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  SPURENVERWISCHEN HILFT NICHT

Ein Interview mit Wolfie Christl zur Arbeiterkammer-Studie „Kommerzielle digitale Überwachung im Alltag“.

Wer ist der schlimmere Überwacher – der Staat oder die Unternehmen?

Die Frage nach Pest oder Cholera also! Na gut. Historisch betrachtet würde ich natürlich sagen: der Staat. Heute ist das schwerer zu beantworten. Die 2013 von Snowden aufgedeckte globale Massenüberwachung durch die amerikanischen Geheimdienste ist natürlich der blanke Wahnsinn. Darüber hinaus betreiben natürlich auch Staaten wie Russland oder China umfassende Kommunikationsüberwachung. In autoritären Staaten oder für so manche widerständige oder marginalisierte Gruppen würde ich nach wie vor den Staat für die größere Bedrohung halten. Gleichzeitig überwachen heute tausende Services, Plattformen und Apps rund um die Uhr unser Alltagsverhalten und leiten unsere Daten an unzählige Unternehmen weiter. Wir werden ständig und automatisiert auf Basis unserer persönlichen Daten klassifiziert, schubladisiert und einsortiert. Firmen in allen Wirtschaftssektoren von Handel, Versicherungs-, Finanz- bis Personalwirtschaft arbeiten wie wild an Einsatzmöglichkeiten. Von diesen Bewertungen wird immer mehr abhängen, welche Optionen und Chancen wir haben. Wer zu riskant oder zu unprofitabel ist, könnte in Zukunft einfach von vielen Möglichkeiten ausgeschlossen werden. Aber am schlimmsten wird’s wohl dort, wo die Überwachung durch Staaten und Unternehmen Hand in Hand greift.

Sind die schlimmsten Praktiken eigentlich illegal?

In Österreich beziehungsweise in der EU ist nach geltenden Datenschutzgesetzen vieles davon illegal, was populäre Plattformen und Dienste von Unternehmen wie Google, Facebook und Co. so treiben. Wenn Facebook sogenannte Schattenprofile über Leute speichert, die nicht einmal registriert sind, ist das illegal. Wenn Google Daten über Einzelne aus hundert Anwendungen wie der Suche, Gmail oder Google Maps zusammenführt und für Werbezwecke oder anderes in ganz anderen Kontexten verwendet, ist das illegal. Wenn der in über 500.000 unterschiedlichen Apps eingebaute Analysedienst Flurry akribisch das Verhalten von global 1,4 Milliarden Menschen überwacht und die NutzerInnen in Kategorien wie „neue Mütter“ oder LGBT einsortiert, ist das illegal. Und wenn tausende Unternehmen, Werbenetzwerke und sonstige Trackingdienste ohne unser Wissen jeden unserer Klicks aufzeichnen und der Großteil der Handy-Apps unsere Kontaktlisten und Standortdaten an Dritte übermitteln, ist das illegal.

Sind diese Praktiken denn
prinzipiell regulierbar?


Seit einigen Jahren wird auf EU-Ebene für eine neue europäische Datenschutzverordnung gekämpft, die im Unterschied zur aktuellen europäischen Datenschutzdirektive keine Empfehlung mehr ist, sondern in allen Mitgliedsstaaten genau gleich gelten soll. Das EU-Parlament hat nach einem jahrelangen Lobbying-Krieg mit großer Mehrheit eine Fassung beschlossen, die empfindliche Strafen von bis zu 100 Millionen Euro oder fünf Prozent des Jahresumsatzes bei Verstößen vorsieht. Allerdings hängt das Gesetz nun schon länger beim EU-Rat. Falls sich die VertreterInnen der Mitgliedsstaaten endlich dazu durchringen, das Ding in einer ähnlichen Form zu beschließen – vor allem in Deutschland und Großbritannien arbeitet hier die IT-Lobby noch massiv dagegen – dann könnte das schon einiges an der Situation verbessern.

Und wird das helfen?

Wenn es um den Einsatz und die Verwertung unseres aufgezeichneten Alltagsverhaltens durch Unternehmen geht, bleibt selbst dann immer noch vieles sehr problematisch. Es nützt mir nichts, wenn ich laut Datenschutzgesetz erfahren darf, mit welchem internen Punktestand meine aktuelle und zukünftige finanzielle Situation, mein Gesundheitszustand oder meine Leistungsfähigkeit bewertet werden, wenn ich nicht weiß, wie dieser Punktebewertung überhaupt berechnet worden ist. Oder wenn ich prinzipiell in die Kategorie „zu riskant“ einsortiert werde, wenn ich verlange, dass meine Daten gelöscht werden. Es muss schon um mehr gehen als um die von Datenschutzgesetzen abgedeckten Rechte auf Auskunft, Richtigstellung und Löschung unserer Daten. Natürlich ist eine bessere Kontrolle über die Verwertung unserer Daten wichtig. Aber auch die Berechnungs- und Analysemethoden der Unternehmen – die berühmten Algorithmen – müssen transparenter werden. Schlussendlich geht es um gewaltige Machtasymmetrien zwischen den Unternehmen und den Einzelnen – und um drastische Folgen wie Diskriminierung und Ausschluss.

