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  Gemeinsam die Opfer benennen – ­gegen den Konsens

Der Verein „Erinnern Gailtal“ betreibt Erinnerungsarbeit an den Nationalsozialismus in Kärnten und erinnert an dessen Opfer. Obmann Bernhard Gitschtaler hat mit „Ausgelöschte Namen“ sein zweites Buch vorgelegt.

Wenn Bernhard Gitschtaler von seiner Arbeit spricht, spürt man förmlich seine Begeisterung. Die Geschichte des Historikers klingt nach Erfolg, wenn auch nach hart erarbeitetem: Nach der Uni wusste er nicht so recht, was tun, wollte eine Dissertation verfassen, fand keine Möglichkeit. Sinnkrise. 2012 gründete er mit seinem damaligen Kollegen Daniel Jamritsch den Verein „Erinnern Gailtal“. Sie organisierten ihn professionell mit wissenschaftlichem Beirat und sorgten durch regelmäßige Veröffentlichungen auf erinnern-gailtal.at dafür, dass ihr Arbeitsprozess für alle nachvollziehbar bleibt, und begannen, Täter- und Opfergeschichten aus dem Kärntner Gailtal aufzuschreiben. Das war in Hermagor, wo beide aufgewachsen sind, damals ein „heikles Thema“. Man hat Gitschtaler und seine Familie spüren lassen, dass der Kärntner Konsens es nicht gerne hat, wenn man ihn in Frage stellt. Als die FPÖ ihm 2014 öffentlich vorwarf, bei einer Schulexkursion zum Peršmanhof, ein ehemaliger Partisan_innenstützpunkt, wo die SS im April 1945 ein Massaker verübte, alle Kärntner als Nazis und Rassentheoretiker bezeichnet zu haben, ging Gitschtaler vor Gericht. Er bekam Entschädigung, die FPÖ hat ihre Aussagen widerrufen.

Dass es im Gailtal keine NS-Opfer gegeben habe, war nur eine der Erzählungen, gegen die sie anschrieben. Nur dadurch, dass Gitschtaler „mit allen spricht“, auch mit manchen FPÖler_innen und Pfarrern, Bürgermeister_innen und Denkmalstadträtinnen, ständig unterwegs ist, in der Kirche und in Gasthöfen, sagt er, sei es ihnen gelungen, dass ihrer Arbeit Respekt entgegengebracht wird. Mittlerweile arbeitet „Erinnern Gailtal“ eng mit dem Mauthausen Komitee und erinnern.at zusammen, hat Spenden von einer Veranstaltung des Kameradschaftsbundes bekommen und die Trafikantin aus Hermagor verkauft für Gitschtaler sein zweites Buch, „Ausgelöschte Namen“.

Wissenschaft und Einstieg für Neulinge

Das Buch ist eine vielschichtige wissenschaftliche Erzählung von Geschichten von Opfern des Nationalsozialismus im Gailtal und behandelt auch Kontinuitäten der Diskriminierung vor 1938 und nach 1945, die Diskriminierung der Kärntner Slowen_innen im 19. Jahrhundert ist ebenso Thema wie die fehlende Entschädigung. Diese Kontextualisierung „soll es ermöglichen, die jeweiligen Biographien und Leidensgeschichten besser zu verstehen“ und damit, so Gitschtaler, „auch Menschen, die sich mit der Thematik noch nicht befasst haben, einen Zugang zu ermöglichen“. Das gelingt ihm und seinen Autor_innen, das Buch richtet sich an ein breites Publikum und nicht nur an Historiker_innen und eingearbeitete Antifaschist_innen.

Aber auch für diese hat der Band einiges zu bieten, ist er doch das erste Buch, das aller NS-Opfer aus dem Gailtal erinnert. Die ca. 200 Biographien werden in thematische Gruppen gefasst, denen jeweils ein Kapitel vorangestellt ist, in dem die nationalsozialistische Verfolgung der Opfergruppe – sowohl allgemein im gesamten NS-Staat als auch konkret im Gailtal – beschrieben wird. Als sogenannte Asoziale Verfolgte, Opfer der NS-„Euthanasie“, Rom_nija und Sint_ezze, Homosexuelle, Jüd_innen, Kärntner Slowen_innen, Geistliche, Zeugen Jehovas, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter_innen, Widerständige, Deserteure, politisch Andersdenkende und Kritiker_innen des NS-Regimes erfahren in „Ausgelöschte Namen“ eine würdige Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus. Die Geschichte dieser Opfergruppen, die in unterschiedlicher Intensität und mit unterschiedlichen ideologischen Vorzeichen verfolgt und ermordet wurden, wird ausführlich erklärt und konkret auf die Region bezogen.

Sprechen ermöglichen

Gerade bei den Euthanasieopfern, kritisiert das Buch, sei es lange üblich gewesen, wenn überhaupt nur die Vornamen der Opfer zu nennen und sie damit aus dem kollektiven Gedächtnis zu löschen. Hier werden erstmals alle NS-„Euthanasie“-Opfer aus dem Gailtal genannt. Gitschtaler legt Wert darauf, dass einige der Autor_innen aus Familien kommen, in denen es Euthanasieopfer gab: „Das ist ein wichtiger Schritt, um eine Debatte darüber anzustoßen. Es gibt viele solcher Familiengeschichten, in denen Traumata über Generationen hinweg weitergegeben werden. Wenn einmal jemand begonnen hat öffentlich über die eigene Familiengeschichte zu sprechen, können es auch andere viel leichter tun.“ Dabei werden wissenschaftliche Kriterien ebenso eingehalten wie bei der gesamten Arbeit des Vereins.

Einziges Manko des Buches stellt das Kapitel über Homosexuelle im NS dar, das vorgibt, sich mit der Geschichte homosexueller Männer und Frauen zu beschäftigen, de facto zweitere aber außen vor lässt. Das zeigt sich schon im Titel „Der Rosa Winkel – Homosexuelle als NS-Opfer“. Frauen trugen keine rosa Winkel. Lesben wurden nicht systematisch verfolgt, sondern oft als sogenannte Asoziale in KZs gebracht und mit einem schwarzen Winkel versehen. Diese Tatsache wird im Buch leider nicht erwähnt.

Seit einigen Jahren betreiben Bernhard Gitschtaler und Daniel Jamritsch auch das Spin­offprojekt „Gailtaler Zeitbilder“ auf Facebook. Dort posten sie mehrmals wöchentlich historische Fotos, manchmal mit aktuellem Bezug. Ein Foto von einem Schiff voller Armutsemigrant_innen aus der Habsburgermonarchie in die USA kontextualisiert etwa die Stigmatisierung von „Wirtschaftsflüchtlingen“ heute und hat auf Facebook mehr als eine Million Menschen erreicht. Den eigentlichen Erfolg seiner Arbeit sieht Gitschtaler aber darin, „dass über die Vergangenheit und die Erinnerung daran gesprochen wird. Dass es dazu Konsens gibt, habe ich längst aufgegeben“. Den gab es in Kärnten ohnehin viel zu lang.

Bernhard Gitschtaler: Ausgelöschte Namen. Die Opfer des Nationalsozialismus im und aus dem Gailtal. Otto Müller Verlag, 2015.

www.erinnern-gailtal.at

online seit 18.03.2016 12:59:49 (Printausgabe 73)
autorIn und feedback : Katharina Gruber, Nikolai Schreiter




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