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  Wir organisieren uns selbst!

habiTAT -das Mietshäusersyndikat in Österreich

Machs dir doch selbst!

… ist der Slogan eines syndikalistisch organisierten Kollektivs, welches in Österreich seit jüngster Zeit selbstermächtigt Nutzungseigentum schafft. Das sogenannte habiTAT wehrt sich gegen die sich gerade am Wohnungsmarkt massiv auswirkende Profitorientierung von Wohnbaukonzernen und global agierenden Immobilieninvestor*innen, indem es die Fäden nun selbst in die Hand nimmt. Als ein solidarischer Zusammenschluss sozial gebundener Mietshausprojekte und -initiativen möchte dieser Verbund Wohn-, Arbeits- und Lebensraum aus der Wirkungsmacht kapitalistischer Logiken befreien. Dabei geht es um die Vergemeinschaftung und selbstermächtigte Aneignung von (Wohn-)Raum, welcher nachhaltig aus dem Privateigentum gelöst und dadurch auch dem Spekulationsmarkt entzogen wird.

Damit leisten die Aktivist*innen Widerstand gegen konventionelle und planmäßig vorgegebene Strukturen österreichischer Wohnraumkultur. Ein Bottom-Up-Prozess der sozio-kulturellen Wohnlandschaft also, in welchem den Bedürfnissen der einzelnen Akteur*innen, durch eine kollektive Aneignung von Häusern und dessen direkte partizipative Gestaltungsmöglichkeit, entsprochen wird. Es ist der Versuch aus der Mentalität einer Ellbogengesellschaft sowie des unreflektierten Mainstream- und Konsumverhaltens auszubrechen, um zeitgemäßen und selbstermächtigten Wohn- und Lebensformen Platz zu machen. By the way entsteht dabei auch ein solidarisches Netzwerk, welches mit den patriarchalen Praktiken neoliberalen Wirtschaftens bricht.

Alles nur geklaut!

… werden da Häuser besetzt? Oder: Wie bitte soll das gehen? Das habiTAT hat seit Anfang 2014 daran gearbeitet die Struktur des deutschen Mietshäusersyndikats auf den österreichischen Rechtsraum zu übertragen. Denn das Mietshäusersyndikat lebt selbstverwaltetes und solidarisches Wohnen schon seit bald 25 Jahren vor. In diesem Dachverband organisieren sich derzeit über 100 Hausprojekte mit an die 3000 Bewohner*innen, welche auch ständig neue Projekte dabei unterstützen sich Häuser kollektiv anzueignen. Der wesentliche Gedanke des Syndikatsmodells ist es, Eigentum seinen Eigentümer*innen zu entziehen und zu vergemeinschaften, um über den eigenen Wohn-, Lebens- und Arbeitsraum (mit-)bestimmen zu können. Ein Haus soll also von jenen selbstverwaltet werden, die es nutzen und bewohnen. Dabei soll nicht nur die Handlungs- und Wirkungsmacht über die eigene Lebensumgebung zurückerobert werden, sondern in weiterer Folge auch leistbarer Wohnraum entstehen, welcher soziale Ungleichheiten ausbalanciert.

Zentrale Bedeutung nimmt eine ausgetüftelte Rechtsstruktur ein, durch die zum einen sicher gestellt wird, dass die Bewohner*innen kein persönliches Eigentum am Haus erwerben, trotzdem aber selbstverwaltet und autonom leben können. Zum anderen wird ausgeschlossen, dass das Haus jemals wieder in Privatbesitz gelangt und damit der Spekulation und Gentrifizierungsprozessen entgegen gewirkt. Dies gelingt – fast schon in ironischer Weise – durch die Gründung einer Hausbesitz-GmbH, bei der der Eigentumstitel des selbstverwalteten Hauses liegt. Als Gesellschafter*innen der GmbH treten dabei der Hausverein, bestehend aus den Bewohner*innen und Mieter*innen), und der Dachverband des Syndikats – in Österreich eben das habiTAT – auf. Mit der Übertragung des Werteigentums auf eine so gestaltete juristische Person werden alle Rechte natürlicher Personen soweit eingeschränkt, dass niemand aus einem Verkauf des Hauses Profit schöpfen kann. Aus privatem Kapital entsteht somit ein Nutzungseigentum, welches auf den Erhalt und die Verbesserung der Lebensqualität der Mieter*innen ausgerichtet ist. Die Bewohner*innen des Hausprojekts sind dadurch gleichzeitig Mieter*innen und ihre eigenen Vermieter*innen. Es wird kein privater Besitz erworben, sondern weiterhin Miete bezahlt und zudem kann über den eigenen Wohnraum selbst bestimmt und dieser frei gestaltet werden.

