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  Prekäre Parade

Mayday ist jeden Tag, besonders am 1.Mai

Der 1. Mai kommt, und auch die Prekären gehen wieder auf die Straße. Seit Anfang des Jahrtausends hat sich unter dem Label „Euromayday“ in Europa eine Protesbewegung formiert, die den „Tag der Arbeit“ umdeuten und kämpferisch auffrischen möchte. Es sind die Anliegen der von Prekarisierung Betroffenen, die sich von den traditionellen Einrichtungen der Arbeiterbewegung (Gewerkschaft, Parteien) nicht oder nur unzureichend vertreten fühlen. Sie haben, ausgehend von Italien im Jahr 2001, ihre eigenen 1.Mai-Demonstrationen auf die Beine gestellt. Mit karnevalesken Einlagen und viel Kreativität wurden die Umzüge laut und bunt, und versuchten sich damit von den vielerorts zum relativ leeren Ritual erstarrten Aufmärschen der sozialdemokratisch orientierten Kräfte abzuheben.

Auch in Wien fasste der Ansatz Fuß und so gibt es dieses Jahr zum wiederholten Male einen „Euromayday“-Umzug, der als Ergänzung oder Ersatz zum 1.Mai-Aufmarsch der SP und dem alternativen 1.Mai der linken Gruppen am Ring unterstützt werden kann.

Neben dem bunten und lauten Auftreten sticht der Euromayday noch mit einer anderen Besonderheit hervor: Selbstkritik und Selbstreflexion spielen eine große Rolle.

So hat sich die „Bewegung“ die Kritik, sie sei eine elitäre Versammlung von akademischen Übergangs-Prekären, die sich anmaße, im Namen aller Prekärer zu sprechen, zu Herzen genommen, und versucht angestrengt, mittels mehrsprachiger Aufrufe und gezieltem Ansprechen von Gruppierungen außerhalb des eigenen engen Umfelds, Breite zu gewinnen. Bislang war das, von kleinen Ausnahmen abgesehen, nicht von besonderem Erfolg gekrönt, denn erfahrungsgemäß kommen ja Klassenschranken gerade in stilistischen Fragen besonders stark zum Ausdruck. Die ganze Form der Parade und ihrer Attribute, von Layout und Textierung des Aufrufs bis zum Ablauf der Kundgebung selbst, folgt den spezifischen ästhetischen Gewohnheiten und Vorlieben der studentisch geprägten linken außerparlamentarischen Szene. Und es fällt zwar mangels besserer Ideen schwer, den Betroffenen daraus einen Vorwurf zu machen, doch erstaunt es nicht weiter, dass MigrantInnen und Leute aus proletarischem Milieu sich davon nicht angesprochen fühlen, vorausgesetzt, die Information erreicht sie überhaupt. Es gibt offenbar kaum Anknüpfungspunkte an Selbstorganisationszusammenhänge proletarisch/marginalisierter Prekärer, und da lässt sich mit Agitation von außen bei allem guten Willen scheinbar wenig ändern.

Ein Hindernis, das die Verflechtung nach außen schwierig gemacht hat und nach wie vor macht, ist die Aversion gegen jegliche Form der Stellvertreterpolitik in Euromayday-Zusammenhängen. Die Abgrenzung gegenüber Bewegunsgsformen, in denen SprecherInnen gegenüber der Öffentlichkeit sich zunehmend von den Vertretenen abheben und zu Eliten aufsteigen, die dann vermehrt Eigeninteressen statt die Anliegen ihrer Klientel verfolgen, war ein starkes Motiv in der Prekären-Bewegung. Die offene Frage, wie Kommunikation mit Außen laufen soll, wenn niemand den Status einer/s SprecherIn einnehmen kann, bleibt jedoch ein Problem, das gerade die erhoffte Öffnung gegenüber neuen Individuen und Gruppierungen erschwert.

Ein weiteres zentrales Merkmal ist der Umgang mit der Kritik an der Staatsorientierung traditioneller linker Ansätze. Sollen wir überhaupt Anliegen an den Staat formulieren, z.B. besseren staatlichen sozialen Schutz oder gar ein Grundeinkommen? Oder ist nicht vielmehr der Staat das Problem, und es geht um eine Stärkung von Selbstorganisation? Wenn das so ist, wer ist der dann überhaupt der Adressat der Demonstration am 1.Mai? Diese Diskussionen innerhalb der Euromayday-Zusammenhänge schlugen sich nicht zuletzt in der Routenwahl der Euromayday-Demo nieder. Beliebte Orte, an denen vorbeigezogen wird, sind Filialen des Arbeitsmarktservice (die Adressatinnen einer Kritik an der Workfare-Politik der Regierung sind), Abschiebegefängnisse und besonders ausbeuterische Unternehmen.

