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  Südtirol-ABC

Ein kleines Lexikon zweier deutschsprachiger, sich als Italiener fühlender, in Wien lebender Südtiroler.

A wie Autonomie
Zum Schutz der sprachlichen Minderheit erhielt Südtirol seine Autonomie. War am Anfang niemand so wirklich glücklich mit dieser Lösung, ist sie jetzt das liebste Hab und Gut der Südtiroler*innen. Der Dalai Lama hätte sowas auch gerne. Schottland und Katalonien wollen dann doch was anderes. Einerseits sorgt diese Selbstgesetzgebung für den Wohlstand im Land, andererseits auch immer wieder für Missverständnisse mit der Zentralregierung.

B wie Bumser
Von 1956 bis 1969 gehen in Südtirol Bomben hoch. Die ersten auf dem europäischen Kontinent – abgesehen vom entlegenen Zypern – seit dem zweiten Weltkrieg. Mit der Unterstützung von rechtsextremen Kreisen aus Österreich will der „Befreiungsausschuss Südtirol“ die Sezession ersprengen. Was für die einen Freiheitskämpfer waren, waren für die anderen Terroristen. Umgangssprachlich werden die Männer „Bumser“ genannt. Ihr Einfluss auf die Autonomie ist umstritten.

C wie Christentum
Als bei der Eröffnung des neuen Museums für moderne Kunst in Bozen ein auf ein Kreuz genagelter Ton-Frosch von Martin Kippenberger zu sehen war, ging ein Aufschrei durchs Land. Allerhand religiöse Gefühle und solche, die es gerne wären, waren „verletzt“: „Ans Kreuz mit den Künstlern!“, hieß es in den Leserbriefen. Der SVP-Politiker Franz Pahl trat in einen Hungerstreik. Und das Kunstwerk wurde abgenommen. (Und an eine weniger sichtbare Stelle gesetzt.)

D wie Dio Cane
_Dio Cane! Porco Dio! Madonna! Cavolo! Cazzo!_ – Deutschsprachige Südtiroler*innen fluchen fast nur auf Italienisch. „Dio Cane“ ist dabei der vielleicht prominenteste Ausdruck und als Füllausdruck wichtiger Teil der Alltagssprache („Iaz gea i hoam, dio cane, vrsteasch, dio cane“). Übersetzt heißt es in etwa „Hundsgott“. Eine abgewandelte, weniger blasphemische Form ist „Zio Fungo“ (Onkel Pilz).

E wie Europa(region)
Wer von der leidigen Frage nach der Zugehörigkeit genug hat, schaut hoffnungsvoll nach Europa. Die Idee eines geeinten Europas hat auch in Südtirol seine Unterstützer*innen. Das „Europa der Regionen“ hat ohnehin Konjunktur. Die Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino erntet auf vielen Seiten freundliche Blicke. Immerhin kann man sich so auch einbilden, man würde endlich wieder enger mit dem „einen Tirol“ zusammen sein.

F wie Frei.wild
Interviews mit der Rechts-Rock-Band Frei.Wild sind Musterbeispiele dafür, wie nationalistische, völkische Ideologien von deutschsprachigen Südtiroler*innen als Heimatverbundenheit mit Verweis auf die Zerrissenheit ihres „Volkes“ legitimiert werden. Wenn Journalist*innen die Band als rechtsextrem einstufen, wird in etwa entgegnet, dass die spezifische Situation nicht verstanden werde. Ganz im Sinne von: Italien hat uns Leid angetan, deshalb dürfen wir diese Inhalte vertreten.

G wie Grenze(n)
Kultur an der Grenze. Oder an den Grenzen? Was ist eine Grenze? Die Lateiner*innen unterschieden zwischen „limes“, einer Art Mauer und dem „limen“, einer Schwelle. Eine Schwelle ist offen. Man tritt hinüber in etwas anderes. Ein Ort an der Grenze zu sein heißt an der Schwelle zu sein. Man lebt auf der einen Seite und auf der anderen. Die Grenze oder Grenzen sind nicht ein Strich, sondern ein Bereich. Ein Bereich, an dem man hin und her gehen kann.

H wie Heimat
Das ist eine deutsche Sonderbarkeit. In kaum eine andere Sprache ist der Begriff zu übersetzen. Dem „homeland“ fehlt die Tiefe. „Pays d’origine“ klingt nach Verwaltungsapparat. „Patria“ heißt sowieso Vaterland. Trotzdem wird der Begriff in Südtirol verwendet. Oft. Und unscharf: Der meinetwegen romantische Gehalt wird mit dem martialischen Begriff Vaterland gleichgesetzt. Für die Heimat würde man aber schwelgen. Für das Vaterland – nach dessen eigener Logik – stirbt man.

