menueleiste1
home archiv suche messageboard abo hier gibts malmoe feedback alltag verdienen regieren widersprechen funktionieren tanzen erlebnispark
Was gibt es zu sehen? Den Kurator.

Der Meister kehrt in neuer Gestalt an die Akademie der bildenden Künste zurück.

"Ich mache hier nur mit, um das System der kuratierten Jahresschlussaustellung abzuschaffen!", sprach der Hamburger Maler Daniel Richter – und eröffnete die Jahresausstellung 2003 auf der Wiener Akademie der bildenden Künste. Die KünstlerInnen der diesjährigen Jahresausstellung mit dem Titel "Was gibt es zu sehen?" sind laut Einladungskarte: "Daniel Richter mit Studierenden der Akademie der bildenden Künste Wien."

Zu sehen gibt es: ein verschwommenes Video mit vagen Umrissen im Dunkeln am Donaukanal, ein schwarz/weiß fotokopiertes Heft mit Zeichnungen sowie der Lebenslauf des Kurators Daniel Richter auf einer circa 1x1 Meter übergroßen Tafel im Eingangsbereich der Ausstellung. – Laut Daniel Richter nicht allzuviel, aber ausreichend.
Welche Personen die Akteure und ProduzentInnen des Videos sind, ist nicht zu erkennen. Von wem die Zeichnungen in dem Heft stammen, lässt sich ebenfalls nicht herausfinden. Die Studierenden bleiben in der Ausstellung unsichtbar, sind nicht repräsentiert. Der einzige Name, der über diese Ausstellung im Übermaß transportiert wird, lautet: Daniel Richter.

Die Studierendenjahresausstellungen an der Wiener Akademie gibt es seit Mitte der 80er Jahre. Mit der Einführung des AOG88 (Akademie Organisationsgesetz 1988) erfuhr die Mitbestimmung der Studierenden und des akademischen Mittelbaus einen Aufwind. Zuvor wurde der Großteil des Ausstellungsbudgets für recht aufwändige Einzelausstellungen der Akademieprofessoren ausgegeben. Bis in die 90er Jahre hinein wurden die Studierendenausstellungen von den so genannten Meisterschulleitern zusammengestellt. Das heißt, der Professor bestimmte die besten Studierenden seiner Klasse, um in den zugeteilten Ausstellungsräumen deren Arbeiten zu präsentieren. Ein autoritäres Klima und die rein additive, zensurartige Ausstellungsgestaltung der Professoren bestimmte diese Zeit.

Seit 1998 werden nun externe Kuratoren eingeladen, die aus den Arbeiten der Studierenden auswählen und der Akademie zu neuem Ruhm und größerer Öffentlichkeit verhelfen sollten. Die Problematik dieser "Best of"-Attitüde wurde seitens der Studierenden seither Jahr für Jahr thematisiert und führte zu zahlreichen Protestaktionen in und rund um die Jahresausstellungen. Die angewandte nicht hinterfragte Markt- und Popularitätsorientiertheit sollte den Intentionen einer Akademie zumindest widersprechen.

Daniel Richter reiht sich ein in die Tradition von Harald Szeemann und Kaspar König. Das entsprechend oberflächliche Prozedere – 900 Studierende werden in 2 Tagen begutachtet, wobei jeder/m StudentIn ungefähr 3 Minuten Zeit gewidmet wird – blieb auch heuer aufrecht. Kostenpunkt der Aktion: über 7.000 Euro Kuratorenhonorar.

Dem langjährigen Wunsch der Studierenden nach kollektiven und transparenten Arbeitsprozessen und sichtbaren Auswahlkriterien wurde auch die diesjährige Ausstellung nicht gerecht. Im Gegenteil, die Arbeit der Studierenden verschwindet hinter der Erscheinung des Kurators. Längst vergangener kunststudentischer Alltag – unbezahlte Hilfsarbeiten für den renommierten Meister ausführen zu müssen – wird in eine gegenwärtige Ausstellungspraxis übernommen. Der Kurator ersetzt den/die KünstlerIn oder in diesem Fall noch schlimmer: den Professor oder früheren Meisterschulleiter. Das verbalradikale Versprechen Richters, das System der kuratierten Jahresschlussausstellung mit der diesjährigen Schau abzuschaffen, kann vor diesem Hintergrund wohl nur als Aufruf zur Abschaffung von Studierendenausstellungen verstanden werden, mit dem Ziel der Wiedereinführung von "MeisterInnen"-Einzelausstellungen auf der Akademie.
Situationen wie diese erinnern an die Mottenkiste der Akademie sowie an Aussagen von altehrwürdigen Professoren wie Friedensreich Hundertwasser, der behauptete, seine StudentInnen seien wie Tiere im Zoo – und er der Zoodirektor. Wenn sie verblassen würden, dann tausche er sie einfach aus.

Diese Rückkehr in das akademische Mittelalter korrespondiert aber auch mit dem bildungspolitischen Backlash der schwarzblauen Regierungskoalition, festgeschrieben im UG02, mit dem Gehrer & Co. die studentische Mitbestimmung mit einem Schlag beendeten.
Entsprechend verblasst ist das Engagement der Studierenden hinsichtlich der Jahresschlussausstellungen der Akademie – studentische Kunstproduktion findet längst schon außerhalb der Institution statt. Dies zeigte nicht zuletzt die Gegenveranstaltung zur Jahresausstellung an der Akademie, die "alternative Jahresaustellung" in der Gumpendorferstraße.



online seit 30.12.2003 23:52:43 (Printausgabe 17)
autorIn und feedback : Annika Settergren




Nach der EM ist vor dem Euro?

MALMOE betrachtet die Ukraine in EURO-Zeiten ein wenig anders.
[11.06.2012,Redaktion]


Der Punkt ohne Wiederkehr

Soziale und politische Probleme werden durch die EURO zwar nicht erfunden, aber für ein größeres Publikum sichtbar gemacht.
[11.06.2012,Serghyi Zadhan]


Des Gfrett mit da Hack’n

(Undokumentierte) Arbeit von Asylwerber_innen in Österreich
[09.06.2012,Sandra Stern und Markus Griesser]


die vorigen 3 Einträge ...
die nächsten 3 Einträge ...
 
menueleiste2
impressum kontakt about malmoe newsletter links mediadaten