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Ökonomie richtig denken?

Streit um die Ausrichtung der Wirtschaftswissenschaften

Seit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise hat die Wirtschaftswissenschaft ein massives Imageproblem. Die Ökonomie gilt als Schönfärber-Wissenschaft, die die Krise nicht hat kommen sehen und keine vernünftigen Antworten auf ihre Herausforderungen parat hat. Nun rumort es wieder mal in den eigenen Reihen: Ökonomie-Studierende aus 18 Ländern haben im Mai unter dem Namen „International Students Initiative for Pluralism in Economics“ (ISIPE) ein Manifest veröffentlicht, in dem sie mehr Pluralismus in Lehre und Forschung fordern.

Institutionelle Verdrängungsleistung

Der dominante Zweig der Wirtschaftswissenschaften ist die Neoklassik, die sich ihrem Gegenstand in der Regel mit starken Annahmen über die Rationalität der Individuen und die Segnungen der Märkte nähert, und sich auf Fragen konzentriert, die sich mithilfe mathematischer Gleichungen modellieren lassen. Im 19. und 20. Jahrhundert ist eine Vielzahl anderer Ansätze zur Untersuchung volkswirtschaftlicher Fragen entstanden, vom Marxismus über den Keynesianismus bis zu feministischer und ökologischer Ökonomie. Im Zuge der zunehmenden Verwettbewerblichung des Hochschulwesens und des Siegeszugs von Ranglisten auf Basis von Veröffentlichungen in einem kleinen Kreis internationaler Fachzeitschriften ist es der in den letzten Jahrzehnten dominanten Neoklassik gelungen, diese anderen Ansätze zunehmend von den Universitäten zu verdrängen. Und zwar mithilfe der Scheinobjektivität der Ranking-Praxis: Als Top-Journals gelten neoklassische Fachzeitschriften, andere Ansätze werden dort nicht akzeptiert, folglich können VertreterInnen anderer Ansätze sich in Rankings nicht etablieren. Die wirtschaftsliberale Schlagseite neoklassischer Ansätze verleiht diesem Verdrängungsprozess einen politischen Charakter. Schon vor 15 Jahren brachten europäische ÖkonomInnen unter dem Slogan „post-autistische Ökonomie“ in einer Petition ihren Unmut über diese Entwicklungen zum Ausdruck. Geändert hat sich wenig.

Durch die Krise ist im englischsprachigen Raum auch innerhalb der Universitäten eine Debatte um die Rolle von ÖkonomInnen beim Deregulieren der Finanzmärkte, beim Schönreden von bedenklichen Entwicklungen und beim Abgeben interessengeleiteter wirtschaftspolitischer Empfehlungen ausgebrochen. KritikerInnen fordern von den lautesten Wirtschaftsliberalen die Offenlegung von Beraterverträgen mit Privatunternehmen. Und nun ist mit dem Manifest für Pluralismus die Forderung nach theoretischer, methodischer und disziplinärer Vielfalt unterstrichen worden.
Unter den UnterzeichnerInnen ist auch der Ökonom der Stunde, Thomas Piketty. Er hat mit seinem Buch „Capital in the 21st century“ das meistdiskutierte Wirtschaftsbuch der letzten Jahre vorgelegt. Er bedient sich zwar neoklassischer Methoden, thematisiert damit aber das in der ökonomischen Forschung weitgehend tabuisierte Thema der problematischen Vermögensverteilung in einer historischen Perspektive.

Nebenschauplatz Uni?

