ausgeben: „Arme Leute haben wir hier selbst genug“. Folgerichtig mehren sich in letzter Zeit die Reportagen in den Feuilletons, die vom Ende des ehemaligen Paradies Goa berichten. Die einstigen Zufluchtsorte leisten Widerstand gegen ihren Status als Auffangbecken für die Fantasien des Westens bzw. wollen diesen endlich abgegolten haben. On the road - again Auf viel frühere Aussteiger-Vorbilder bezieht sich der Protagonist von Sean Penns „Into the wild“, das diesen Winter bei Publikum und Kritik großen Anklang fand. Er liest Zivilisationskritik-Ahnherr Thoreau, lässt alles an Bindungen und Materiellem hinter sich und begibt sich auf die große Reise. „Into the Wild“ greift die Sehnsuchtsproduktion durch Literatur und Film in Bezug auf Aussteigen auf und lässt seine Hauptfigur über die Menschen, denen er begegnet, ein Sammelsurium an rezipierten Ausstiegs-Optionen passieren: Er kämpft sich vom „On the road“-Camper-Modell, über nudistische Natur-Party-FreundInnen, Hippie-Kommune und randständige alte Menschen vor zur völligen Einsamkeit: der Konfrontation Mann-Natur. Frauen kommen in „Into the Wild“ als Mutterfigur oder Lolita vor, die versuchen zu verführen, den Mann von seinem Weg abzubringen. Aber er muss widerstehen können, um zur „Erleuchtung“ zu gelangen. Er wird Eremit, losgelöst von allem gesellschaftlichen Sein, der frei von allen Zwängen schließlich erkennt, dass ohne Gesellschaft kein Glück zu haben ist. Leider zu spät, denn mit der Erkenntnis kommt der Tod. Dass „Into the wild“ in den frühen 90ern spielt, und von Pearl Jam-Musik begleitet wird, verweist auf die Generation X, die Slacker, die dem Karrierismus den Rücken kehrten und dem Aussteigertum damals wieder Auftrieb verliehen. Was wurde aus dieser AussteigerInnen-Hochphase, die so relativ sang- und klanglos wieder verschwunden ist? Vielleicht liefert „The Beach“ (2000) die Antwort, wo Leonardo di Caprio einen Backpacker spielt, der auf einer thailändischen Insel auf eine geheime AussteigerInnen-Kommune stößt und sie durch sein Auftauchen und Wirken letztlich zerstört. Der Film, entstanden am Ende der 90er, könnte als Markierung des Punktes gelesen werden, als Aussteiger-Tatbestände in neoliberale Selbstoptimierung kippen. Der nach Grenzerfahrungen im Ausnahmezustand suchende Hauptdarsteller tritt nach Absolvierung des Abenteuers als gestärkte Persönlichkeit wieder ins Arbeitsleben ein. Das temporäre Aussteigen wird zum Sabbatical, eine Erfahrung zur Selbstoptimierung für den neoliberalen Konkurrenzkampf, so die Kulturforscher Tom Holert und Mark Terkessides in ihrer Spekulation „Entsichert. Krieg als Massenkultur im 21. Jahrhundert“. Natürlich ist die Frage nicht von vornherein zu beantworten, ob nicht auch beim heute verbreiteten „Aussteigen auf Zeit“ politische Momente entstehen können. Jedenfalls haben sich die Bedingungen geändert. Nicht nur lassen die Verhältnisse in den Industriestaaten weniger Raum für unbegrenztes zielloses Suchen mit Rückkehroption. Auch in den traditionellen Zielländern sind es heute institutionalisierte Zentren der Sinnsuche, die zersprengten Individuen auf der Suche nach dem kollektiven Sein in der Tiefenmeditation vorgefertigte touristische Angebote legen. Ankommen, ausnüchtern Diese aktuelle Normalität des Aussteigens ist das Thema von „Hotel very welcome“, einer fiktiven Dokumentation von Sonja Heiss, die im Frühjahr im Kino lief. Gezeigt werden westliche TouristInnen, die auf Urlaub oder für eine „Auszeit“ in ein industriell auf diese Wünsche total ausgelegtes Tourismus-Setting kommen. Ironisch werden kulturalistische Projektionen, postkoloniale Abhängigkeitsverhältnisse und überspannte Egozentrik der ProtagonistInnen beleuchtet. Eine illusionslose Betrachtung der illusionsbefreiten Restformen des früheren AussteigerInnentums. Vergeblich sucht der Film nach einem Standpunkt der Kritik, weil alle Kritik an den gezeigten Verhältnissen sowieso schon bekannt und selbst zum Klischee geronnen ist. Sabbatical-Tourismus wird als geschlossenes, selbstreferenzielles System porträtiert, in dem es keine naiven Ausgebeuteten mehr gibt, die einzigen Einheimischen sind Tourismus-Angestellte, und die wissen ohnehin Bescheid, was läuft. In all dem Bescheidwissen bei allen Beteiligten bleibt jedoch ein großes Fragezeichen für die/den nicht-zynisierten BetrachterIn: Was würde ein zeitgemäßes „Aussteigen“ heute bedeuten? Das filmische Interesse am Aussteigen hält jedenfalls an: Im Herbst beginnt Johnny Depp die Dreharbeiten für die Verfilmung von „Shantaram“, dem Kultbuch aller Goa-Traveller… online seit 15.05.2008 10:50:16 (Printausgabe 41) autorIn und feedback : Moira Hille, Beat Weber |
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