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  Bike.Polo.Stadt. #5

Heißes Spiel mit heißem Asphalt

Völlig losgelöst schwebt das Fahrrad vor meinen Augen. Ich rieche weichen Asphalt, Schweiß und Gummi, ein salziger und metallischer Geschmack liegt auf meinen Lippen und mir fällt auf: Es ist sehr warm unter meinem Helm. Ob ich ihn abnehme?
Es ist Freitagnachmittag, Sportkäfig Allerheiligenpark, 35 Grad Lufttemperatur und irgendjemand hat die Zeit angehalten. Während ich mich noch frage, warum ich einen Backofen am Kopf trage, bemerke ich einen Schweißtropfen direkt vor meinen Augen in der Luft hängen. Grauer Maschendraht und bunte kleine Menschen spiegeln sich auf seiner Oberfläche. Schön, denke ich noch, aber dann, plötzlich, berührt das Rad wieder Boden, die Zeit erinnert sich ihrer Aufgabe und die Dinge beschleunigen sich unmittelbar. Leicht federnd wirbelt das Rad, schon deutlich entfernt, herum, Schläger schnurren durch die Luft, der satte Knall eines perfekt getroffenen Balls, ein rosa Strich durchschneidet für Sekundenbruchteile die Landschaft, dann liegt er schon zum Punkt geworden im Netz. Tor. Ich rufe Auszeit. Wassertrinken. Dringend. Die reale Temperatur liegt sicherlich weit jenseits der 35 Grad. Wir alle hoffen auf abendliche Abkühlung, aber auch wenn wir es nicht sagen, wir wissen, dass sie wahrscheinlich nicht kommen wird. Der Asphalt wird nach Sonnenuntergang ein wenig abkühlen, die Luft ihre Hitze aber nur unmerklich verlieren. Der Klimawandel hat Europa erreicht.

Städtische Wärmeinseln werden zunehmend zu einem Problem. Auch wenn momentan noch die Dankbarkeit für jeden warmen Tag überwiegt – dem klimagewandelten Frühling wird sicher schon bald der nächste heißeste Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen folgen. Der Klimawandel hat seine HauptverursacherInnen in Europa, den USA und China erreicht und für die eingefleischten Städter_innen unter uns bedeutet das im Sommer vor allem eines: Schwitzen in Städten, die hauptsächlich für lange, kalte Winter gebaut wurden und paradoxerweise immer noch gebaut werden. Frischluftschneisen und Grünflächen werden den Geschäftsflächen und sinnlosen ­Büro­türmen (1) geopfert, jedes noch so kleine Fleckchen unverbauter Erde wird akribisch aufgespürt und zubetoniert. Nachverdichtung heißt das dann euphemistisch. Dort wo man sinnvoll nachverdichten könnte, bei leistbaren Dachausbauten, der Unterbindung der Behandlung von Wohnraum als reines Spekulationsobjekt und einer Reduktion der Durchschnittsfläche, passiert natürlich nichts. Könnte die Rendite der Landlords gefährden.

Wer kann sich noch an das unabsichtlich ehrliche Plakat der Wirtschaftskammer vor einigen Jahren erinnern? „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut“, plakatierten die Angestellten des Kapitals da. Genau! Solange 1 % 99 % bekommt, dürfen 99 % sich 1 % teilen. Da geht’s uns dann gut. Allen wohlgemerkt.

Auch die Architektur trägt brav ihr Scherflein bei. Unbegrünte Dachflächen, fehlende Außenjalousien, keine Balkone, keine neu gepflanzten Bäume und nicht zu vergessen das Anabolika der Architektur: die Glasfassade. Wenn inspirationstechnisch gar nichts mehr geht, ein wenig Glas geht immer … und zur Temperaturerhöhung trägt sie auch ordentlich bei.
Also werden wir wohl weiter schwitzen. Aber nicht, weil die Menschheit nicht wüsste, wie es besser ginge, sondern weil wir 99 % eben nur 1 % bekommen. Sonst wäre ja nicht alles gut.
3, 2, 1, … Umverteilung!

(1) In Wien stehen etwa 700.000 m2 Büroflächen leer. Siehe Büromarktbericht EHL Frühjahr 2016, S. 3.

Lust auf Bike-Polo?

Die Pony Asphalt Force (P.A.F.), derzeit ca. fünf Spielende, die sich meist Freitag, Samstag oder Sonntag im Allerheiligenpark oder auf der Donauinsel treffen, sucht aktuell Mitspieler_innen! Erreichbar unter pafpolo(a)gmx.at.

online seit 19.09.2016 13:55:30 (Printausgabe 75)
autorIn und feedback : Stefan Breitwieser, PAF (Pony Asphalt Force)




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