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  Psychologie, Finanzindustrie und Weltuntergang

Bifo Berardis Revolte gegen den „Semio-Kapitalismus“

Stellen wir uns einmal das Ende der Welt vor. Das ist gar nicht so schwer. Meteoriteneinschlag, Atomkrieg, Supervirus oder vielleicht extraterrestrische Ameisen, die die Menschen auffressen. Es ist leicht die Welt als zerstört zu imaginieren, alle Menschen getötet, die Straßen verlassen und zurück bleiben leere Schaukeln auf einsamen Spielplätzen die traurig im Wind schwingen. Die Bilder sind hinlänglich aus Film und Fernsehen bekannt. Aber nun stellen wir uns einmal das Ende des Kapitalismus vor. Und …? Irgendwelche Bilder im Kopf? Hat schon jemand eine Idee, wie die Welt nun aussähe? Seltsam, das ist viel schwieriger. Bifo Berardi hat eine Vermutung, warum dies so ist. Die Ungeheuerlichkeit der Vernichtung der Menschheit ist leichter begreifbar als das Ende unseres Wirtschaftssystems, weil dieses sich als Semio-Kapitalismus tief im menschlichen Denken und Empfinden verankert hat. Der Semio-Kapitalismus hat die Weise wie Menschen sich und die Welt erkennen verändert und konnte sich dadurch als etwas „Natürliches“ und Unhinterfragbares ausgeben. Soll dieser Bann gebrochen werden, dann muss eine Kritik des semiotischen Wandels gestartet werden, die zunächst zeigt, weshalb die Zeichen, derer wir uns heute bedienen, mehr mit Maschinensteuerung und Algotrading zu tun haben, als mit dem „Gute-Nacht-Liedchen“ einer treusorgenden Mutter. Sodann kann versucht werden die noch möglichen Auswege zu zeigen.

It’s the economy, stupid

Die Ökonomie ist die bedeutendste Disziplin unserer „Expertokratie“. Sie versucht sich im Wesentlichen von der politischen Debatte auszuschließen, indem sie ihr Thema mathematisiert. Dieser Mathematisierung gilt Berardis Generalangriff, weil diese die wahren Verhältnisse schlicht halbiert und sie um ihre „sinnliche“ Dimension beraubt. In einer verkürzenden und ironisierenden Zusammenfassung darf gesagt werden: „ExpertInnen werfen einander Zahlen vor.“ Was die Pundits dabei gerne verschweigen, ist, dass die Ökonometrie, also die Verwandlung von Wirtschaftshandlungen in statistische und quantitativ überprüfbare Daten, zu Paradoxien führt. Beispielsweise wird eine auf Zahlendaten basierende Vorhersage allein deshalb falsch, weil die AkteurInnen diese nun kennen. Die veränderte Erwartung verändert das Verhalten und widerlegt die Vorhersage. Diese Phänomene wurden etwa mit der „Lucas-Kritik“ und ähnlichen Nestbeschmutzereien beschrieben, die ExpertInnen reagierten aber darauf mit einer Intensivierung und Ausweitung der Mathematisierung. Statt die Vorhersagemodelle auf eine breitere anthropologische Basis zu stellen, überwog die Suchtwirkung der nachweislich falschen Idee, mit Zahlenmodellen die angeblich rationalen Handlungen der WirtschaftakteurInnen vorherzusagen. Vermutlich weil sich zumindest die manipulative Kraft der Modelle bewiesen hatte. „Gegen Zahlen kann nicht argumentiert werden.“

