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From A Distance „Control“: eine posthume Hommage an Ian Curtis Im Sommer 1976 spielen die Sex Pistols in Manchester. Unter den paar Dutzend ZuschauerInnen befindet sich ein gewisser Ian Curtis, der mit drei anderen Konzertbesuchern, Peter Hook, Bernhard Albrecht und Terry Mason, ins Gespräch kommt. Letztere suchen einen Sänger für ihre Band: Spontan steigt Ian ein. Zusammen nennen sie sich Stiff Kittens, später Warsaw. Von seiner Frau Deborah leiht sich Curtis 400 Pfund, um die Studiokosten für die erste Single zu bezahlen, bald darauf treten sie unter jenem Bandnamen auf, auf den sich bis heute zahlreiche andere Bands und MusikerInnen beziehen: Joy Division. Auch wenn „Control“, der Debütspielfilm des niederländischen Fotografen Anton Corbijn, der mit Porträts diverser Film- und Musik-Celebrities sowie als Designer von Plattencovern (u.a. U2, R.E.M., Nick Cave) und Musikvideo-Regisseur (Johnny Cash, Depeche Mode, Nirvana usw.) bekannt wurde, als „Joy Division“-Film gehandelt wird – er ist es nicht. Über die Entwicklung von Joy Division als Band mag man in der Dokumentation „Joy Division“ von Grant Gee (2006) mehr erfahren. „Control“ hingegen konzentriert sich auf die letzten Lebensjahre des Joy-Division-Frontmanns, der sich 1980 (mit 23 Jahren) das Leben nahm – und baut damit die Projektionsfläche und den Mythos „Ian Curtis“ weiter aus. Corbijns Bilddesign ist clean, simpel und mit großer Präzision komponiert. Im stimmungsvollen Schwarzweiß gedreht, wirken selbst die Working-Class-Häuser und leeren, dunklen Straßen Manchesters (gedreht wurde übrigens in Nottingham, das mehr von der späten 70er-JahreÄsthetik beibehalten hat als Manchester selbst) poetischer als sie es in Wirklichkeit sein können. Auf eine Beschreibung des gesellschaftlichen Klimas, in dem die Band Joy Division wuchs – die zunehmende soziale Depression und konservative Kälte in Großbritannien und der Beginn der Thatcher- Ära –, wird weitgehend verzichtet. „Bei Musikern in Holland hatte man immer das Gefühl, es ginge um ein subventioniertes Hobby“, wird Corbijn im Presseheft zitiert, der, inspiriert durch die Musik von Joy Division, Ende der 70er von den Niederlanden nach England zog (hallo, Legendenbildung!). „In England schien es eher um eine Flucht vor einem gewissen Leben zu gehen“. Die Beweggründe für eine „Flucht“ erschließen sich in „Control“ allerdings nicht aus einem gesellschaftlichen Kontext, sondern primär aus den persönlichen Leiden von Ian Curtis: Dessen epileptischen Anfälle und schwere Depressionen beobachtet der Film still aus der Distanz. Ebenso weigert er sich, in das „Innere“ des Musikers schauen zu wollen, wenn es um das ambivalente Verhältnis zu Ians Ehefrau Deborah geht, die er mit bereits 19 Jahren heiratete, und zu seiner späteren Geliebten Annik Honoré, einer Musikjournalistin aus Belgien. „Control“ will sich expliziten Erklärungen entziehen. Curtis’ Erscheinung bleibt stets opak – und auch wenn der Film sehr sparsam mit klischeehaften „Rockstar“-Anekdoten umgeht, wird hier ein männlicher Musiker- Mythos bedient wie wir ihn von anderen Beispielen wie Kurt Corbain zur Genüge kennen: der sensible Künstler, der am Leben leidet und unter dem wachsenden Druck des Musikbiz zerbricht. Darin fügt sich das Bild Ian Curtis’ als „working class intellectual“ und Antihelden, der Werther und Wordsworth zitiert, gut ein. Das Aufreiben an der Realität handelt „Control“ vor allem über seine weiblichen Charaktere ab: Debbie Curtis tritt meist als Hausfrauchen in altbackenen Kleidern mit Wäsche und Baby im Arm in Erscheinung, die für die Verpflichtungen des bürgerlichen Lebens und die Enge des englischen Heimatstädtchens Macclesfield steht – und damit in klarem Kontrast zu „ihrem“ Gegenpart, Annik Honoré: „Frei und unabhängig“ beschreibt Ian Curtis seine Geliebte im Film, und doch ist ihre Rolle in „Control“ die des schönen Fans und der Bewunderin in der ersten Reihe beim Konzert, die ihn auf Konzerttouren begleitet. In den Filmcredits taucht Deborah Curtis übrigens als Co-Produzentin auf, denn „Control“ basiert auf ihrem Buch „Touching From A Distance“ (1996), das den Kult um Ian Curtis mit der Beschreibung des Elends seiner Depression, seiner epileptischen Erkrankung und selbstzerstörerischen Aggression eher dekonstruierte denn beförderte. Ein Zitat Corbijns aus einem Interview in der „Jungle World“ legt schließlich nahe, wie sehr sich Deborah Curtis’ Rolle im und außerhalb des Films ähnelte: „Sie war in vielerlei Hinsicht sehr hilfreich, hatte jedoch keine Entscheidungsmacht.“ online seit 12.02.2008 13:57:23 (Printausgabe 40) autorIn und feedback : Vina Yun Links zum Artikel:
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