Was die Ausbildung betrifft, trifft die Initiative einen sehr wichtigen Aspekt. Doch was den Einfluss auf die Wirtschaftspolitik betrifft, sind akademische ÖkonomInnen vielleicht gar nicht das Hauptproblem. An den österreichischen Unis wird zu Wirtschaftspolitik weitgehend geschwiegen, bestenfalls aus den Fachhochschulen ist dazu mitunter etwas zu hören. In Ländern wie den USA kommt seit den 1990er-Jahren Expertise immer öfter aus sogenannten „Thinktanks“. Sie finanzieren sich Jahr für Jahr aus Hunderten Millionen Dollar an Privatspenden, und die Mehrheit unter ihnen ist konservativ bis wirtschaftsliberal. In Österreich waren außeruniversitäre ExpertInnenratschläge lange Zeit auf Kammern bzw. Sozialpartnerschaftsinstitutionen sowie die großen Wirtschaftsforschungsinstituten Wifo und IHS beschränkt.

Die neoliberale „Durchregieren“-Offensive, die sich die schwarz-blaue Regierung um die Jahrtausendwende vornahm, begegnete Kritik mit dem Versuch, das Meinungsspektrum auch in Expertenzirkeln nach rechts zu verschieben. Mit Grassers Unterstützung wurde das Hayek-Institut gegründet, das seither regelmäßig in TV-Diskussionsrunden eine Plattform erhält. Das Phänomen wirtschaftsliberaler Thinktanks hatte nun Österreich erreicht. Die jüngste Wirtschaftskrise, die der Verteilungsdebatte neue Nahrung gab, und Bücher wie jenes von Piketty zum Bestseller machte, sorgte nun für einen neuen Schub. Mit „Eco Austria“ schuf die Industriellenvereinigung – die zuvor dem Wifo wegen unzureichender Widerspiegelung von Industriepositionen die Subventionen gekürzt hatte – ein eigenes Institut. Anfang 2013 folgte „Agenda Austria“, das sich aus Spenden von Unternehmen und Vermögenden finanziert. Im Windschatten haben sich noch kleinere Initiativen mit Namen wie „Weis(s)e Wirtschaft“ und „Pro Marktwirtschaft“ etabliert.

Fabriziertes Denken

All diese Einrichtungen treten nicht vorwiegend durch Forschung hervor. Das Geschäft von Thinktanks (auf Deutsch häufig als „Denkfabriken“ übersetzt) besteht im argumentativen Unterfüttern von politischen Positionen. In einer Zeit, wo die Frage „Wer zahlt für die Krise?“ virulent ist, werden gute Argumente gegen Vermögensteuern und Sozialausgaben knapp. Hier sind Leute gefragt, die sich nicht scheuen, sich rhetorisch die Hände schmutzig zu machen: polemisieren, vereinfachen, selektiv meinungskongruente Daten auswählen, Argumente zuspitzen. Sie liefern Argumente, mit denen Umverteilungsforderungen abgeblockt werden können. Zum Beispiel, wenn Agenda Austria exzessive Steuerlast statt Ungleichheit als Grund für unzureichende Einkommen behauptet, obwohl diese Steuern staatliche Ausgaben finanzieren, mit denen die Ungleichheit der Lohneinkommen gemildert wird.

Oder sie brechen Diskussionen vom Zaun, um von anderen abzulenken. Etwa wenn Agenda Austria die Existenz von Budgetlöchern im Staatshaushalt behauptet, Medien das aufgreifen und Interessensvertreter mit Sparvorschlägen nachlegen. Als wirklich unabhängige Institute könnten sie diese Rolle nicht spielen, weil dann würde ihnen niemand zuhören. Sie sind vielmehr StichwortgeberInnen, Gewährsleute und UnterstützerInnen in Debatten-Inszenierungen von interessierter Seite. So lassen sich subtile Verschiebungen des repräsentierten Meinungsspektrums inszenieren, wenn in öffentlichen Diskussionsrunden neben deklarierten InteressenvertreterInnen Thinktank-ExponentInnen sitzen, die ins selbe Horn stoßen, und so der liberalen Meinung mehr Gewicht verleihen. Zum Zuhören kann uns freilich niemand zwingen.

online seit 28.05.2014 16:06:22 (Printausgabe 67)
autorIn und feedback : Pinguin




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