![]() |
| |
|
|
||||
| |
||||||
|
Im Wunderland der Reichen Thomas Franks „Richistan“ Kritik am Reichtum wird von Konservativen als Neiddebatte abgetan, im Marxismus als Ablenkung von fundamentaler Kapitalismuskritik verachtet und von Neoliberalen als Ausdruck mangelnder Einsicht in die Gesetze des Marktes verurteilt. Doch die zunehmend sichtbare Anhäufung und Abschottung von Reichtum machen ihn scheinbar unausweichlich zum öffentlichen Thema. Zuletzt besonders markant im Zuge der deutschen Steuerflucht-Debatte. Der Fall des öffentlich als Steuerflüchtling gebrandmarkten Postmanagers Klaus Zumwinkel gab der Öffentlichkeit Rätsel auf: Hat so ein superreicher Manager es wirklich nötig, den Fiskus um den vergleichsweise läppischen Betrag von einer Million Euro zu prellen? Dass Menschen in den oberen Bereichen der Einkommenspyramide auch dann noch nach mehr streben, wenn sie gemäß allgemeinen Standards längst „ausgesorgt“ haben, liegt weniger an der vielzitierten „Gier des Menschen“. Vielmehr daran, dass Menschen ihr Verhalten an den Gepflogenheiten ihres Umfelds ausrichten. Großverdienende - deutsche Großunternehmens-Manager verdienen im Schnitt 4 Millionen Euro im Jahr - verkehren in der Regel in Beruf und Freizeit vorwiegend mit ihresgleichen. Und in dieser Liga gelten andere Standards als ein Vergleich mit DurchschnittsverdienerInnen nahelegen würde. Diese Leute bilden heute eine eigene Welt, mit ihren eigenen Maßstäben, so der Wall Street Journal-Journalist Thomas Frank in seinem Bestseller „Richistan“ mit Blick auf die USA. Dank einer Politik, die Reiche begünstigt, dem Boom des Aktienmarkts und weiteren Umwälzungen im Wirtschaftsleben hat sich in den USA die Zahl der Millionärshaushalte in den letzten 20 Jahren verdreifacht, so Frank. Nur 3% davon sind die oft im Rampenlicht stehenden Stars, 10% haben ihr Vermögen geerbt. 60% haben ihr Geld aus Aktienbesitz, und 23% aus einem Managementgehalt. Um zu den bestverdienendsten 1% der Bevölkerung zu gehören, braucht man heute doppelt so viel Vermögen wie noch vor 10 Jahren, nämlich 6 Millionen Dollar. Wer diese Schwelle überschritten hat (oder besser noch, die „wahre“ Schwelle von 10 Millionen), der darf sich zum Angehörigen eines exklusiven Clubs zählen, in dem andere Standards herrschen als beim Rest der Bevölkerung. Eine Armee von Butlern und Beratungskräften unterstützt die Wohlhabenden bei der Optimierung der persönlichen Angelegenheiten. Exklusive Bankberatungsdienste, die besonders steuerschonende Varianten im Angebot haben, gehören da zum selbstverständlichen Zubehör. Die Vorstellung, dass das Leben von Reichen in zurückgelehntem Genuss besteht, ist allerdings verfehlt, so Frank. Wer dazu gehört, scheint sich keineswegs auf seinem Reichtum ausruhen zu können. Im Gegenteil zeichnet der Autor das Bild einer Gemeinschaft von Getriebenen, die in einem endlosen Wettlauf um Status gefangen ist. Mit der immer noch größeren Yacht, dem immer noch gigantischeren Haus oder der noch exklusiveren Uhr versuchen sich die Superreichen gegenseitig zu übertrumpfen. Als Wettbewerbsobjekt taugen scheinbar auch Wohltaten: Ein wahrer Wettlauf darum, wer die großzügigste Spende bei Wohltätigkeitsveranstaltungen leistet, entscheidet über gesellschaftliches Ansehen in Richistan. Anlass für Mitleid mit den Reichen im Sinne einer „Geld macht gar nicht glücklich“-Philosophie gibt es dennoch wenig. Denn erstens dient der Hinweis auf freiwillige Spenden für selbst gewählte Zwecke der Abwehr von gesellschaftlichen Forderungen nach höherer Steuerleistung – Steuern, über deren Verwendungszweck dann im Gegensatz zu privaten Spenden öffentlich debattiert werden kann. Und zweitens sind die Effekte von persönlichem Reichtum auf den Rest der Gesellschaft gravierender: Im Ausbildungs- und Gesundheitswesen können sich Reiche zunehmend Sonderprivilegien erkaufen, ihre Wahlkampfspenden verhelfen ihnen zu überproportionalem politischen Einfluss, und der Zugang zu exklusiven Beratungs- und Anlagemöglichkeiten verhilft ihnen zu ständig weiteren Möglichkeiten, ihr Vermögen zu vermehren und dem Zugriff der anderen zu entziehen. Der Konsum der Reichen hat zudem neue Konsumstandards etabliert. Die in diesem Wettlauf zurückbleibenden versuchen durch immer mehr Arbeit, mitzuhalten. Und wenn es wahr ist, dass Glück sich durch die relative Position in einer Gesellschaft bemisst, dann lässt der wachsende Abstand der Reichen zum Rest den Rest immer weniger glücklich zurück. online seit 23.04.2008 11:04:58 (Printausgabe 41) autorIn und feedback : Tommi Settergren |
|
Versichern beflügelt Wie eine Finanzkooperative ihren finanziellen Alltag organisiert [25.08.2008] Privat versichern ohne Profit Welche Potenziale haben solidarische Versicherungsinitiativen? [16.07.2008,Tommi Settergren] Erben in Österreich Während die Regierung eine „Vermögenszuwachssteuer“ diskutiert, wird die viel weitreichendere Erbschaftssteuer abgeschafft. Wie konnte das passieren? [07.07.2008,Schürz/Weber] die nächsten 3 Einträge ... |
|||
![]() |