Ist es mit vertretbarem Aufwand möglich, sich als Einzelne/r technologisch zu schützen?

Wenn es darum geht, bestimmte sensible Kommunikationsinhalte vor dem Zugriff durch Dritte zu schützen, hilft natürlich Verschlüsselung. Das freie E-Mail- Programm Thunderbird bietet beispielsweise eine Erweiterung namens Enigmail, die relativ einfach zu bedienen ist. Für Smartphones gibt es freie Messenger- Apps wie TextSecure. Seit neuestem sind sogar bei Whatsapp die Kommunikationsinhalte zuverlässig verschlüsselt. Allerdings sind die Adressbücher und die Metadaten – also wer kommuniziert wann mit wem – immer noch ungeschützt. Sobald es aber nicht nur darum geht, bestimmte einzelne Kommunikationsvorgänge zu schützen, wird es sehr aufwändig bis fast unmöglich, die fast überall eingebauten Trackingdienste zu meiden. Im Endeffekt hilft nicht einmal digitale Askese – von der ich im Übrigen sowieso wenig halte. Digitale Kommunikationstechnologien sind super! Wir brauchen dezentrale Services und Plattformen, bei denen wir mitbestimmen können, wie sie für uns funktionieren und die uns gleichzeitig mehr Kontrolle über unsere Daten ermöglichen.

Früher wurde Überwachungsparanoia in Datenschutzkreisen oft mit dem Argument relativiert, Überwachungsinstanzen seien mit den gewaltigen Datenmengen sowieso überfordert. Gilt das angesichts des aktuellen Stands der Entwicklung von Daten- Analysewerkzeugen noch?

Teilweise gilt das immer noch. Die von der Industrie abgefeierten Analyse- und Prognosetechnologien funktionieren oft gar nicht so gut, wie das aus Marketinggründen behauptet wird. Aber die Praktiken von Unternehmen und staatlichen Behörden sind einfach völlig intransparent. Niemand weiß wirklich, wie gut oder schlecht das Zeug funktioniert. Die öffentlich verfügbaren wissenschaftlichen Studien zu diesen Themen lassen erahnen, welche Power in Analysemethoden auf Basis von Statistik und Machine Learning liegt. Wir werden inzwischen über Geräte und Plattformen hinweg wiedererkannt. Schon aus rudimentären Metadaten wie unseren Einkäufen, Facebook-Likes, Anrufhäufigkeiten oder Tipprhythmus können weitreichende Schlussfolgerungen über uns gezogen werden. Wenn eine Firma wie zest finance auf Basis 70.000 klitzekleiner, scheinbar völlig irrelevanter Informationshäppchen über einzelne Personen Prognosen über deren Kreditwürdigkeit erstellt, ist es jedenfalls ziemlich egal, wenn einzelne Daten völlig falsch sind. Die Prognosetechnologien lassen sich davon kaum in die Irre führen. Ähnliches gilt für polizeiliche Überwachungsund Risikoerkennungssysteme. Das absichtliche Verwischen der Spuren durch Falschinformationen hilft da nicht viel, weil solche „Fehler“ durch die schiere Menge an Information einfach herausgerechnet werden.

Wer sind mögliche AllianzpartnerInnen für zivilgesellschaftliche Initiativen zum Recht auf Privatheit?

Die sogenannte digitale Zivilgesellschaft leidet nicht nur im Vergleich zum Silicon Valley und zur IT-Industrie ganz desaströs an kompletter Unterfinanzierung. European Digital Rights – der Dachverband von über 30 europäischen Datenschutz-Organisationen – hat im Gegensatz zu den tausend LobbyistInnen der Industrie gerade einmal ein paar einzelne MitarbeiterInnen. Die Umweltbewegung ist hundertmal besser aufgestellt und organisiert und könnte vielleicht teilweise ein Vorbild sein. Die logischen BündnispartnerInnen sind sicherlich in den Bereichen Grund- und Menschenrechte und KonsumentInnenschutz zu finden. Wenn es um betriebliche Überwachung geht, dann die Gewerkschaften. Wenn es um Kinder und Jugendliche geht, dann der Bereich Bildung und Medienpädagogik. Und wenn es um die Überwachung von politischen AktivistInnen geht, dann die jeweiligen sozialen Bewegungen. Aber auch mit politischen Parteien sind Allianzen möglich. Auf EU-Ebene engagieren sich Linke, Grüne, Sozialdemokratie und teils sogar Liberale und Konservative für mehr Datenschutz. Die Piratenpartei ist ja eher verblichen. Auf den Staat zu vertrauen erscheint natürlich in Zeiten staatlicher Massenüberwachung schwierig, aber der Staat ist eben auch kein monolithischer Block. Auch in der Wirtschaft gibt es unterschiedliche Interessen. Viele Firmen, deren Geschäftsmodelle nicht auf der Verwertung unserer persönlichen Daten beruhen, engagieren sich aus Vermarktungsgründen für Datenschutz und Privatsphäre. Vor allem der Sektor IT-Sicherheit wäre hier zu nennen, aber auch Unternehmen, die “privacy- affine“ Produkte und Services anbieten. Beide Bereiche erleben seit Snowden einen Aufschwung.

