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  Die große Geld-Verschwörung

Schaffen Banken Geld aus dem Nichts und zwingen uns allen einen Mühlstein aus Schulden auf? Die Bankenkrise verleiht den blühendsten Verschwörungsfantasien Auftrieb.

STAATLICHE RETTUNG, irreführende Beratung, Kursmanipulationen, überzogene Gehälter: Dass sich seit Ausbruch der Finanzkrise der globale Bankensektor als scheinbar unversiegbarer Quell ungeheuerlicher Nachrichten erweist, verleiht all jenen Auftrieb, die die Banken schon immer als Wurzel allen Übels betrachteten. Noch die absurdesten Verschwörungstheorien gewinnen jetzt Plausibilität. Kann man Banken nicht letztlich alles zutrauen?

Mit der Behauptung, Banken schöpften „Geld aus Luft“, und der Prognose, dieses auf Betrug gebaute System werde folglich spätestens 2013 zusammenbrechen, landete der Buchhaltungsfachmann Franz Hörmann 2011 einen Bestseller. In der Aufregung über die Finanzkrise 2008 traf die Aussage einen Nerv. Das prognostizierte „Ende des Geldes“ (Buchtitel) kam dann doch nicht, doch der Grundgedanke geistert nach wie vor in unzähligen Variationen durch die virtuellen Netze.

DER AUSLÖSER für die verstiegene Behauptung liegt in der Tatsache, dass die meisten Zahlungen im Alltag nicht mit Bargeld, sondern mit Überweisungen zwischen Bankkonten erfolgen. Kontoguthaben sind aber keine nach Belieben erfolgten Gelderfindungen durch Banken. Sie entstehen nach bestimmten Regeln – wenn jemand einen Kreditvertrag unterschreibt, erfolgt die Kreditauszahlung erst mal als Kontogutschrift. Wenn jemand Bargeld einzahlt, resultiert das ebenfalls in einer Kontogutschrift. Geschaffen im Austausch gegen ein Rückzahlungsversprechen eines Kreditnehmers oder eine Bareinzahlung, können die so entstandenen Kontoguthaben zur bargeldlosen Zahlung verwendet werden. Sie fungieren somit im Alltag als Bargeldersatz. Wir zahlen zumindest größere Beträge in der Regel mit Erlagschein, Karte oder e-banking statt mit Scheinen und Münzen.

Banken können somit eine Art Geldersatz schaffen. Diese Fähigkeit ist zunächst durch die Erzeugungsregeln (vorherige Bareinzahlung oder Tausch gegen ein Rückzahlungsversprechen eines Schuldners nach Kreditwürdigkeitsprüfung) beschränkt. Darüber hinaus muss die Bank ihrer Kundschaft versprechen, ihre Guthaben jederzeit in Bargeld umtauschen zu können. Eine Kontokarte erlaubt es uns, unsere Kontostände am Bankomat jederzeit in Bares umzuwandeln. Viele Verschwörungsängste rund um Banken kreisen um das vermeintliche Geheimnis, dass viel mehr Ersatzgeld als Bargeld in Umlauf ist. Somit könnten Banken gar nicht alle Kontostände auf einmal in bar einlösen.

FUSSBALLSTAR ERIC CANTONA rief im Jahr 2010 auf, dieses Missverhältnis durch Massenabhebungen offenzulegen, um „das System“ zu stürzen. Wenige sind seinem Aufruf gefolgt. Doch was wäre wenn? Im Hollywood-Klassiker „Ist das Leben nicht schön“ versucht James Stewart als Chef einer Kreditgenossenschaft in der Großen Depression seiner panisch abhebewilligen Kundschaft zu erklären, dass ihr aller Geld in den Krediten für die Häuser ihrer Nachbarn und Verwandten steckt. Müsste er alle Kontoguthaben sofort und samt und sonders in bar auszahlen, müsste er deren Kredite alle fällig stellen und sie ins Unglück stürzen. Im Film überzeugt das die Kundschaft. Ein zeitgenössischer Bankvorstand müsste es ähnlich erklären, würde aber vor allem die gesetzliche Einlagenversicherung in Erinnerung rufen, und im Notfall die Zentralbank um einen Barkredit bitten, und so den Ansturm bewältigen.

Was Hörmann, Cantona und Co. als betrügerische Praxis erscheint, beruht auf der Verwechslung von Banken mit Sparschweinen: Anders als Tresore oder Sparbüchsen sind Banken keine reinen Bargeld-Aufbewahrungsstellen. Banken sind Kreditinstitute, die nicht einfach auf Bargeld sitzen, sondern erhaltene Bareinzahlungen für Auszahlungen, Kredite und Investitionen an anderer Stelle verwenden. Sie geben und nehmen Zahlungsversprechen. So erwirtschaften sie Erträge, die in guten Zeiten auch Zinsen für Spar- und Kontoguthaben abwerfen. Barvorräte halten Banken in der Regel nur in dem Ausmaß, das erforderlich ist, um die erfahrungsgemäß üblichen Abhebungen der Kundschaft bequem bedienen zu können. So kann ein moderner Massenzahlungsverkehr bewältigt werden, ohne dass ständig Koffer voller Bargeld durch die Straßen getragen werden müssen.

