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  Die Flüchtlinge des unmöglichen Lebens

Die Migrationsreise durchs Transitland Mexiko ist eine der gefährlichsten der Welt

Das Rattern eines Güterzuges durchbricht die morgendliche Stille in der Nähe von Arriaga, einer Kleinstadt im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas. Wie ein Monster schiebt sich der Zug träge durch die Landschaft. Erst auf den zweiten Blick werden hunderte Menschen auf den Dächern der Waggons sichtbar.

„Ho y me voy pa’l norte, sin pasaporte“

„Heute mache ich mich in Richtung Norden auf, ohne Pass“, heißt es in einem Lied der Band Calle 13. Jeden Tag brechen tausende Menschen ohne Papiere aus Honduras, El Salvador, Guatemala und Nicaragua auf, um in den USA Arbeit zu suchen. Ein Leben in Würde ist für die Mehrzahl der Zentralamerikaner_innen de facto unmöglich. Die wirtschaftliche Situation in ihren Herkunftsländern ist katastrophal. Dazu kommen noch die desolate soziale Infrastruktur, das Erbe der ehemaligen Bürger_innenkriegsländer und politische Systeme, von denen die Mehrheit der Menschen ausgeschlossen ist. Die Bedrohung durch Maras, brutale Jugendbanden, ist ein weiterer, häufiger Migrationsgrund. Auch die Flucht aus gewalttätigen Eheverhältnissen oder Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung spielen eine Rolle. Für viele Migrant_innen ist die Reise nach Norden der einzige Ausweg aus einem Leben in Armut und Gewalt und die einzige Möglichkeit, durch Geldrücksendungen das Überleben der Familie zu sichern.

Unterwegs mit der Bestie

Die Reise durchs Transitland Mexiko ist gefährlich: immer rigidere Visabestimmungen machen es für die Mehrheit der Zentralamerikaner_innen unmöglich, auf legalem Weg in die USA einzureisen. Die vom US-Migrationsregime forcierten Migrationskontrollen, die zunehmend von der Grenze ins Inland verlagert werden, tragen erheblich zur wachsenden Gefährdung der Migrant_innen bei. Die Kollaboration der mexikanischen Behörden wird durch die wirtschaftliche Abhängigkeit aufgrund des NAFTA-Freihandelsabkommens sichergestellt. Die Landstraßen Südmexikos sind mit US-finanzierten Migrationskontrollposten überzogen. Da Reisebusse und Autos nach Zentralamerikaner_innen durchsucht werden, bleibt der Güterzug das einzige Verkehrsmittel.

Als blinde Passagier_innen reisen Migrant_innen auf den Dächern der Züge bis zu 3.000 Kilometer von einer Grenze zur anderen. „La bestia“ – die Bestie – wird der Zug genannt, wegen der Menschenleben, die er frisst. Um die 1.000 Menschen sterben jährlich auf der Migrationsroute, unzählige werden verletzt. Die Situation der Migrant_innen hat sich unter der rechten Regierung des amtierenden Präsidenten Felipe Calderón (PAN) noch verschlechtert. „Das ist die Phase, in der es uns am schwersten gemacht wird“, sagt Donar. Der Honduraner hat beim Aufspringen auf den Zug beide Beine verloren. „Es ist die schmutzigste Phase mit den meisten Toten. Früher wurden nicht so viele Leute umgebracht und entführt.“

Für Frauen ist die Reise noch gefährlicher: Jede zweite Migrantin wird Opfer von sexueller Gewalt. Viele Frauen nehmen Vergewaltigungen in Kauf und setzen sich vor der Reise Verhütungsspritzen, damit sie wenigstens nicht schwanger werden. Oft wird der eigene Körper als Zahlungsmittel eingesetzt. Entführungen, Überfälle und Morde durch das mächtige Drogenkartell Los Zetas stehen auf der Tagesordnung. Die mexikanische Migrationspolizei ist in die kriminellen Machenschaften verstrickt und nutzt den illegalisierten Status der Migrant_innen aus, um von ihnen Reisegeld zu erpressen. Nach mehreren Wochen Reise stellt die mexikanische Nordgrenze, deren Überwachung durch die restriktive Migrationspolitik der USA immer weiter ausgebaut wird, ein praktisch unüberwindbares Hindernis dar. Beim Überqueren der Grenze stirbt Schätzungen zufolge täglich mindestens ein Mensch.