Jeremy Rifkin entwirft in seinem neuen Buch „Die Null-Grenzkosten Gesellschaft“ die Utopie einer Wirtschaft, wo ein „Internet der Dinge“ alles und alle miteinander verbindet und so gigantische Effizienzgewinne ermöglicht (u.a. dezentrale saubere Energieerzeugung und Herstellung vieler Dinge im 3D-Druck daheim). Dadurch werde dem Kapitalismus weitgehend die Geschäftsgrundlage entzogen und in vielen Bereichen eine Produktion auf Basis von Selbstversorgung oder non-profit- Kollaboration ermöglicht. Die Basis sei, dass alle Dinge und Menschen mit Funketiketten ausgestattet, und die damit abgerufenen Daten vernetzt, ausgewertet und in Folge Abläufe optimiert werden. Diese Vernetzung führe die Menschheit heraus aus dem Zeitalter der Privatsphäre und in eine Ära der Transparenz, die zwar mit gewissem Missbrauchsschutz auszustatten, aber eben der Preis für die postkapitalistische Überflussgesellschaft sei. Ist das Insistieren auf Privatsphäre vielleicht eine rückwärtsgewandte Fortschrittsbremse?

Rifkin ist ein stylischer Business- Prediger und begnadeter Selbstdarsteller, der von einer Innovationskonferenz zur nächsten tourt und dabei von der deutschen bis zur chinesischen Regierung bewundert wird. Auf den ersten Blick klingt seine Message nach Schlaraffenland. Mit „Null-Grenzkosten“ meint er ja, dass bald ohne zusätzliche Kosten unendlich viele zusätzliche Einheiten eines jeden Dings hergestellt werden könnten. Alle Probleme gelöst! Er geht von all den richtigen und wichtigen Diskursen über die neuen Umgangsformen mit geistigem Eigentum – von Open Source bis Creative Commons – und den damit verbundenen Arbeitsweisen aus. Danach interpoliert er diese Debatten mit Hilfe aller möglichen Hypes von 3D-Druck über grüne Technologien bis zum Internet der Dinge und Big Data in eine bestechende und fast widerspruchsfreie Utopie, in der sich der Kapitalismus angeblich selbst abschaffen wird. Natürlich sind gemeinschaftliche, selbstorganisierte und dezentrale Produktion und Zusammenarbeit auf Basis des technologischen Fortschritts und der kollaborativen Erfahrungen aus dem „Open Source“-Bereich extrem vielversprechende und wichtige Ansatzpunkte. Aber wenn „Sharing Economy“ heute bedeutet, dass zentralistisch-paternalistische Konzerne wie Google mit einer super-disruptiven Taxi-Plattform wie Uber sowohl ihre selbstbestimmt-prekarisierten MitarbeiterInnen als auch ihre KundInnen bis ins Letzte überwachen, dann ist das echt nicht meine Revolution. Und sicher ist das Insistieren auf Privatsphäre eine Fortschrittsbremse – zumindest aus der Perspektive der Unternehmen. Aber aktuell profitieren vor allem zentralistische Player von der Verwertung unserer persönlichen Daten. Es wäre naiv, anzunehmen, dass sich diese Machtungleichgewichte einfach so auflösen. Prinzipiell gäbe es andere Konzepte, wie wir uns vernetzen könnten, ohne unsere Privatsphäre hemmungslos den Unternehmen auszuliefern. Aber die sind nicht kompatibel mit den kalifornischen IdeologInnen im Silicon Valley, die vorhaben, den Staat mittelfristig durch eine Art von kybernetischer Technokratie zu ersetzen, in der uns ihre intransparenten Algorithmen regieren.

http://www.crackedlabs.org/studie

online seit 27.01.2015 18:57:00 (Printausgabe 69)
autorIn und feedback : Beat Weber




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