Diese verzwickte Situation muss in ihrer Tiefe verstanden werden. Berardi optiert nicht für einen Irrationalismus, der jede statistische Weltbeschreibung leugnet, sondern er sieht hier einen Kampf zwischen zwei Kräften die einmal simplifizierend Psychologie und Mathematik genannt werden sollen. Der Versuch die psychologische Dimension zu unterdrücken ist allein deshalb fatal, weil dies nicht gelingt. Welche enorme Bedeutung die Psychologie trotz ihrer Verdrängung für die Ökonomie hat, kann mittels einer simplen Beobachtung belegt werden: Die Wirtschaftswissenschaft bedient sich der Sprache der Psychopathologie. Beispiele? „Depression, Verlust, Krise, Höhenflug, Absturz, Rausch“ usw. Seelisch Erkrankte beschreiben ihr Leiden also mit den gleichen Worten, die ExpertInnen benutzen, um eine wirtschaftliche Entwicklung zu erklären. Dabei reden Letztere angeblich doch nur von Wirtschaftsdaten. Verdrängung führt zur Neurose. Die neurotische Weltsicht ist eine magische, angefüllt mit nichtmenschlichen Akteuren. Der auf Zahlen reduzierte Weltbestand, der darin gipfelt, dass jedes Ding und jede Handlung ein gleichwertiges Äquivalent im Geld findet, lässt irgendwann das Geld selbst handeln. Folglich ist für Berardi die Ökonomie jene Pseudowissenschaft, die nur mehr die Neurosen des Geldes beschreiben kann.

Konnexion und Konjunktion

Die kleinen Äugelein des Babys suchen nach dem Mund der Mutter. Er ist die Quelle, aus dem das Liedchen erschallt. Die Haut der Mutter ist eine sinnliche Qualität, sie stülpt sich ins Innere ihres Körpers, formt dort Zunge, Rachen und Stimmbänder, die den Klang des Gesanges erzeugen. Die Patschhändchen des Kindes versuchen danach zu greifen und langen in ihren Mund. Zwischen Mutter und Kind entsteht eine intensive und qualitative Verbindung. Berardi nennt diese eine Konjunktion, da sie zwischen sinnlichem Weltbestand (Haut, Zunge) und Zeichen vermittelt. Diese Vermittlung ist unmöglich objektiv, sondern muss interpretierend sein. Ein logisch zwingender Bezug zwischen dem sinnlichen Phänomen „Haut“ und dem Laut „Haut“ ist nicht gegeben. „Peau, skin, pelle“ sind ebenso passend. Deswegen sind Konjunktionen vielgestaltig und vieldeutig. Und tatsächlich, während das Kind den Lauten lauscht, beginnt es diese zu interpretieren und mit eigenen Lauten zu antworten. So entsteht die Sprache der Konjunktion, der Überfülle der Zeichen, die unendliche Interpretationen erlaubt und eine unaufhörliche Neuerschaffung der Welt ermöglicht. Aus ihr erwachsen Dichtung und Gesetz zugleich, weil sie es versteht zu verbinden. Sie erlaubt den Menschen den Kerker ihrer Vereinzelung zu verlassen und den Anderen zu berühren. Maschinen machen das nicht. Sie kennen nur die Verkettung der auf ihr logisches Gerüst reduzierten Zeichen.

Bifo Berardi ist ein alter Mann. Wie sollte er die Jugend verstehen? Nur, seine Beobachtungen inwieweit diese von ihrer Mediennutzung beeinflusst wird sind teils erschreckend. Die Jungen sollten sich beeilen ihn zu widerlegen. Zunächst, Kinder lernen die Sprache immer weniger von ihren Eltern und immer mehr durch Maschinen. Die sinnliche Präsenz der Anwesenheit eines anderen Menschen ist dadurch verloren. Eine Konjunktion kann nicht entstehen, es wird lediglich ein Konnex hergestellt. Die menschlichen Körper reduzieren, weil sie nicht mehr interpretiert werden, ihr Zeichenspektrum. Nehmen Teenager im Zug neben einander Platz, dann blicken sie meist nur kurz von ihren Smartphones auf. Auf ihren Gesichtern lässt sich kaum ablesen, ob sie einander bekannt sind. Dies wird für neugierige BeobachterInnen im Nebenabteil erst klar, wenn die Jugendlichen einander die Displays ihrer mitgebrachten Maschinen zeigen. Das Antlitz des Anderen, das einmal als der Spiegel der Seele galt, bleibt verdunkelt, eingefroren, emotionslos, allenfalls ein kurzes Lächeln beim Herzeigen der Computerdaten. In diesem reduzierten Zeichenspektrum erblickt Berardi das Herz der Misere.
Was Maschinen und die von ihnen geprägte Kommunikation im Kern machen, ist eine Art Erfüllung der Forderungen der literarischen Avantgarde des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts: Die Trennung des Zeichens vom Referent. Wie Berardi anmerkt, verketten die modernen Kommunikationsmittel nur mehr die Zeichen miteinander ohne Rücksicht auf die damit beschriebene Welt. Dies ist sogar hinderlich. Wer sensibel agiert, auf die sinnlichen Anteile und die semantischen Unterschiede bedacht ist, fällt in seiner kybernetischen Rechenleistung zurück, die streng auf die syntaktischen und vorgeformten Unterschiede reduziert ist. „Time is money“, die am schnellsten verarbeiteten Datensätze gewinnen. Menschen die die Konnexion von Informationen, also der bereits reduzierten Zeichensätze, mittels ihrer Maschinen einüben, reagieren früher oder später mit Dyslexie, Apathie, Furcht, Paranoia und Depression. Und werden somit – ein Schelm wer Böses dabei denkt – vom Finanzkapital und seinem Kontrollregime noch leichter steuerbar.

