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  Arbeit ist Arbeit …

… egal ob „legal“ oder „illegal“. Interview mit Z., ehemaliger Asylwerber in Österreich über Lohnbetrug, seinen Arbeitskampf und seine Erfahrungen mit der Gewerkschaft

Z. ist 31 Jahre alt. Er entschied sich, den Iran zu verlassen und in Europa zu leben. In Österreich stellte er einen Asylantrag. Doch während des Asylverfahrens wurde es Z. – wie allen Asylwerber_innen in Österreich – de facto verunmöglicht, offiziell zu arbeiten. Daher arbeitete er undokumentiert, d. h. ohne gültige Arbeitspapiere, auf einer Baustelle in Wien. Doch der Arbeitgeber beantragte weder eine Beschäftigungsbewilligung für ihn, noch meldete er ihn bei der Sozialversicherung. Letztlich zahlte er ihm noch nicht mal den vereinbarten Lohn. Mit der Unterstützung eines Freundes wendete sich Z. an die Gewerkschaft. Er wurde Mitglied der Gewerkschaft Bau-Holz (GBH). Diese unterstützte ihn dabei, seine Rechte vor Gericht und letztlich seine Ansprüche über den Insolvenz-Entgelt-Fonds mit Erfolg einzufordern.

Z. ist sich durchaus darüber im Klaren, dass das zentrale Problem der fehlende Zugang von Asylwerber_innen zum Arbeitsmarkt ist. Denn dadurch wird es diesen praktisch verunmöglicht, bei der Jobsuche auch Nein sagen zu können – sei es zu miserablen Arbeitsbedingungen oder zu besonders krassen Niedriglöhnen. In Ermangelung einer Wahlmöglichkeit werden sie so faktisch dazu gezwungen, angebotene Jobs zu jeden Bedingungen anzunehmen. Manchmal mache aber gerade die Möglichkeit, Nein zu sagen, den entscheidenden Unterschied, wie Z. im Interview mit MALMOE meint.

MALMOE: Kannst du einleitend kurz erzählen, wie du eigentlich zu dem Job auf der Baustelle gekommen bist?

Z.: Ich hab den Job über einen Freund bekommen, der in Kontakt mit dem Arbeitgeber war. Das war auch die einzige Verbindung zwischen uns: Er suchte nach jemandem für den Job, und ich suchte nach einem Job. Das war’s. Community-Netzwerke sind aber wohl im Allgemeinen für die Suche nach Arbeit in diesem Bereich sehr wichtig: Die Leute suchen also über die Beziehung zu diesem Freund oder jener Freundin, die in einer der großen Städte wohnen. So finden sie Jobs, nicht über das Internet oder irgendwelche Ämter.

Wie sah deine Abmachung mit dem Arbeitgeber aus?

Es war vereinbart, dass ich 200 Euro pro Woche bekomme. Das war zwar nicht viel, aber ich brauchte das Geld, deshalb musste ich den Job annehmen. Wie viele Stunden ich pro Woche dafür zu arbeiten haben würde, war nicht genau vereinbart. Insgesamt waren es am Ende der drei Wochen dann aber 94 Stunden.

Du hattest also in schriftlicher Form keinen Vertrag mit dem Arbeitgeber?

Nein, aber ich habe den Arbeitgeber auch nur zwei Mal gesehen, das war’s. Die Beziehung zu ihm war also nicht sehr eng. Als ich in seinem Büro war, hab ich ihn zwar nach den Formularen gefragt, aber er sagte immer: „Okay, nächste Woche …“ Aber diese nächste Woche ist nie gekommen. Es ist nichts passiert. Passiert ist erst etwas mithilfe der Gewerkschaft. Da stellte sich dann auch heraus, dass das Unternehmen in Konkurs gegangen war.

Und wie lange hast du gearbeitet bzw. waren die Arbeitszeiten fix?

Ich habe auf der Baustelle mit anderen zusammen gearbeitet. Wenn die fertig waren, war auch ich fertig – und wenn sie angefangen haben, hab auch ich angefangen. Es gab also keine streng geregelten Arbeitszeiten wie beispielsweise von 7 bis 12 Uhr und dann eine halbe Stunde Pause. So etwas gab es dort nicht. Stattdessen arbeiteten wir an manchen Tagen von 9 bis 19 Uhr, einmal sogar von 6 bis 22 Uhr. So war das dort. Auch das Team, mit dem ich zusammen arbeitete, veränderte sich: Manche kamen früh, andere spät und manchmal kam auch jemand gar nicht. Aber der Kontakt zu den anderen Leuten in meinem Team war auch nicht so eng.

Hast du den Job nichtsdestotrotz gemocht?

Nein. Zu diesem Zeitpunkt musste ich das – oder was auch immer – einfach machen, auch wenn ich eine solche Art von Job noch nie zuvor gemacht hatte. Wie gesagt: Ich brauchte das Geld. Und was ich tun muss, tu ich halt. Aber das gilt, wie ich glaube, für alle: Was jemand tun muss, tut er oder sie eben. Heute jedoch würde ich einen solchen Job nicht mehr machen. Ich hab zu viele Jobs gemacht, die ich nicht mochte, aber machen musste. Dabei habe ich im Iran die Ausbildung zum Elektriker und eine technische Matura abgeschlossen; darüber hinaus zwei Zusatzausbildungen. Hier versuche ich zurzeit, meine Ausbildung nostrifizieren zu lassen.

