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  Feministische Ökonomie #4

Realitätsferne Utopien nützen der Sache!

Während ich diese Zeilen verfasse, krachen die Server der Republik Österreich bzw. des Innenministeriums zusammen, weil (überraschend? ungewollt?) viele Menschen die Volksbegehren gegen das Rauchen in Lokalen und auch das Frauenvolksbegehren zu unterschreiben versuchen. (Ist es Pfusch und Stümperei, dass das System nicht funktioniert oder Verschwörung?) Wenig überraschend hat keine einzige Minister*in von Schwarz/Türkis/Blau zugesagt, insbesondere das Frauenvolksbegehren zu unterschreiben. Die Neos-Vizechefin Beate Meinl-Reisinger bleibt im Standard-Interview ganz auf dieser Linie mit einer interessanten Begründung: „Sie müssen doch auch die budgetären und wirtschaftlichen Realitäten anerkennen. […] Mit diesen realitätsfernen Utopien schaden Sie der Sache […], weil Ihre Forderungen unrealistisch sind, Arbeitsplätze zerstören, Wachstumschancen und letztlich auch die Chancen von Frauen vernichten.“

Obwohl die „Utopien“ in den Forderungen des Frauenvolksbegehrens wenig kreativ oder radikal anmuten, ist die Behauptung, dass feministische Utopien zum Schaden geraten werden, völlig unrichtig, wie auch die Gesprächspartnerin vom Frauenvolksbegehren, Schifteh Hashemi, antwortet: „Aus Träumen, Visionen und Utopien ist schon ziemlich viel entstanden – so ziemlich alles, was wir heute für selbstverständlich halten.“ Tatsächlich finden utopische Visionen in feministischen Theorien schon lange Verbreitung. Die Ersten, an die wir uns heute erinnern, waren Christine de Pizan in The Book of the City of Ladies von 1404, in dem Pizan sich eine Welt ohne Diskriminierung von Frauen vorstellt und Margaret Cavendishs: The Description of a New World, Called the Blazing World von 1666, wo Cavendish vom Bildungszugang von Frauen träumt. Feministische, utopische Sozialtheorien wurden strategischerweise nicht nur als theoretische Schriften publiziert (z. B. Charlotte Perkins Gilmans Women and Economics von 1898, oder Shulamith Firestones The Dialectic of Sex von 1970), sondern insbesondere im Rahmen der Frauenbewegungen oft mittels des Mediums utopischer Romane breit gestreut, z. B. in Charlotte Perkins Gilmans Herland; oder in Joanna Russ’ The Female Man von 1975 oder in Marge Piercys Woman on the Edge of Time von 1976; oder neuer in Starhawk’s The Fifth Sacred Thing von 1993. Jedenfalls waren sie stets wegweisend für realpolitische und ökonomische Modelle, wie die feministische Ökonomin ­Nancy Folbre betont.

Themen der feministischen Utopien sind neben der Beendigung von identitätsbasierten Hierarchien: die gemeinschaftliche und gerechte Organisation öffentlicher und privater Arbeit; der Umgang mit knappen Ressourcen; eine Umdeutung der Wertigkeiten von Arbeit, Reichtum, Karriere; eine revolutionäre Bildungspolitik fern von Zwangsinstitutionen; Reduktion der Arbeitszeit (inklusive Care Arbeit und Weiterbildung) auf z. B. 16 Stunden pro Woche; eine Umdeutung privater Beziehungen und vieles mehr.

Perfide ist, dass die Rechte sehr wohl weiß, dass Utopien wirksame Strategien sind, um sozio-ökonomische Realitäten zu erschaffen. So schrieb Friedrich von Hayek, der Vater des Neoliberalismus bereits 1949, Jahrzehnte vor der Etablierung dieser Wirtschaftsdoktrin: „We must make the building of a free society once more an intellectual adventure, a deed of courage. What we lack is a liberal Utopia, a programme which seems neither a mere defence of things as they are nor a diluted kind of socialism, but a truly liberal radicalism […] which does not confine itself to what appears today as politically possible. […] If we can regain that belief in power of ideas […], the battle is not lost.“

Utopien sind gefährliche und wirkungsmächtige Werkzeuge, die FPÖ hat sicher auch keine Hemmungen, die Träume, die sie in der Schublade liegen hat, realisieren zu wollen – daher ja zu radikalen feministische Utopien, gemeinsamen Träumen und deren Umsetzung!


online seit 07.03.2018 18:05:37 (Printausgabe 82)
autorIn und feedback : Dr. Ingo Schneepflug




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