I wie Identität
Einige Antworten deutschsprachiger Südtiroler*innen auf die Frage „Was bist du?“:
a) Südtiroler*in (und damit weder Italiener*in, noch Österreicher*in)
b) Italiener*in (ernsthaft gemeint, weils so schön ist)
c) Italiener*in (strategisch eingesetzt, um auf der ganzen Welt umarmt zu werden)
d) Angehörige*r der deutschsprachigen Minderheit in Italien
e) Österreicher*in mit Italienischem Pass („und das zu Unrecht!“ – gefühlt sind das einige wenige, dazu zählen Schützen, Patrioten*innen, Konservative, Rechtsextreme. Und die wollen zurück zu Österreich, ins Vaterland, oder zumindest die doppelte Staatsbürgerschaft)
f) Europäer*in, oder Weltbürger*in

J wie „Je besser wir trennen …“
„… desto besser verstehen wir uns.“ Ein Diktum. Ausgesprochen von Anton Zelger, Kulturlandesrat von 1969 bis 1989. Es repräsentiert die von der SVP verfolgte Trennungspolitik: Deutsche Schulen, deutsche Vereine, deutsche Gewerkschaften, etc. Und immer gibt es das italienische Pendant. Ethnische Käfige wurden errichtet, deren Stäbe bis heute nicht brechen. Höchstens wackeln.

K wie Körper
Südtirols Landeshauptmänner haben ihr Politikverständnis beinahe körperlich zur Schau getragen. Der hagere, kriegsversehrte Magnago war ein Asket und ein „zacher Hund“, der die Autonomie verhandelte. Der beleibte und gesellige Durnwalder wurde gerne auf Festen gesehen und hat wie ein guter Bauer verteilt. Das sorgt für Ruhe. Kompatscher musste sich was neues suchen und fand in Slim-Fit Anzügen, Haarwachs und einer Hornbrille Ausdruck seiner „neuen“ Politik.

L wie Langer, Alexander
Gründungsmitglied von Lotta Continua und der italienischen Grünen, Schriftsteller und gläubiger Christ. Alexander Langer war ein Grenzgänger. „Deserteur an der ethnischen Front“, müsse man sein. Er wollte das _andere Südtirol finden, zeigen, hochhalten. Ein offenes, soziales, plurales. Viele hat er inspiriert, wenig ist nach seinem Tod von ihm übernommen worden. Vor 23 Jahren ging er in den Freitod. „Macht weiter was gut war“, schreibt er in einem seiner Abschiedsbriefe. Auf dass ihn wer liest.

M wie Minderheit
Das ist so eine Sache. Vor dem Hintergrund der Italianisierung war es notwendig, Sprache, Kultur, etc. der deutschsprachigen Minderheit zu schützen. Im Laufe der Zeit wurden diese Schutzmaßnahmen immer mehr zu Barrieren, die ein gesamtgesellschaftliches Miteinander erschweren. Und dazu beitragen, dass sich die italienischsprachigen Südtiroler*innen als Minderheit in der Minderheit fühlen.

N wie NC Kaser
Wer Einblick in eine Südtiroler Existenz haben möchte, die sich in den 60ern und 70ern dichterisch gegen gesellschaftliche Engstirnigkeit, gegen das Eingeklemmtsein zwischen Bergen und gegen die Tradition der süßlichen Heimatdichtung richtete, sollte Norbert C Kaser (1947-1978) lesen, der unter anderem dazu aufrief, den Tiroler Adler „wie einen Gigger [= Hahn, Anm.] zu rupfen“. Wer die deutschsprachige Bevölkerung in den Wirren von Italianisierung, Faschismus und Nationalsozialismus verstehen möchte, könnte lesen: _Schöne Welt, böse Leut von Claus Gatterer.

O wie Option
Das wohl einschneidendste Erlebnis im Land: 1939 kommen Hitler und Mussolini überein, den deutschsprachigen Südtiroler*innen und Ladiner*innen die Wahl zu geben: entweder Südtirol verlassen und die Option fürs Deutsche Reich wählen (Optant*innen), oder in Südtirol bleiben (Dableiber*innen) und sich der Italianisierung fügen. Rund 85 % optierten, nur ein Bruchteil ging tatsächlich, viele kamen wieder. Man stritt, beschimpfte sich und Wunden wurden offen. Nicht alles ist verheilt.

P wie Pound
2015 hat CasaPound Platz im Bozner Gemeinderat gefunden. Ihre Mitglieder*­innen bezeichnen sich als „Faschisten des dritten Millenniums“. Der Name spielt auf den Dichter Ezra Pound an. Einerseits einer der herausragendsten Dichter seiner Zeit, andererseits Antisemit und Unterstützer Mussolinis. Die in Südtirol lebenden Nachfahren Ezra Pounds versuchen sich seit Jahren gegen die Verwendung des Namens durch CasaPound zu wehren. Vergebens.

Q wie Quattro Formaggi
Wenn es eine gegenseitige Beeinflussung gibt, vor der sich niemand fürchtet und auf die alle stolz sind, dann ist es das Essen. Spaghetti und Knödel: Super. Einheimische und Tourist*innen sind entzückt. Denn auch im letzten Gasthaus im hintersten Bergdorf bekommt man eine Pizza Quattro Formaggi _qualità italiana.

