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Vehikel zur Selbstbestimmung in Linz

Cherry Sunkist

Die Geschichte von Cherry Sunkist liest sich wie aus dem feministischen Lehrbuch für Popistinnen: Auf Konzerten von Peaches und Kevin Blechdom in Berlin entstand bei der damaligen Kunststudentin der Wunsch, selbst Musik zu machen. Ihr Auslandssemester in der deutschen Metropole nutzte sie fortan für Platteneinkäufe und dem Selbststudium von Produktionsmitteln elektronischer Musik.

Nach der Rückkehr nach Oberösterreich stand auch gleich das erste Konzert an – ausgerechnet bei der Ars Electronica. Eine Linzer Geschichte und doch auch ungewöhnlich für österreichische Verhältnisse, wo Frauen kaum und in elektronischen Gefilden noch viel weniger in Erscheinung treten. „Ok Universe“, der Titel des Debütalbums von Karin Fisslthaler, verweist auf „naive Weise auf diesen Ort, an dem alles in Ordnung ist“, so die 26-jährige. Damit meint sie ihre Rolle als feministische Musikerin in Österreich und das richtige Umfeld, um das sie nach wie vor ringt. Während es zwar in Wien nicht zuletzt wegen den Frauenbandenfesten und Ladyfesten ein kleines Netzwerk aktiver Frauen gibt, die Musik mit politischem Engagement verbinden, ist dieses Feld in Linz rar gesät. „Es ist wichtig, diese Sehnsucht aufrechtzuerhalten“, sagt sie und spricht damit ihren Wunsch an, das eigene Unbehagen als Frau in einem von Männern gestalteten System zu agieren, irgendwann ad acta legen zu können.

Die Musik von Cherry Sunkist verbindet sloganhafte Texte mit rumpelnden Electro-Beats, die manchmal tanzbar sind, dann aber auch schnell ins Experimentelle abgleiten können. Ihren Drum-Machines Roland 606 und 707 entlockt sie treibende Loops, die am Computer entwirrt und neu arrangiert werden. Über Fieps und Pieps und erkalteten Synthie-Flächen thront die aggressiv-melancholische Gesangsstimme von Cherry Sunkist, die in bester Riot-Grrrl-Manier ihre Beschwerden über eine fremdbestimmte Welt loswird. Inhaltlich arbeitet sie sich dabei an den Fallstricken des vermeintlich Privaten ab – Liebesbeziehungen, Konsum oder auch den Zusammenhang zwischen den beiden. Im zweiten Stück – „Cake“ – heißt es: „Love is a big cake, just can’t get enough, love is a big cake, makes you wanna throw it up“. Eine Aufforderung an Frauen, das Konzept der romantischen Liebesbeziehung hinter sich zu lassen? „Nicht direkt“, meint die Autorin, „wenngleich Frauen in Beziehungen manchmal Gefahr laufen, klassische Rollen einzunehmen“.

Die Frage nach Selbstbestimmung und Lösungsmöglichkeiten aus den Fängen von Erziehung und gegenwärtigen Ansprüchen hält die Musikerin aber vor allem für sich selbst relevant: „Der Kampf gegen die eigene Faulheit oder auch gegen den Zwang zur Selbstkontrolle, auch in Bezug auf diese Dinge sehe ich die Musik als eine Art Vehikel für mehr Selbstbestimmung.“ Das Stück, in dem ihr die Verbindung zwischen verhackstückelten Dance-Beats und provokant-poppigen Gesangslinien besonders gut gelingt, ist gleichzeitig der Hit der Platte. „Nameless Dogs“ erschien bereits letztes Jahr auf der Chicks-On-Speed-Enzyklopädie „Girl Monster“ und dürfte deshalb schon einem breiteren Publikum bekannt sein. Mit dem Sampler hat Cherry Sunkist ihr „grundsätzliches Problem mit Festschreibungen“, deshalb wendet sie den Begriff „Girl Monster“ auch nicht für sich selbst an. Schlussendlich ist es ja auch die queere Haltung ihrer großen Vorbilder Le Tigre, die sie an diesen so bewundert. „Man muss nicht explizit weiblich sein, um bei Le Tigre zu spielen. Sie leben ihre eigene Definition von Geschlechtlichkeit.“


„Ok Universe“ ist auf dem Label 22. Jahrhundertfuchs erschienen


online seit 22.11.2007 12:46:47 (Printausgabe 39)
autorIn und feedback : Ina Freudenschuß




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