Occupy

An Aufbegehren und Revolte ist nur zu denken, wenn Menschen sich miteinander verbinden – die Menschen wohlgemerkt, nicht ihre Maschinen. Die Apparate sind drahtlos und perfekt connected an der Wallstreet und in Millisekunden kann die auf Zahlendaten reduzierte Welt manipuliert werden. Die Protestiererenden von Occupy waren sich ihrer Ohnmacht bewusst und reagierten mit einer schönen Maßnahme. Sie holten die Sinnlichkeit der Sprache zurück, indem die Worte der RednerInnen auf den Demonstrationen von den umstehenden wiederholt und so durch die Menge getragen wurden. Keine Maschinen, nur Mund-zu-Ohr-Beatmung mit ausgesprochenen Gedanken. Allerdings hatte diese Maßnahme einen fatalen Baufehler, der mithalf die Revolte zu ersticken. Diejenigen, die die Gedanken der RednerInnen weitertrugen, konnten diese nur wiederholen, ohne sie zu interpretieren und anzureichern. Gleichzeitig entstand eine Rückkopplung: Als die RednerInnen spürten wie schwierig es war längere Sätze und komplexe Darstellungen in dieser Form weiterzugeben, begannen sie sich auf Schlagworte und Appelle zu beschränken. Durch diese Reduktion musste die Revolte bald verpuffen. Allerdings zeigte sich, dass die Menschen ihre Fähigkeit Konjunktionen einzugehen nicht verloren hatten. Occupy war und ist eine Bedrohung für die Herrschaft der Maschinenverkettung.

Kommunistische Konspiration speiste sich durch das sinnliche Bewusstwerden des Leidens anderer. Bereits während der Bauernkriege, später dann in den Fabriken, sahen, hörten und spürten die Menschen die Quälerei und Ungerechtigkeit. Sie schworen sich im geheimen diese unter Einsatz ihres Lebens zu bekämpfen. Diese einmal bewiesene revolutionäre Kraft müsste hinübergerettet werden in eine medial vermittelte und weitgehend virtualisierte Welt, in der Arbeit, Mehrwert, Kapital und das von ihnen verursachte Leid nur mehr die andauernd rekombinierten virtuellen Fragmente eines abstrakten Eigentums sind. Bifo Berardi hält dies zumindest nicht für unmöglich.

Ironie statt Zynismus

Zu Beginn ging es um den Weltuntergang, die dabei angeführten Bilder waren Klischees, also konventionalisierte Vorstellungen. Sie abzurufen ist für ein durch Medien geprägtes Gehirn eine leichte Übung. Die Konnexion läuft schwerelos: Ende der Welt = zerbombte, leere Straßen. Eine Welt ohne Menschen ist auch deshalb so leicht vorstellbar, weil menschliches Leben im Bewusstsein der meisten nur mehr ein reduzierbarer Faktor ist. Nachdem die Einübung in die Konnexion, das Bewusstsein auf rein quantitative Dimensionen reduziert hat, ist das Ende eines ohne Qualität. Es beschreibt nicht mehr als eine Liquidation, also das Leeren aller Konten. Eine neue Welt aber muss dynamisch gedacht werden und das heißt sie bedarf sowohl rein logischer, geistiger Anteile, aber eben auch sinnlicher. Logik und Liebe. Eine solche Welt kann somit nur das Produkt von Konjunktionen sein. Eine Konjunktion ist eine schöpferische Tat, die nichts weniger als eine neue Welt erschafft.