Ein Adressat sind sicher auch die Gewerkschaften. Wie es scheint, beginnt diese Kritik Früchte zu tragen. Am 29.Februar veranstalteten Teilgewerkschaften in Österreich einen Prekarisierungs-Aktionstag. Dabei kam die traditionelle Euromayday-Figur „Santa Precaria“ zum Einsatz, und es gab Aktionen und Infostände in Fußgängerzonen, nicht zuletzt in traditionellen Arbeiterbezirken. Dies ließe sich eigentlich als Indiz dafür werten, dass die Euromayday-Idee auf der ganzen Linie erfolgreich war. Es ist ihr gelungen, ihr Anliegen, ja sogar ihre Aktionen und ihre Formensprache, in Gewerkschaftszusammenhängen zu verankern.

Dass der Gruppe, die den Euromayday seit Jahren organisiert, dieses Jahr in der Vorbereitungsphase ein wenig die Luft auszugehen schien, könnte man insofern als nicht allzu großes Drama bewerten. Doch natürlich gibt es auch Stimmen, die nicht damit zufrieden sind, wenn die Gewerkschaften zu Verwalterinnen der Anti-Prekarisierungs-Bewegung werden. Denn viele verbinden mit dem Prekarisierungs-Diskurs die Hoffnung auf einen Aufhänger, der es schafft, versprengte Anliegen wieder für eine radikale Kapitalismuskritik zu versammeln. Doch fehlen die Organisationsressourcen einer institutionalisierten Gewerkschaftsbewegung, wenn es um Verbreit(er)ung geht. Der Versuch, aus eigener Kraft die Anliegen der Parade in den Alltag zu tragen und mit kontinuierlichen Aktivitäten und Veranstaltungen auch jenseits des 1.Mai übers ganze Jahr hinweg zu thematisieren, ist mangels Ressourcen nicht so recht aufgegangen. Doch zumindest für eine bunte und lebendige Parade wird es wohl auch dieses Jahr allemal wieder reichen.
BW


EUROMAYDAY-PARADE Wien 008
1. Mai 2008, 14 Uhr
Treffpunkt: Marcus Omofuma Denkmal
(U2: Museumsquartier / Mariahilfer Straße, 1070 Wien)




Andere Veranstaltungen/Initiativen am 1. Mai in Wien:

1.Mai Demo am Ring - Frauenblock

"Wie jedes Jahr demonstriert die Linke in verschiedenen Gruppierungen am 1. Mai auf der Ringstraße, um ihre politischen Forderungen publik zu machen.
Feminismus ist das Salz des Widerstandes.
Da eine Politik, die nicht feministisch ist nicht links ist, bilden Frauen
einen eigenen Frauenblock innerhalb der diesjährigen Demonstration des
Bündnisses (links von der SPÖ) über den Ring. Verstärkt werden wir durch
die Trommeln der Ramba Samba -Frauen.
Schaut hin und geht mit! Je mehr wir sind, umso lauter werden die
feministischen Stimmen zu hören sein. Nehmt Losungen und Transparente mit.
Treffpunkt am 1. Mai, 10 h, Albertinaplatz (hinter der Oper), 1010, für
die Demo über den Ring."



1.5.2008 11.00 - 21.00 Burgtheater/Volksgarten "Maispace"

Auf Party für den Wirtschaftsstandort statt Protest setzt die vom Verein Stadtimpuls initiierte Veranstaltung "Maispace". Sie will offenbar den 1.Mai nutzen, um den Resten von politischer Arbeiterkultur und den politisierenden Prekären zu zeigen, dass die wirtschaftliche Zukunft der "Kreativszene" und ihren Feierfähigkeiten gehört. Dafür gab es sogar Geld von der Stadt Wien, und es konnten eine Reihe von DJs gewonnen werden.

online seit 29.04.2008 11:29:07 (Printausgabe 41)
autorIn und feedback : BW


Links zum Artikel:
www.euromayday.at
www.kurswechsel.atAktuelles Kurswechsel Heft "Prekarisierung und kritische Gesellschaftstheorie"



Engagement und Aktion

Kritische Termine Anfang September in Wien: Demo gegen §278a/ Straßenumbenennungs-Festakt/Queer-feministische Tage
[05.09.2008]


Was kann ein Freiraum?

Aktuelle Reflexionen zu Besetzungsbewegungen
[03.09.2008,Tommi Settergren]


Wahllos?

MigrantInnen und der österreichische Nationalrats-Wahlkampf
[18.08.2008]


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