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Stalking im Werbe-TV

Plus Terminhinweis 21.11.

Das Werbefernsehen präsentiert uns neuerdings Marken, die Teil der Familie sein und unser Wohnzimmer persönlich belagern wollen. Billa hetzt uns den Hausverstand an den Hals, der Berater der Erste Bank hängt in allen Lebenslagen wie eine Klette vor allem an der weiblichen Kundschaft, und die Teekanne hält als selbsternannter Butler fremde Wohnungen in Schuss.

Diese zudringlichen Typen – das Gewissen, der Berater und der Butler – sind nicht zufällig konservativ gestylte Herren mit einem gewissen Retro-Flair. Sie sind Exponenten eines überholt geglaubten Paternalismus, der in kommerzialisierter und „softer“ Form wieder auf dem Vormarsch ist. Privater Konsum gilt nicht mehr nur als Reich der Freiheit und des Auslebens persönlicher Wünsche, sondern wird immer stärker bevorzugter Gegenstand von moralischen Appellen. Ihm wird jetzt zunehmend die Rolle zugesprochen, die früher gesamtgesellschaftliche Steuerinstanzen übernommen haben. Drei Beispiele: Weil es keine Spielregeln des Welthandels gibt, die eine gewisse Symmetrie zwischen Nord und Süd erhalten, sollen angemessene Preise für Bauern im Süden jetzt über die persönliche Konsumentscheidung für „fair trade“-Kaffee und Konsorten gesichert werden. Weil die Gesundheitssysteme sparen wollen und weil es keine Verpflichtung für die Nahrungsmittelindustrie gibt, auf die Anpreisung ungesunder Lebensmittel zu verzichten, wird die Verantwortung für gesunde Ernährung auf die Einzelnen abgewälzt. Weil die Pensionsvorsorge privatisiert wird, müssen die Individuen alle zu FinanzexpertInnen werden, um sich im Dschungel der Privatpensions-Angebote zurechtzufinden, und ihr Finanzgebaren auf Jahrzehnte voraus planen.

Damit diese individualisierten Entscheidungen nicht in die ganz verkehrte Richtung laufen und erst wieder gesellschaftliche Probleme verursachen (z.B. kranke Dicke, verarmte PensionistInnen, die erst wieder der Staat auffangen muss), ist die Privatisierung begleitet von moralischen Appellen, manchmal sogar Strafandrohungen und anderen „Anreizen“. Den Individuen wird Verantwortungsbewusstsein im Konsum gepredigt. Und diese Predigten, die zu gesellschaftlichen Stereotypen werden, greift die Werbung auf, so wie sie alle Stereotypen aufgreift. Und es gibt Unternehmen, die sich an die Durchsetzung dieser Verantwortungs-Leitbilder ranhängen, indem sie sich als Dienstleister präsentieren, die diesen Verantwortungs-Aspekt im persönlichen Konsumleben der Kundschaft wahrnehmen. Der Bankberater übernimmt die finanzielle Vernunft, der Hausverstand das Gesundheitsbewusstsein, die Teekanne das häusliche Ordnungsbewusstsein – so das Versprechen. Sie bieten sich als Überwacher des persönlichen Lebens an, bieten an, es in die richtigen Bahnen zu lenken. Sie wollen Teil der Familie werden. Das Vorbild solcher Kundenbindungsprogramme liegt irgendwo zwischen Big Brother, Stalking und Zwangsehe.

Wirtschaftliche Verhältnisse als Familienanbindung zu verkaufen, knüpft übrigens nicht nur am Konsum, sondern auch an der Arbeit an. Zuletzt wird in Österreich und Deutschland die Idee der Beteiligung der Angestellten an ihren Unternehmen wieder stark promotet. Ein Stückchen Gewinnbeteiligung, oder ein paar Unternehmensaktien, sollen die Lohnbeziehenden dazu bringen, sich als Teil der Unternehmens-Familie zu fühlen und folglich ein bisschen „verantwortungsvoller“ gegenüber dem Unternehmen zu benehmen, und sich noch mehr anzustrengen.

Warnung: Zu viel Familie kann Ihre Autonomie gefährden und den Blick für größere Zusammenhänge verstellen!

Termintipp:
Diskussionsveranstaltung mit dem kritischen Mitarbeiterbeteiligungs-Forscher Heinz-J. Bontrup am 21.11. im 7stern in Wien.



online seit 16.11.2007 11:02:27 (Printausgabe 39)
autorIn und feedback : Pinguin




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