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Warum Piketty?

„Das Kapital im 21. Jahrhundert“ wird sich auch auf Deutsch gut verkaufen – zu Recht

DIE KRISE HAT DAS ÖFFENTLICHE ANSEHEN DER ÖKONOMiNNEN auf Talfahrt geschickt. Am Buchmarkt stieg zwar das Interesse an ökonomischen Themen, aber die großen Erfolge heimsten dort anfangs eher Leute ein, die auf Distanz zur ökonomischen Wissenschaft gingen, und deshalb im bildungsbürgerlichen Feuilleton gut ankamen: David Graeber („Schulden“), Tomas Sedlacek („Die Ökonomie von Gut und Böse“), Joseph Vogl („Das Gespenst des Kapitals“), sowie eine Vielzahl selbsternannter UntergangsprophetInnen.

2013/14 ist mit Thomas Piketty schließlich doch ein Vertreter der Zunft zum Bestseller-Autor avanciert – noch dazu ein Linker! Diesen Herbst erscheint sein Buch „Kapital im 21. Jahrhundert“ auf Deutsch und wird wohl auch in dieser Fassung wieder einiges verkaufen. Wie ist das zu erklären?

DASS PIKETTY VOR DEM BUCH BEREITS WISSENSCHAFTLICH IM Mainstream der Ökonomie reüssieren konnte und dort viel diskutiert wird, erklärt angesichts des maroden Image des Fachgebiets nicht unbedingt seinen Massen-Appeal. Es sind vermutlich eher ein paar geschickte Darstellungsentscheidungen, die zur Breitenwirksamkeit beitragen. Mit seiner These, dass die Vermögenserträge in der Geschichte des Kapitalismus in der Regel über dem Wachstum der Gesamtwirtschaft liegen, trifft Piketty die aktuelle Themenkonjunktur in Form der Debatte um Reichtumskonzentration und Vermögensteuern.

Damit ist er nicht der Erste. Aber im Gegensatz zu anderen einschlägigen Werken weicht er den Standard-Erklärungsformeln „Neoliberalismus“ und „Klassenkampf von oben“ aus. Bei Piketty werden Verselbständigungstendenzen des Reichtums hervorgehoben und damit strukturelle Entwicklungen ins Zentrum gerückt, die mehr oder weniger unbeabsichtigt hinter dem Rücken der Leute passieren. Statt dem Elend der Arbeitswelt und Konflikten zwischen Unternehmen und Beschäftigten rückt Piketty die Verteilungsergebnisse in den Vordergrund. Das Hauptaugenmerk seiner Ursachenanalyse gilt somit unpersönlich erscheinenden Kräften statt politischen Auseinandersetzungen, was die Darstellung auch für jene verdaulich macht, die klassenkämpferischen Szenarien angewidert den Rücken zuwenden.

AM MEISTEN ANERKENNUNG WIRD PIKETTY FÜR SEINE Datensammlung gezollt, nicht zuletzt weil beim Thema Reichtum bislang Geheimniskrämerei der Wissenschaft den Weg versperrte. Ein Mitgrund ist vermutlich auch, dass in Zeiten von „Big Data“ Aussagen, die sich auf die Analyse beeindruckender Datenmengen berufen, ein Stellenwert beigemessen wird, von dem theoriegeleitetes kritisches Denken nur träumen kann. Die von Piketty aus seinem Datensatz destillierte Tendenz zur Divergenz zwischen Vermögenserträgen und Wirtschaftswachstum „Gesetz“ zu nennen spricht LeserInnen an, die eine Vorliebe für naturwissenschaftlich-technische Sichtweisen auf soziale Zusammenhänge pflegen. Mit ausführlichen Ausflügen in die Romanwelten des 19. Jahrhunderts, die die Darstellung historischer Verteilungsverhältnisse illustrieren sollen, werden im Gegenzug geisteswissenschaftlich und humanistisch orientierte LeserInnen versöhnt. So bedient der Autor unterschiedliche ZuhörerInnenschaften.

Aktuelle Kontroversen über Sparen vs. Expansion in der Budgetpolitik, den Umgang mit dem Finanzsektor oder die Nachhaltigkeit des Wirtschaftssystems umschifft das Buch, und kann sich so ein Stückweit als fraktionsübergreifend präsentieren (spätestens beim Kapitel mit der Forderung nach Vermögenssteuern ist damit freilich Schluss). Ökonomiebücher zur Krise verbreiten oft Negativbotschaften: Seien es die vor allem von deutschen Rechten verbreiteten Zusammenbruchs-Prophezeiungen rund um Verschuldung und Geldwert oder die unter Linken übliche Übung, die schmutzigen Seiten der Reichtumsproduktion zu thematisieren. Piketty hingegen setzt letztlich eine optimistische Botschaft: „Wir“ (als Gesellschaft in Europa) sind reicher als wir glauben – das gesamtwirtschaftliche Vermögen steige laufend an und sei höher als der viel beseufzte Schuldenstand. Einzig seine Verteilung liege im Argen, so Piketty.

PIKETTYS ANALYSE DER FOLGEN VON UNGLEICHHEIT MANGELT ES nicht an politischem Gehalt, und seine Kritik an Erbschaften ist sicher schwere Kost für das Bürgertum. Doch was die Umverteilungsforderungen des Autors betrifft, erlaubt sein Fokus auf die Superreichen als die für Ungleichverteilung maßgebliche Gruppe einer sehr breiten Mehrheit der LeserInnen, sich irgendwie als Mittelschicht und nicht angesprochen zu fühlen. Auch des Autors Absage an den Ausbau des Staatsanteils in der Wirtschaft mag bei dieser Klientel zur Beruhigung beitragen.

Viele der genannten Massenattraktionsmittel erreichen freilich gar keine Massen, sondern bestenfalls jene RezensentInnen und WeiterempfehlerInnen, die den berühmten Stein (bzw. in dem Fall: Ziegel) ins Rollen gebracht haben: Dank „Big Data“ liegen Hinweise zum Nutzungsverhalten von e-Book-LeserInnen vor, denen zufolge die englische Ausgabe „Capital in the 21st Century“ zwar viel gekauft, aber wenig gelesen wurde. Bei dem Umfang (in der deutschen Druckausgabe über 800 Seiten) kein Wunder, noch dazu wo es im Internet vor guten Zusammenfassungen wimmelt. Doch eines ist sicher: Sich auf die eine oder andere Weise vom Buchinhalt zu informieren, ist höchst sinnvoll verbrachte Zeit.

online seit 22.10.2014 00:04:37 (Printausgabe 68)
autorIn und feedback : Pinguin




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