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  BADEN UND KIFFEN

ERST EINRAUCHEN, DANN ABTAUCHEN!

Baden mochte ich schon als Kind nicht. Nach den langen Tagen im Wald oder auf dem Fußballplatz kam die obligatorische Badeaktion einer Qual gleich. Schmutz war damals ganz angenehm und Schmutzigsein irgendwie cool. Am Ende des Tages wusste ich schließlich, was ich getan hatte. Schon damals verstand ich nicht, was dieser Sauberkeitsfetisch sollte, wenn meine Eltern mich, völlig verstört durch meinen Anblick, ins Bad verdonnerten. Noch dazu waren es meine drei Geschwister, die mit ihrer Wasserscheue nicht gerade zur Entspannung der Situation beitrugen, über deren Geschrei und wütenden Gesichter ich heute aber lachen kann. Ich muss zugeben: Später bin auch ich dem Ideal der Hygiene verfallen. Im Großen und Ganzen wasche ich mich regelmäßig und wenn ich im Wald bin, wälze ich mich nicht mehr im Schlamm. Schmutz ist auch in meinen Augen zu etwas geworden, das unverzüglich entfernt werden muss. Gut riechen bzw. nicht stinken ist spätestens seit der Pubertät eine wichtige Bedingung für ein rundum angenehmes Körpergefühl. Trotzdem leben Kindheitstage manchmal auf, wenn ich nach dem Sport einfach stundenlang ungeduscht und miefend durch die Wohnung gehe, bis mich eine_r meiner Mitbewohner_innen feinfühlig aber entschlossen dazu auffordert, mich doch zum Wohl aller zu waschen. Die Erlebnisse der Kindheit sind also nicht vergessen, die Erinnerungen nicht komplett verblasst.
Zum ersten Mal gekifft habe ich einige Jahre nach den Badkämpfen. In der Mittagspause spazierten ein paar Freund_innen und ich in die nahegelegene Altstadt, deren verwinkelte Gassen uns für den Konsum Schutz und eine gewisse Atmosphäre zugleich boten. Ich kann mich heute noch an die Leichtigkeit erinnern, die mir damals ganz neue Sphären der Gefühle und Wahrnehmungen eröffnete und viele witzige Lachanfälle im Mittagsunterricht bescherte. Wenn ich heute kiffe, ist mein Körper am nächsten Tag so leer und schwer wie er sich im Rauschzustand leicht anfühlt. Von der kümmerlichen Verfassung meines Kopfes ganz zu schweigen. Wenn ich Glück habe, dann beschränken sich seine Aktivitäten auf „Nichts“. Sonst müht sich meine Matschbirne mit lästigen und seltsamen Gedankengängen ab. In meinem Umfeld wird heute regelmäßig gekifft. Nachdem ich aber Kiffkater und Postrauschzustände immer unangenehmer empfand, kiffe ich nur noch selten.
Als eine Freundin mir von ihrem Versuch erzählte, Baden und Kiffen zu verbinden, fühlte ich mich in meinen Abneigungen zunächst bestätigt. Ihr Körper hatte die Kombination aus hoher Wassertemperatur und eines tiefen Zugs am Joint nicht verkraftet, sie fiel kurzzeitig in Ohnmacht. Dennoch gab mir diese Geschichte Anlass noch einmal über die ganze Sache nachzudenken. Ich weiß nicht, ob es die Neugier nach den Grenzen meines eigenen Kreislaufs oder ein höherer Gedanke war. Irgendetwas bewegte mich dazu, das Unangenehme mit dem Unangenehmen zu verbinden. Es ist keine mathematische Angelegenheit, doch Minus und Minus ergaben bei dieser Sache ein Plus. Nach dem ersten Probieren wusste ich: In der Kombination von Baden und Kiffen werden die ursächlichen Widersprüche in einem Zustand höherer Ordnung aufgehoben. Es geht nicht mehr um die Fragen „baden oder nicht baden“, „kiffen oder nicht kiffen“, dualistische Sackgassen, in denen ich mich einmal befand. Das Bad wird zum Ort des temporären Rückzugs, der Absage an die Geschwindigkeit des Lebens. Ein Ort, der die Welt nicht besser macht, doch einer an dem ich kurzzeitig in eine eigene Welt eintauche. Entspannung und Auszeit, die es mir erlauben, von Gedanken und Sorgen loszulassen, welche mir sonst so viel Kraft rauben. Die Probleme verschwinden nicht, die eigentlichen Widersprüche lösen sich nicht auf, sie bleiben für die Zeit des Kiffbadens aber draußen, auf dem Flur. Letztendlich wird das Bad zu einem Raum, den man mit dem Wissen betritt, dass man ihn bald darauf wieder verlassen muss, um sich weiterhin mit den Dingen zu konfrontieren, nüchtern. Dennoch, für einige Momente ist er ein Ort der Zuflucht. Der Kater schließlich bleibt nicht immer aus, doch für dieses Erlebnis nehme ich ihn in Kauf.
So passiert es hin und wieder, dass ich mich entweder alleine oder mit anderen im Bad einschließe, das lauwarme Badewasser mit wohlduftenden ätherischen Ölen anreichere und mithilfe des Marihuanas eine Reise irgendwohin aufnehme. Einrauchen und abtauchen, fernab vom Alltag und seinen Unannehmlichkeiten.

online seit 16.02.2015 23:37:59 (Printausgabe 69)
autorIn und feedback : Cengiz




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