„Lo s buses de lágrimas“

Für viele Migrant_innen endet die Reise jedoch schon in der südmexikanischen Grenzregion, sie stranden an den Außengrenzen des Wirtschaftsblocks NAFTA. Einige, weil sie sich auf der Reise mit der Bestie verletzen, andere, weil wegen Überfällen durch Banden oder korrupte Behörden das Geld für die Weiterreise fehlt. Die mexikanische Grenzstadt Tapachula ist Knotenpunkt für zahlreiche Abschiebungen. Hier wurde vor zwei Jahren das größte Abschiebegefängnis Lateinamerikas mit dem euphemistischen Namen „Migrationsstation 21. Jahrhundert“ gebaut. Nicht nur Zentralamerikaner_innen, sondern auch Flüchtlinge aus Somalia, Bangladesh oder Pakistan warten hier auf ihre Abschiebung. Für viele von ihnen bedeutet dies das Ende einer jahrelangen Reise. Fast täglich fahren Abschiebetransporte an die Grenzen von Guatemala, Honduras und El Salvador.

„Los buses de lágrimas“, die Busse der Tränen, nennen sie die Migrant_innen. Laut der mexikanischen Menschenrechtsorganisation Fray Matías de Córdoba kommen täglich rund 400 neue Migrant_innen ins Abschiebegefängnis, darunter zahlreiche unbegleitete Minderjährige. Doch seit die Direktion im Abschiebeknast gewechselt hat, ist es für die Mitarbeiter_innen von Fray Matías schwierig geworden, dort die Menschenrechtssituation zu überwachen. „Die Migrationspolizei hat uns wie Tiere behandelt. Sieben Tage bin ich mit entzündeten Wunden in der Abschiebestation festgesessen“, erzählt César seine Erfahrungen. Der Honduraner brach 2004 Richtung USA auf, nachdem er seine Arbeit als Schuster verloren hatte. Mit den billigen Schuhen aus den USA, die durch das NAFTA-Freihandelsabkommen die Märkte überschwemmten, habe er nicht mithalten können, sagt er. Auf der Reise mit der Bestie hat er ein Bein verloren.

Herbergen als soziale Räume

Césars Geschichte ist kein Einzelfall, viele Migrant_innen verletzen sich bei Zugunfällen schwer: Marixa, eine junge Frau aus Honduras, hat ebenso ein Bein verloren. Die alleinerziehende Mutter ist aufgebrochen, um ihrem Sohn die Schulbildung finanzieren zu können. Am Dach des Zuges ist sie eingeschlafen und hinuntergestürzt. Nun sitzt Marixa in ihrem Rollstuhl im Garten der Migrant_innenherberge „Buen Pastor“ im südmexikanischen Tapachula. Ihre Situation ist schlimmer denn je: „Ich wusste schon vorher, dass es schwierig werden wird, die Grenze zu überqueren. Aber durch die Not, die wir haben, versuchen wir es trotzdem.“

Die Herberge, in der täglich Menschen auf ihre Prothese warten, wurde von Olga Sánchez ins Leben gerufen (siehe Interview). Ihr Engagement hat schon tausenden Menschen das Leben gerettet. Die Herberge ist nicht nur Schutzraum für Migrant_innen, sondern hat auch eine wichtige soziale Funktion: hier können sich Menschen mit dem gleichen Schicksal kennenlernen und vernetzen. Auch für César aus Honduras hat in der Herberge ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Damals war die Herberge noch im Anfangsstadium. „Durch den Austausch mit anderen Betroffenen habe ich neuen Lebensmut gefasst. Gemeinsam
haben wir versucht, einen Weg aus der Misere zu finden“, erzählt er. Trotz fehlender Beine und Arme haben sie die Herberge gemeinsam aufgebaut. Als César seine Geschichte erzählt, kommt ein Mann dazu und bittet um ein paar Pesos. Er sei aus Honduras und brauche dringend Geld für die Reise nach Norden, sagt er.

online seit 07.01.2012 10:33:40 (Printausgabe 57)
autorIn und feedback : Maria Lisa Pichler


Links zum Artikel:
www.iak-net.dePolitisch Reisen mit dem IAK
malmoe.org/artikel/regieren/2347Gespräch mit Padre Heyman Vázquez Medina zum Thema



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