BANKEN WÜRDEN ALSO Ersatzgeld erzeugen und sich mit Hilfe der Zentralbank vor der praktischen Kritik der Massenabhebungen schützen können. Solche Macht beflügelt vielerorts die Fantasie. Banken und Zentralbanken seien die heimlichen Weltherrscher, so Punk-Ikone und Modedesignerin Vivienne Westwood bei ihrem TEDx-Vortrag in Wien 2014 am Rande des Life Balls. Sie würden Geld schöpfen und es gegen Zinsen verleihen. Die ganze restliche Welt werde durch sie zum Schuldnerdasein gezwungen, Wirtschaftswachstum und Raubbau an der Umwelt in Gang gesetzt, bloß damit die (Zentral)banken ihre Zinsen kriegen, so Westwood. Laut Vivienne Westwood ist es der Plan der Banker und Zentralbanker, mit dem Kreditsystem am Ende ALLES in ihren Besitz zu bringen. Mit Krediten kommt (Ersatz-)Geld in Umlauf. Bei Zahlungsausfall kassieren Banken die Sicherheiten (Häuser, Wertgegenstände etc.), die die SchuldnerInnen bei der Kreditaufnahme stellen mussten. Dieser Zahlungsausfall sei unausweichlich, so eine daran anschließende Befürchtung, weil systematisch produziert: (Ersatz-)Geld wird über Kredite der Banken in Umlauf gebracht, zurückverlangt werden aber in Umlauf gebrachtes Geld PLUS ZINSEN. Wenn die Bank hundert Euro Kredit gibt und zehn Euro Zinsen verlangt, muss der Schuldner 110 Euro zurückzahlen – woher nehmen?

ABER GELD wird nicht bloß ausgeliehen, um es im nächsten Schritt wieder zurückzuzahlen. Wer sich verschuldet, muss in der Regel nachweisen, dass er das Geld erfolgreich investieren oder aus anderen Quellen mit künftigem Einkommen rechnen kann, so dass die Rückzahlung möglich wird. Eine Bank kann nicht Schulden und im Zuge dessen Ersatzgeld „erzeugen“, ohne dass irgendjemand einen Kredit haben will und sich als kreditwürdig erweist. Dass mehr zurückverlangt als ausgegeben wird, ist kein unüberwindliches Problem, weil jeder Geldbetrag im Zuge des Wirtschaftskreislaufs mehrfach die Hände wechselt. Einkommen in der Wirtschaft entstehen, weil Geld zwischen dem Zeitpunkt der Kreditvergabe und der Kreditrückzahlung zirkuliert. Die Zinsen, die die Bank von einem Schuldner erhält, fließen wieder in den Wirtschaftskreislauf zurück, weil die Bank damit u. a. Bankangestellte, ihre AktionärInnen und SparkundInnen bezahlt, die dieses Geld wiederum ausgeben können und es damit den Nächsten erlauben, ihre Rechnungen zu begleichen.

FREILICH HALTEN NICHT immer alle Rückzahlungsversprechen: Geschäfte erweisen sich mitunter als nicht so profitabel wie erhofft, und erwartetes künftiges Einkommen kann ausbleiben. Dann gibt es Probleme bei der Kreditrückzahlung – aber das ist nicht das systematische Ziel der Kreditinstitute, sondern ein Unfall, der auch diese in Bedrängnis bringen kann. Banken haben kein systematisches Interesse daran, einen Kredit an Leute zu vergeben, die ihn nicht zurückzahlen können (außer sie können 100% des Kreditausfallsrisikos weiterverkaufen und damit abwälzen, wie sich das mit den berüchtigten Subprime-Krediten in den USA vor der Finanzkrise eine Zeitlang eingebürgert hatte). Zwar fallen dann vom Schuldner gestellte Sicherheiten an die Bank. Aber keine Bank freut sich, plötzlich Eigentümerin von ganzen Straßenzügen unverkäuflicher Häuser oder Maschinenparks zu werden, wenn in einer Krise massenweise SchuldnerInnen zahlungsunfähig werden.
Im kapitalistischen Wirtschaftssystem gibt es viele Krisen und Ungerechtigkeiten. Wie die Bankenkrise und die vielen Bankenskandale der letzten Zeit gezeigt haben, spielen Banken eine wichtige Rolle in der Wirtschaft, die für spektakuläre Gewinne ebenso wie für spektakuläre Pleiten gut sind. Doch auch wenn sich Überschuldung für Betroffene wie ein Fluch anfühlt und Betrug auch im Kreditgeschäft vorkommt, ist das Geld kein Instrument einer Weltverschwörung böser Zauberer im Nadelstreif. Und der Kapitalismus wird mit der griffigen Formel einer „Bankenherrschaft“, die angeblich „das Geld regiert“, missverstanden.

online seit 18.10.2016 16:37:36 (Printausgabe 76)
autorIn und feedback : Beat Weber




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