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  Gesellschaftliche Räume und soziale Bewegungen

Ein Euromayday-Aktivist über die Demo der Prekären am 1.Mai

Dort, wo es je für die Unterprivilegierten Benachteiligten und Ausgegrenzten zu Verbesserungen ihrer Leben kam, waren es die von ihnen selbst getragenen sozialen Bewegungen, die diese Veränderungen in Gang setzten. Das ist bis heute nicht anders. Reine ökonomische Gesetze für sich bewirken nichts. Es braucht Menschen, die sie erstreiten, die sie anwenden und sich nach ihnen ausrichten. Um mit Marx zu sprechen, kann die neuere Geschichte als Geschichte sozialer Bewegungen gesehen werden. Sie verändern durch ihre Intentionen, ihre Forderungen, ihrer Art und Weise an Probleme heranzugehen die Gesellschaft. So wie sie einerseits gesellschaftliche Veränderungen anstoßen sind sie allerdings auch selbst Veränderungen ausgesetzt. Hat die ArbeiterInnenbewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts einerseits durch ihren Widerstand gegen die ungehemmte Nutzung ihrer Arbeitskraft, zu wichtigen Verbesserungen der Situation der ArbeiterInnen geführt, so hat sie durch ihre Institutionalisierung im repräsentativen System andererseits jene Einschlüsse erschaffen (z.B. in den nationalen Apparat), die selbst wider Ausschlüsse erzeugten, von denen sie letztendlich selbst betroffen waren.

Verändert hat sich aber auch die eigene Sicht auf die Zusammensetzungen sozialer Bewegungen. Während sie noch spät im Fordismus als einheitliche Subjekte auftraten (z.B. in der 2. Frauenbewegung), ist dies heute nicht mehr der Fall. Gesellschaftliche Veränderungen und kritische Stimmen aus den eigenen Reihen schärften die Sicht für ihre Heterogenität. Nicht zuletzt die Prekarisierung, mit ein Grund, wieso heute nicht mehr von homogenen Klassen und ebensolchen sozialen Bewegungen ausgegangen werden kann. Für beide gilt das Ende der Einheitlichkeit, wenn auch auf andere Art und Weise. Was die klassenlose Klassengesellschaft betrifft, so mag der Begriff vielleicht trefflich die Beseitigung von Räumen des kollektiven Lebens beschreiben – das Empire als Produzent von Nicht-Raum. Er ist aber weniger dienlich in einem praktisch-widerständigen Sinn. Was aber die Verortung einer beliebigen Klasse im Raum anbelangt, so wird diese im Moment des Festhaltens bereits praktischer Irrtum. In dem fluiden Gemenge könnte dann der Versuch starten, die Vorzeichen der Macht in ebensolche der Nicht-Macht zu verwandeln.

Während also die neuen sozialen Bewegungen noch einheitliche Subjekte produzierten, wenn auch nicht immer nach ihrer sozialen Stellung, so doch nach ihrem Wollen, wurde der Bruch mit den EuroMayDay-Bewegungen explizit. Einheitlichkeit ist nicht mehr zu haben. Deshalb auch die Verwendung der Mehrzahl (die Bewegungen), weil es eben nicht mehr möglich ist von einheitlichen Bewegungen zu sprechen. Dies ist jedoch als Chance zu sehen, denn genau über die vermeintliche Einheitlichkeit, also vereinheitlichende Konstrukte, wurden Hierarchien gebildet und etabliert, ist ihre Konsequenz doch nichts anderes als der Ausschluss, indem die eigenen Unerwünschten, bzw. als unerträglich Empfundenen als das Andere, das Außerhalb gesetzt werden. So ergibt sich die bekannte Dualität der Herrschaft in den verschiedenen Formen (oben - unten, Mann - Frau, etc.). Es folgt jedoch nicht das Eine einfach aus dem Anderen. Während der Einheit/Dualität die Vielfalt äußerlich ist, ist die Einheit/Dualität selbst Teilmenge der Vielfalt. Deshalb ist die Vielfalt nie vor der Einheit gefeit und es bedarf fortgesetzter Reflexion um nicht wieder Einheitliches und damit Hierarchisches entstehen zu lassen. Dies mag auch die eigene Versponnenheit ausdrücken, den Raum der kein Außen kennt, der aber dennoch Unerwartetes hervorbringen kann und, was wohl das Wichtigste, einen Ausgang hat. Dieser kann aber nur kollektiv gefunden werden.