Lieber Tausend Freund*innen im Rücken – als eine Bank im Nacken!

Wie können Menschen gemeinsam ein Haus kaufen, wenn sie nicht über das nötige Kapital verfügen? Das Finanzierungskonzept für einen Hauskauf zeigt eine weitere wesentliche Säule des Syndikatsmodells. Es soll eine gleichberechtigte Teilhabe aller Bewohner*innen, unabhängig der kapitalmäßigen Einlage,garantieren. Jedoch benötigt die Hausbesitz-GmbH um für eine Bank kreditfähig zu werden ein gewisses Eigenkapital, welches mittels Direktkrediten aufgebaut wird. Direktkredite sind Darlehen von privaten Personen, die ihr Geld statt bei einer Bank in einem Projekt ihres Vertrauens einlegen. Ein Crowdinvesting also, bei dem viele kleine Beträge gesammelt werden um den Eigenanteil beim Hauskauf aufzubringen.

Kommt Zeit, kommt Rat, ...

… kommt habiTAT! Nach vielen tausend Arbeitsstunden ist es – in enger Zusammenarbeit mit dem Mietshäusersyndikat in Deutschland und dessen Arbeitsgruppe-International – nun in Österreich als erstem weiteren europäischen Land gelungen das Modell zu überführen. Das Engagement der habiTäter*innen zeigt das Bedürfnis nach einem Ausbruch aus der Vereinzelung von Wohn- und Lebensverhältnissen und der Isolierung der Kleinfamilie auf, hin zu einer kollektiven Gegenkultur, welche einen Kontrast zu kapitalistischen und individualistischen Strukturen schafft. Durch die Säulen der Selbstverwaltung, Solidarität und Kapitalneutralisierung im Syndikatsmodell soll eine Organisationsstruktur aufgebaut werden, in der eine reale soziale Gleichheit für einzelne Personen möglich ist und die Schaffung mündiger, demokratischer und zeitgemäßer Wohn-, Lebens- und Arbeitsverhältnisse erzielt wird.

Free Willy*Fred!

Seit 2015 fungiert das habiTAT nun bundesweit als Dachverband mehrerer Hausprojektinitiativen und einem ersten konkreten Pionierprojekt. Das erste Haus wurde Ende 2015 gekauft, heißt Willy*Fred und ist Linzer*in. Mitten im Zentrum gelegen, bietet es mit 1.650 m2 Wohn- und Gewerbefläche genug Platz für über 30 Bewohner*innen und mehrere gemeinnützigen Vereine. Schon Jetzt ist das Willy*Fred Hausprojekt – übrigens benannt im Gedenken an die Widerstandsgruppe im Salzkammergut zur Zeit des Nationalsozialismus – ein gelungenes Pionierprojekt des habiTAT und bereichert die sozio-kulturelle Landschaft in Linz. Mit einer nur dreimonatigen Kampagne im Herbst 2015 ist es der Projektgruppe gelungen über eine Million Euro Direktkredite als Eigenkapital der Willy-Fred Hausbesitz-GmbH für den Hauskauf zu sammeln. Mitunter war es wohl dieser Rückenwind, welcher auch hier zu Lande die Möglichkeit geschaffen hat wieder neue und nachhaltige Pfade kollektiver Wohn- und Lebensformen zu erkunden.

Auch in Wien und Innsbruck sind mit den Gruppen Stadtklan, SchloR und Brennnessel bereits Menschen mit dem Aufbau selbstbestimmter Wohn- und Lebensräume beschäftigt und gestalten das habiTAT aktiv mit. Da die beiden Städte besonders stark im Fokus internationaler Anleger*innen sind wird auch hier mit Nachdruck versucht Häuser frei zu kaufen um leistbares Wohnen nachhaltig möglich zu machen.

Elisabeth Ertl (habiTAT-Mitbegründer*in und Bewohner*in des Willy*Fred)


Weitere Infos zum Dachverband und den einzelnen Initiativen gibt es unter:
habitat.servus.at
willy-fred.org
stadtklan.org
schlor.org
brennnessel.jimdo.com

online seit 31.10.2016 13:13:23 (Printausgabe 76)
autorIn und feedback : Elisabeth Ertl


Links zum Artikel:
malmoe.org/artikel/funktionieren/3226Runter mit der Miete! Wie Wohnen die Ungleichheit verschärft
malmoe.org/artikel/funktionieren/3225Sozialer Wohnbau für wen?! Wiener Wohnungsvergabe zwischen Kleinfamilie und Langzeitbonus



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