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Are you Still Burning? Beobachtungen zum New Queer Cinema zwischen den 1990ern und heute Anfang der 90er Jahre tauchten in den USA vermehrt Independent-Filmproduktionen auf, die nicht mehr versuchten, ein heterosexuelles Publikum für Homosexualität zu „sensibilisieren“ oder „korrekte“ Bilder von Lesben, Schwulen und Transgenders für den Mainstream zu liefern. Stattdessen integrierten diese mit offensiver Selbstverständlichkeit queere Identitäten in die filmische Handlung und forderten auch in formaler Hinsicht traditionelle Filmgenres heraus. Schon bald kursierte angesichts dieses Phänomens der (von Filmtheoretikerin B. Ruby Rich eingeführte) Begriff des „New Queer Cinema“ (NQC) auf Filmfestivals und in Medien. Nicht zufällig traf der folgende Hype um NQC mit der Vorstellung von Queer Theory/Studies an den US-amerikanischen Universitäten und dem erstarkten Media Activism der Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender & Intersexual-Bewegung im Umfeld des AIDS-Aktivismus zusammen. Neben Aufsehen erregenden Filmen wie Todd Haynes „Poison“ (1991) oder „Swoon“ von Tom Kalin (1992) waren es auch weibliche und nicht-weiße Filmschaffende, denen es angesichts des erleichterten Zugangs zu den technischen Produktionsmitteln (z.B. Videokleinformate) nunmehr möglich wurde, ihre Geschichten in Szene zu setzen und neue Bilder in Umlauf zu bringen und so das NQC entscheidend mitzugestalten – darunter etwa Jennie Livingstons „Paris is burning“ (1990) über die Black Gay Voguing-Szene in Harlem oder Cheryl Dunyes Essayfilm „The Watermelon Woman“ (1996) mit ihrer zwischen Fiktion und Realität oszillierenden Rekonstruktion einer Black Herstory aus Schwarzer lesbischer Perspektive, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. „Schließlich entwickelte sich aus dieser Vorhut eine gesamte Queer-Film-Industrie, die nicht nur ein neues Genre hervorbrachte, sondern auch ein neues Publikum, neue Vertriebswege und neue Schauplätze. Ende der 90er gab es mehr als 100 Filmfestivals, die unter der Queer-Flagge segelten“, skizzierte B. Ruby Rich einst im Spex-Magazin jene Entwicklung, die bald auch (vor allem männliche straighte) Regisseure jenseits der Queer Communitys animierte z.B. lesbische Motive aufzugreifen – und das mit Erfolg: Lange bevor er Herr der Ringe-Trilogie war, erweckte Peter Jackson 1994 mit der auf einer wahren Begebenheit basierenden Film „Heavenly Creatures“ Aufmerksamkeit, erst aufgrund des Achtungserfolgs von „Bound“ (1996) bekamen die Brüder Andy und Larry Wachowski ihr „Matrix“-Projekt finanziert und Kevin Smith feierte mit „Chasing Amy“ (1997) gar sein Comeback. Währenddessen wurde die Kluft zu unabhängigen Produktionen von lesbischer Filmemacherinnen wieder deutlich größer. Obwohl unter dem Label NQC marginalisierte Stimmen lauter und präsenter wurden, entkamen nur wenige Künstlerinnen und Artists of Color auf lange Sicht den strukturellen Benachteiligungen: Die afroamerikanische Regisseurin und Drehbuchautorin Cheryl Dunye konnte erst mit dem finanziellen Support durch den „Completion Grand“ des San Francisco Queer Film Festivals ihren Film fertigstellen; Jennie Livingston, eine weiße, lesbische Filmemacherin mit jüdischem Background und aus vergleichsweise privilegierten Verhältnissen, wurde zwar mit ihrem Dokumentarfilm über die Harlem Drag Balls schlagartig berühmt, konnte jedoch im Anschluss aufgrund fehlender Finanzierung lange Zeit kein autonomes Filmprojekt realisieren. Eine Erfahrung, wie sie viele andere (lesbische) Regisseurinnen teilten, darunter auch Donna Deitch, Regisseurin und Produzentin des lesbischen Filmklassikers „Desert Hearts“ (1985), für die der kommerzielle Erfolg (“Desert Hearts” vollbrachte den Crossover in den US-Mainstream lange vor NQC) trotz allem keine Karriere in Hollywood einläutete und sie schließlich zum Fernsehen wechselte. Und auch wenn Hillary Swank den Oscar für ihre Rolle als Brandon Teena gewann (und seitdem straighte Hollywood-SchauspielerInnen liebend gerne sexuell ambige, queere Charaktere spielen, um ihre Karriere zu pushen), setzte Regisseurin Kimberly Pierce seit „Boys Don’t Cry“ (1999) – das vieldiskutierterweise auch unter dem Label NQC firmierte – nur eine einzige Filmarbeit um (nämlich eine Episode von „The L Word“). Radikale Impulse, brüchige Linien Aus der Perspektive lesbischer Filmemacherinnen scheint es also schwierig, von einer linearen (Weiter-) Entwicklung im Queer Film zu sprechen, da diese aufgrund von prekären Lebens- und