Die Bedeutung für aktuelle soziale Bewegungen liegt in der Vielfalt als Gegenmacht, als strategisches Dispositiv, gegen ein System der Ausschlüsse und der Zumutungen, der ausschließlichen Individualisierungen (Entkollektivierung). Dabei sind die Formen und Inhalte der Vielfalt nicht einfach zu handhaben. Sie sind ungewohnt. Erst langsam und allmählich entstehen sie, spinnen sich Netze, tasten sich vorsichtig an neue widerständige Möglichkeiten heran. Solche Räume sind aber auch paradox und können für so manche Überraschung sorgen. Wir, als uneinheitliches, offenes, vielfältiges und widerständiges Wir, haben es erst zu erlernen (kollektiv und individuell). Zu erlernen wie Organisationsformen auf den Weg zu bringen sind, denen die uniformen Vorgaben fehlen, die nichts Einheitliches haben, außer das, worauf sich die Beteiligten in einem nichthierarchischen Kommunikationsprozess geeinigt haben. Lose verknüpfte Organisationsformen, deren Verknüpfungen in Suchprozessen er- und gefunden werden, die ebenso viele Forderungen darstellen. Forderungen, die nicht so leicht vom System angeeignet werden könnten, um sich schließlich gegen die sozialen Bewegungen selbst zu richtet.

Aktuelle soziale Bewegungen wie die EuroMayDay sind also Bewegungen der Individuen, die kollektive Formen erproben. Lebendig und real werden kann dies aber nur wenn jede/jeder sich auf vielfältige Art und Weise einbringt, ohne dabei andere auszuschließen (außer natürlich die, die selbst ausschließen), um dem Regime der Ausschlüsse, das an Europas Grenzen bereits mehr als 11.000 Tote gefordert habt, einen Ausweg entgegenstellen zu können . Werdet also aktiv! Bildet widerständige Gruppen, gegen die neoliberale und neokonservative Bedrohung. Vernetzt euch! Kommt zur MayDayParade und nutz sie als Raum für eure widerständigen Anliegen. Treffpunkt am 1.5.08, um 14 Uhr beim Marcus Omofuma Denkmal (U2: Museumsquartier / Mariahilfer Straße, 1070 Wien).





EuroMayDay basiert auf einer langen Tradition des 1. Mai als ArbeiterInnenkampftag, aber auch als Aktionstag linker und progressiver Bewegungen und als „Feier"-Tag ihrer Geschichte und Erfolge. Die aktuellen Euromayday Mobilisierungen begannen mit einer MayDayParade in Mailand im Jahr 2001, die erstmals das Thema prekarisierter Arbeits- und Lebensverhältnisse in den Vordergrund rückte und hierfür statt eine traditionelle Demo eine bunte und kreative Parade wählte. In den darauf folgenden Jahren wuchs die TeilnehmerInnenzahl (80.000 im Jahr 2004), aber auch in anderen Städten und Ländern wurden am 1. Mai Paraden der Prekarisierten gestartet. Im Jahr 2004 fanden erstmals in 5 europäischen Städten koordinierte Aktionen statt - unter dem gemeinsamen Label EuroMayDay. Und heuer sind es schon viele mehr!






online seit 29.04.2008 11:22:27
autorIn und feedback : Santa. Precaria


Links zum Artikel:
www.euromayday.at
www.euromayday.org
euromayday.karlspreis.info
santaprecaria.wordpress.com
www.nadir.org
www.kurswechsel.atSonderheft "Prekarisierung und kritische Gesellschaftstheorie"



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