Konkret: In welchem Zusammenhang steht mein Leben zu meinem Tod? Zeigen sich Spuren im Verlauf meiner Krankheiten, vielleicht bereits aller frühester Kinderkrankheiten, die etwas über mein Sterben verraten? Eine herrlich morbide Frage. Die Antwort kann nur lauten: es gibt keine Verbindung. Zwei gänzlich zufällige Ereignisse Geburt und Tot stehen verbindungslos in einem Zeitstrahl. Die Minuten zwischen Ereignis A und B sind ein gleichförmiger, rein quantitativer Countdown. Die Betrachtung des eigenen Lebens als ein bloßer Konnex verstrichener Sekunden wäre eine bemerkenswerte Form der Psychopathologie und zugleich exakt das, was in den „Sterbetabellen“ der Versicherungskonzerne und Banken notiert ist. Was Menschen hingegen tun, wenn sie denkend und empfindend ihr Leben betrachten? Sie verbinden Ereignisse qualitativ miteinander, sie erfinden Sinn und sie verleihen der sinnlosen Gleichförmigkeit Dauer. Alles Qualitäten, die kein Apparat messen kann.

Illusionen gibt sich Berardi nicht hin, wenn er seine – zuweilen philosophisch etwas vage bleibende – Konzeption darlegt, dann ist er zynische Entgegnungen sicherlich gewohnt. Die ZynikerInnen haben es leicht, sie brauchen nur mit dürrem Finger von der fantasievollen und reichen Innerlichkeit, die Berardi propagiert, auf den hundsmiserablen Zustand der Welt zu verweisen. Aber Berardi hat eine ironische Entgegnung: IronikerInnen und ZynikerInnen wissen beide um die Unverbundenheit von Welt und Zeichen. Somit kann es auch kein „wahres“ Fundament des Gesetzes geben. Aber während die IronikerInnen vor dem falschen Gesetz fliehen, wird es von ZynikerInnen zwar verlacht, aber bewahrt. Zynismus ist Abkehr von einer als falsch erkannten Welt, während Ironie Anteilnahme ist, durch den Versuch einer umfassenden Aufhebung der Realität. Wer ironisch denkt, weiß, wenn andere noch erreicht werden sollen, dann muss die Realität außer Kraft gesetzt werden mittels der Gestaltungskraft des Unmöglichen. Diese liegt in der Sprache, die Zeichen schaffen kann, die nicht auf den Wert des Handelbaren reduziert, sondern der unendlichen Fülle der Interpretation geöffnet sind. Eine Sprache die Schwester- und Brüderlichkeit eröffnet gegen jene Macht, die die Realität usurpiert hat und nur mehr Zahlen ohne Leben kennt. Kurzum, versuchen wir mal etwas anderes und haben keine Angst vor dem möglichen Chaos, denn das wäre repressiv. Ein Chaosmos, wie Joyce sagt, ist das Gute, in dem wir leben könnten und besser als das Bestehende ist es allemal. Dieses – ironische Maß – an Utopie müssen wir uns gönnen, denn wenn es bleibt wie es ist, dann haben wir die Katastrophe sicher.

Franco Bifo Berardis Gedanken zu diesem Thema finden sich in den zuletzt veröffentlichten Werken:

„Der Aufstand – Über Poesie und Finanzwesen“, Matthes & Seitz, Berlin

„AND – Phenomenology of the end“; Semiotext(e), South Pasadena



online seit 22.02.2017 10:09:41 (Printausgabe 77)
autorIn und feedback : Frank Jödicke




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