Produktionsverhältnissen immer wieder abreißen. Schon allein deshalb ist es kaum möglich, New Queer Cinema als ein Movement zu betrachten. „‚New Queer Cinema‘ fungierte in seinen Anfängen weniger als Ausdruck einer Bewegung, sondern vielmehr als Beschreibung eines erfolgreichen Augenblicks. Es ging darum einen Impuls festzuhalten, der sich in einer neuen, aufmüpfigen, innovativen, erotischen, waghalsigen und rechtfertigungsfreien Form von Film- und Videoproduktionen manifestierte“, erläutert B. Ruby Rich und stellt dar, dass auch Mainstream-Kino-Produktionen jener Zeit, die gar nicht in die Nähe von NQC gerückt werden (z.B. „Der talentierte Mr. Ripley“ oder „Being John Malkovich“), von diesem radikalen Impuls profitierten, da das Spannende vieler Storys und Charaktere eben genau darin lag, dass sie die (bewusste) Fälschung von Identitäten betrieben und mit ihrer Verwirrung konventionelle Geschlechterrollen destabilisierten. „Gender Trouble“ ist auch das Hauptmotiv in „Paris Is Burning“ von Jennie Livingston (wiedergesehen beim aktuellen identities Filmfestival), der von zahlreichen postmodernen feministischen und queeren TheoretikerInnen als einer der Referenzpunkte in der Diskussion um die performative Inszenierung von Geschlecht zitiert wird. Genau hier findet sich eine interessante Verbindung zum Queer Cinema der Gegenwart – und das gleich auf zwei Ebenen: Für seinen Doku-Film „The Aggressives“ (2005), der ebenfalls im Festivalprogramm von identities zu sehen war, begleitete Regisseur Daniel Peddle über mehrere Jahre hinweg junge Butches of Color in New York City, die sich als „Aggressives“ definieren und deren Styles und Images unmittelbar der HipHop-Kultur entlehnt sind. Ähnlich wie bei „Paris Is Burning“ mit seinen schwulen Drag Balls und Voguing-Performances in den späten 80ern wird das Kinopublikum hier Zeuge der gegenwärtigen, nicht minder mitreißenden Drag Partys und Performances der Aggressives (was der Doku den Ruf als „lesbisches Paris Is Burning“ einbrachte). Der vordergründigen Begeisterung für Livingstons Darstellung stand allerdings auch fundamentale Kritik gegenüber: Der vermeintlich neutrale Blick der Kamera auf eine Schwarze schwule Subkultur würde ihre Position als Weiße verschleiern, die zudem den gesamten materiellen und symbolischen Erfolg für sich geltend machen konnte. Im Falle von Daniel Peddle werden die hierarchischen Konstellationen noch wesentlich deutlicher: Er (weiß, schwul) hält als smarter Casting-Director auf den Straßen New York Citys regelmäßig Ausschau nach „real people“ für diverse Fashion-Magazine – und lernte so auch eine seiner Film-ProtagonistInnen kennen. Seine Beobachtungen in den Schwarzen lesbischen Clubs der Aggressives waren aber nicht nur Material für den Dokufilm. Zufälligerweise ist Peddle auch studierter Anthropologe, und so kam es, dass er ein Exposé über die „Aggressive“- Kultur schrieb und in Buchform veröffentlichte. Sowohl Livingston als auch Peddle problematisierten ihre Rolle nicht – weder im Film noch außerhalb davon (wenngleich Livingston in ihrer Dokumentation zumindest den Verwertungszyklus von kulturellen Phänomenen, die „von unten“ kommen, anspricht). Nimmt man Livingston und Peddle als zeitliche Eckpunkte her, scheint sich – auf struktureller, aber auch auf formaler Ebene – weitaus weniger bewegt zu haben als es die Anzahl der queeren Filmproduktionen der letzten 10-15 Jahre vermuten lässt. Tatsächlich geht es im gegenwärtigen Queer Cinema weniger um das Experiment in Form und Darstellung als darum, traditionelle Inhalte zu „verqueeren“. Die Ergebnisse sind durchwegs ansehnliche Filmproduktionen wie „Far From Heaven“ (2002), „Brokeback Mountain“ (2005) oder „Transamerica“ (2005) – auffallenderweise allesamt Oscarprämiert oder zumindest -nominiert. Vielleicht entspricht es einer gewissen Logik, dass erneuernde Impulse, die möglicherweise ein „New New Queer Cinema“ vorantreiben, von den gesellschaftlichen „Rändern“ bzw. außerhalb des US-Kontextes kommen. „Saving Face“ von Alice Wu ist ein solches Beispiel, das mit einer bislang wenig wahrgenommenen Selbstverständlichkeit Themen wie die generationenübergreifende „Asian immigrant experience“ oder Familien- und Geschlechterpolitik in der chinesischen Diaspora mit der Repräsentation lesbischer Identitäten innerhalb der chinesisch-amerikanischen Tradition verbindet (siehe auch das MALMOE-Interview mit der Regisseurin). online seit 30.08.2007 12:45:55 (Printausgabe 38) autorIn und feedback : Vina Yun |
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