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Endlich Klugscheissen

Quizduell als Rache am Arbeitsmarkt

ÜBER ZEHN MILLIONEN NUTZERiNNEN BINNEN WENIGER MONATE allein im deutschen Sprachraum: Die Handy-App „Quizduell“ ist ein Sensationserfolg, der nur mit dem „angry birds“-Fieber der letzten Jahre verglichen werden kann. Wer mitspielt, kann sich in diversen Wissensbereichen mit FreundInnen, Bekannten und Unbekannten virtuell messen. Erfolge werden bewertet, veröffentlicht und in globalen Ranglisten kumuliert. Suchtpotenzial: hoch. In Zeitungsberichten wird der Hype vornehmlich damit erklärt, dass die App eine sozial akzeptierte Form der Besserwisserei biete.

Die Nachfrage nach einem solchen Spiel lässt sich aber auch auf die systematische Überproduktion von Wissen zurückführen: Das offizielle Mantra, dass sich mit Bildung die Arbeitsmarktchancen stark verbessern, hat einen Bildungswettlauf befeuert, als dessen Haupteffekt sich eine Erhöhung der formalen Anforderungen am Arbeitsmarkt eingestellt hat: Für Jobs, für die früher Lehre oder Matura reichten, werden jetzt (Fach-)Hochschulabschlüsse verlangt. Das hat oft nichts mit den inhaltlichen Anforderungen am Arbeitsplatz zu tun. Im Gegenteil bewirkt fortschreitende gesellschaftliche Arbeitsteilung immer größere Spezialisierung: Auf vielen Arbeitsplätzen wird nur ein sehr geringer Anteil des in der Bildungslaufbahn erworbenen Wissens tatsächlich „abgefragt“.

Im Zentrum des Anforderungswandels in der Arbeitswelt steht eher eine allgemeine Flexibilität und der Appell, sich aktiv einzubringen – Dinge, die weniger mit konkretem Wissen zu tun haben als mit Einstellungen und Kompetenzen, die auf einer abstrakteren Ebene angesiedelt sind. Es sind Dinge, die als Bestandteil des „heimlichen Lehrplans“ im Zuge von Bildungsprozessen angeeignet werden können, vielmehr aber per Sozialisation erworben werden. Deshalb hat soziale Herkunft für die Chancen am Arbeitsmarkt und den beruflichen Aufstieg eine ungebrochene Bedeutung.

DIESE KONSTELLATION PRODUZIERT MASSENHAFT ENTTÄUSCHTE Erwartungen unter den Bildungsbeflissenen. Haufenweise Wissen liegt brach, Leute sitzen überqualifiziert in unterfordernden Jobs oder kriegen erst gar keine Arbeit (Stichwort Jugend in Südeuropa). Anerkennung oder Entlohnung für den jahrelangen Bildungsmarathon? Fehlanzeige. Die beliebteste Büro-Cartoon Serie, Dilbert, handelt vom Frust der angestellten ExpertInnen, deren Arbeit von dumpfbackigen inkompetenten Chefs missachtet wird. Quizduell hingegen bietet ein Forum für jenen globalen Kompetenz-Leistungswettbewerb, den das gesellschaftliche Leitbild der bildungsbasierten Leistungsgesellschaft verspricht, aber in der realen Arbeitswelt nicht einlöst.

Zwar sind Wissensquiz-Spiele nichts Neues: Aber während „trivial pursuit“ ein Spiel für den privaten Kreis und die „Millionenshow“ für die Teilnehmenden ein Mittel zum Gelderwerb sowie für die ZuschauerInnen nur ein passives Vergnügen war, geht Quizduell einen Schritt weiter: öffentlicher Wettbewerb aller gegen alle, und es gibt als Preis keine Anreize, außer zu gewinnen. Im Gegensatz zu anderen Formen des öffentlichen Kompetenzbeweises für knowledge worker, z. B. der Teilnahme an Crowdsourcing-Projekten, handelt es sich nicht um eine verklausulierte Bewerbungssituation für den Arbeitsmarkt.

In gewisser Weise geht es gerade um den Protest gegen die Zustände am Arbeitsmarkt und gegen die gebrochenen Versprechen der Leistungsgesellschaft. Diese Form des Protests affirmiert somit zwar das Prinzip des wissensbasierten Leistungswettbewerbs, aber das Spiel ist (je nach persönlichem Wunsch) anonym, es geht (zumindest vorerst) nicht um Geld, und es werden Wissensbereiche gequizzt, die oft wirklich sehr arbeitsfern sind. Affirmativ oder subversiv? Auf diese Frage bleibt Quizduell die Antwort vorerst schuldig.

online seit 12.04.2014 10:25:10 (Printausgabe 66)
autorIn und feedback : Pinguin




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