Was war deine Reaktion, als klar wurde, dass der Arbeitgeber dich um deinen Lohn betrügt?

Zuerst bin ich natürlich wütend geworden, das ist ja normal. Dann habe ich den Freund, der mir den Job vermittelt hatte, um Rat gefragt – und der sagte: „Wir gehen zur Gewerkschaft!“ Er hatte einen Bekannten, der hauptamtlich für die Gewerkschaft vida arbeitete, und zu dem sind wir dann gegangen. Dieser Bekannte meinte: „Okay, ich werde deinen Fall verfolgen. Wir werden sehen, was wir bei der vida für dich machen können.“ Nach zwei Wochen meinte er dann, dass das eine große Sache sei, um die sich nicht die vida kümmern könne: „Wir werden dich zur Gewerkschaft Bau-Holz (GBH) schicken. Die können einen Anwalt stellen und mit deinem Fall vor Gericht gehen.“ So bin ich dann zur GBH gekommen und hab dort mit einer Zuständigen gesprochen, die mich zu einem anderen Anwalt geschickt hat. Danach wartete ich auf den ersten Gerichtstermin.

Als du dich entschieden hast, vor Gericht zu gehen, hattest du da Angst vor dem Arbeitgeber?

Nein, ich habe vor niemandem Angst [lacht]. Ich mein, er war schuldig, warum sollte ich da Angst haben? Ich denke: Arbeit ist Arbeit, ganz egal, ob diese Arbeit nun „legal“ oder „illegal“ ist. Wenn ich zum Beispiel für dich arbeite, musst du mich bezahlen. Wenn du nicht bezahlst, macht das keinen Sinn. Die Frage der „Legalität“ oder „Illegalität“ macht für das Finanzamt oder vergleichbare Institutionen einen Unterschied. Aber für mich war nur von Bedeutung, dass er mir Geld schuldet und dass er mich zu bezahlen hat. Das ist alles – eine ganz einfache Sache [lacht].

Und auch vor den Behörden hattest du in dieser Situation keine Angst?

Nein, ich habe keine Angst; noch nicht einmal vor den Gewerkschaften. Die sind schließlich keine Löwen, weshalb ich mich auch nicht davor fürchten musste, dass sie mich fressen werden [lacht].

Aber hast du den Gewerkschaften vertraut? Ich meine, es gibt einen Unterschied zwischen „sie nicht zu fürchten“ und „ihnen zu vertrauen“ …

Nun, ich wusste schlicht nicht, was die Gewerkschaft tun kann. Aber ich hatte doch die Hoffnung, dass sie irgendetwas wird tun können. Nachdem ich das also nicht wusste, hatte ich zwar Hoffnung, aber kein Vertrauen. Ich meine, wenn ich eine Arbeitserlaubnis gehabt hätte, wäre es etwas anderes gewesen. Aber in dieser Situation war mein Vertrauen begrenzt.

Was muss sich deines Erachtens verändern, wenn die Gewerkschaften undokumentierte Kolleg_innen tatsächlich unterstützen wollen?

Ich denke, es müssten spezielle Gruppen und Angebote zur Unterstützung von Arbeiter_innen ohne entsprechende Papiere geschaffen werden. Und es müsste nach Wegen gesucht werden, wie die Information über solche Gruppen bzw. Angebote verbreitet werden könnte.

Aktuell wird von verschiedenen Organisationen in Österreich der freie Zugang zum Arbeitsmarkt für Asylwerber_innen gefordert. Was hältst du von dieser Forderung und glaubst du, die Situation von Asylwerber_innen würde sich dadurch verändern?

Ja, natürlich würde sich die Situation dadurch verändern. Einfach weil die Arbeitgeber_innen dazu gezwungen wären, Löhne zu zahlen, die auf dem „legalen“ Arbeitsmarkt bezahlt werden. Wenn heute so jemand arbeiten geht, bekommt er zum Beispiel nicht zehn, sondern lediglich vier Euro pro Stunde. Aber wenn er arbeiten darf, können die Arbeitgeber_innen so etwas nicht machen – sie können nicht so wenig zahlen. Das heißt, die Arbeiter_innen erhalten dadurch nicht bloß ein Recht zu arbeiten, sondern in der Tat auch ein Recht auf ein besseres Leben. Asylwerber_innen kommen in der Regel ja aus armen Ländern. Die meisten von ihnen haben keine Hoffnung auf ein gutes Leben in ihren Ländern. Deshalb müssen sie hier arbeiten, um Geld zum Aufbau eines besseren Lebens nach Haus zu schicken oder um ihre Familie hierher nachzuholen. Darum suchen sie nach Arbeit und sie arbeiten hart – sie kämpfen hart für ihr Leben.

online seit 06.06.2012 09:22:13 (Printausgabe 59)
autorIn und feedback : Interview: PrekärCafé


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