R wie Rosengarten
Der Rosengarten ist ein Berg in den Dolomiten, einer der ganz schönen Berge der ganz schönen Dolomiten. Südtiroler*innen arbeiten von Montag bis Freitag und gehen Samstag und Sonntag auf den Berg. Im Sommer mit Bergschuhen, im Winter mit Skiern.

S wie Siegesdenkmal
„Hier an den Grenzen des Vaterlandes setze die (Feld-)Zeichen. Von hier aus bildeten wir die Übrigen durch Sprache, Gesetze und Künste.“, so die Inschrift auf dem von Mussolini errichteten Siegesdenkmal in Bozen. Es steht symbolisch für die Italianisierung Südtirols. Dazu gehörten z. B. die Abschaffung des Schulunterrichts in deutscher Sprache, die Unterdrückung „deutscher“ Kultur, die Förderung der Zuwanderung von „richtigen“ Italiener*innen. Die 2014 eröffnete Dauerausstellung unter dem Siegesdenkmal dokumentiert diese Zeit sehr gut.

T wie Tourismus
Südtirol ist der schönste Fleck auf Erden, davon sind Einheimische wie Tourist*innen überzeugt. Tourismus ist neben Äpfeln, Speck und Wein einer der wichtigsten Wirtschaftssektoren. Besonders „schön“ am Südtirol-Tourismus ist, dass er alle vergangenen und potentiell gegenwärtigen ethnischen Konflikte vergisst und Südtirol als Land präsentiert, in dem das Zusammenleben verschiedener Kulturen im alpin-mediterranen Flair ein einmaliges Erlebnis garantiert.

U wie St. Ulrich
St. Ulrich / Ortisei / Urtijëi, eine der „Metropolen“ in den zwei Tälern, in denen Ladinisch gesprochen wird. Ladiner*innen sind die Besten. Viele wechseln beim Reden permanent zwischen Deutsch, Italienisch und Ladinisch und haben einen eigenwilligen Humor. In St. Ulrich kann man beobachten, wie zerstörerisch Tourismus sein kann und im Gasthaus „Zur Traube“ einen Schnaps trinken. Giorgio Moroder kommt auch aus St. Ulrich.

V wie Verräter*in
Südtirol ist kein wohlig-warmes Nest, in dem die gütige Dreifaltigkeit aus Politik, Glaube und Wirtschaft auf alle schaut. Südtirol lebt in Gruppen. Wer sich dagegen stellt, auf die andere Seite schaut, die Hand ausstreckt, ja gar hinüber geht, der ist ein*e Verräter*in. Mehr davon brauchts.

W wie Walsche
Im Deutschen bezeichnete der Begriff romanische Völker. So ist das italienische Trentino das Welschtirol, wie das französischsprachige Belgien Wallonien ist. Und die Walschen, das sind die Italiener*innen und alles Italienische. Dass der Begriff nicht immer ganz neutral verwendet wird, dürfte klar sein. Und die Frage „Bisch eppr a Walscher?“ endet bei unachtsamer Beantwortung eher selten in einer innigen Freundschaft.

X wie Xenophobie
Man könnte meinen, dass eine von ethnischen Konflikten und deren größtenteiliger Befriedung geprägte Gesellschaft weniger fremdenfeindlich ist als andere. Dem ist nicht so. Auch in Südtirol gibt es Hass und Hetze gegen Migrant*innen, auch in Südtirol gibt es eine Partei (Die Freiheitlichen), die damit Politik macht. Glück im Unglück: Bisher ist es dieser – im Unterschied zur FPÖ in Österreich – nicht gelungen, salonfähig zu werden. Das ist ihrem eigenen Unvermögen und einer „gelungenen Erneuerung“ der SVP während der allgemeinen Krise der Mitte/Mitte-Links Parteien zu verdanken.

Y wie Yeti
Als Reinhold Messner behauptete, auf einer seiner zahlreichen Expeditionen im Himalaya ein affenähnliches Tier gesehen zu haben, einen Schneeaffen, den Yeti, wurde er zum Verrückten erklärt. Wer etwas über Südtirol wissen möchte, sollte trotzdem (oder gerade deshalb) ihn fragen.

Z wie Zweisprachigkeit
Italienisch wird hauptsächlich in Bozen, Meran und im Süden Südtirols gesprochen. Leute in abgelegenen Tälern können teilweise kaum Italienisch. Vielen italienischsprachigen Südtiroler*innen fällt es schwer, Deutsch zu reden, weil niemand das Hochdeutsch spricht, das sie in der Schule gelernt haben. Deutschsprachige reden lieber Italienisch als Deutsch mit Italienischsprachigen. Sprachgruppen in Südtirol Stand 2011: Deutsch (62,3%), Italienisch (23,4%), Ladinisch (4,1%), andere (10,2%).


online seit 22.03.2018 18:01:19 (Printausgabe 82)
autorIn und feedback : Simon Pötschko, Matthias Vieider




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