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  FEMINIST AMPLITUDE

Ein Gespräch in Sachen Musik und Feminismus

MALMOE bat drei Wiener Aktivist*­innen in Sachen Musik und Feminismus zum Gespräch. Christina Nemec aka Chra ist schon seit den späten 1980ern als Musikerin tätig und betreibt das Label Comfortzone. Rosa Danner aka roz ist DJ und Veranstalterin, sie gestaltet seit 2008 mit Anna Steiden gemeinsam die Radio ORANGE 94.0 Sendung female:pressure radio. Therese Kaiser aka Therese Terror ist DJ und Musikerin, Co-Gründerin der Plattform Femdex und Mitveranstalterin der Partyreihe Utopia 3000. Das diesjährige Electric Spring Festival im MQ wurde von ihr kuratiert.

MALMOE: Beim Electric Spring Festival gab es eine Diskussion zum Thema Diversität im Club. An einem Punkt stand dort die Frage im Raum, ob die Zusammenarbeit mit den etablierten Männernetzwerken überhaupt sinnvoll ist oder es besser ist, dagegen ein neues System aufzubauen. Wie ist Eure Position dazu?

Therese Kaiser: Es ging bei der Diskussion im MQ um die Frage, ob eins sich eingliedern soll in dieses kapitalistische, sehr männlich dominierte Industriesystem oder ob eins versuchen soll es aufzubrechen und alternative Netzwerke zu bilden.

Rosa Danner: female:pressure ist ein solches Parallel-Netzwerk. Da gibt es immer diese Diskussion: Arbeite ich nur mit Frauen* oder versuche ich reinzugehen in männerdominierte Netzwerke und um auch dort den Hebel anzusetzen? Ich finde es braucht beides. Für mich braucht es diese Netzwerke wie female:pressure um den Freiraum zu haben sich auszutauschen. Das ist eine Art von Safespace um sich gegenseitig Wissen weiterzugeben und einander zu fördern. Aber wichtig ist meiner Meinung nach auch verbündete Männer* dazu zu bringen, dass sie agieren, damit Frauen* nicht die ganze Arbeit alleine machen müssen, um diese Strukturen zu ändern.

T: Ich kann mir persönlich nicht vorstellen nicht diese alternativen Netzwerke zu haben. Bei denen es eben nicht darum geht, irgendjemanden zu bekämpfen und irgendetwas zu erkämpfen. Es ist wichtig mit Leuten, die das selbe Weltbild und die selbe Wahrnehmung von Geschlechterverhältnissen haben, Dinge ohne Druck machen zu können. Aber als Frau* in diesen Bereichen steh ich dem System Musikwirtschaft tendenziell sehr kritisch gegenüber. Ich denke mir, ich will nicht Teil eines Systems sein, das so starke Hierarchien hat, wo so viel Gewalt und Macht involviert ist. Aber ich glaube viele Männer* wollen das auch nicht. Dass die Männer* selber handeln müssen ist total wichtig. Ich hab nur die Erfahrung gemacht, dass dieses Selberhandeln oft bedeutet, dass sie ein oder zwei Sachen machen im Jahr, die dann irgendwas mit Feminismus zu tun haben.

R: Du meinst es ist nur symbolisch und das war es dann?

T: Nicht immer. Das ist bei vielen schon ernst gemeint, aber es ist eine Verteilungsfrage. Ich vergesse oft, dass Leute etwas abgeben müssten, damit das passiert. Das ist der schwierige Punkt.
Auf der anderen Seite brauche ich den Zugang zu Ressourcen. Du bist halt auch einfach beschränkt, wenn du dich nicht mit bestehenden Institutionen auseinandersetzt. Wenn ich von einer Institution bei einem Festival Geld bekomme, um eine Schiene zu kuratieren, dann kommt dieses Geld meist von Männern* und ich gebe es an mein Umfeld weiter. Das ist natürlich weird. Es ist aber eine Möglichkeit an Ressourcen zu kommen.

Mit Männern* arbeiten …

Christina Nemec: Ich arbeite sehr viel mit Kollegen in Bands zusammen. Mein Partner hat ein Musiklabel und ein Plattengeschäft. Ohne diese Unterstützung hätte ich einfach nichts. Die Zusammenarbeit mit Kollegen, die ­verstehen worum’s geht, finde ich total wichtig, weil dieses gegenseitige Unterstützen Dich ja auch irgendwo hinbringt und Dir als Künstlerin mehr Aufmerksamkeit bietet.
Aber das Ganze ist auch generationenbedingt. Damals in den 80er Jahren war in Wien frauen*mäßig echt viel los. Mit 16, 17 hab ich mir gedachT: „Eigentlich ist das für mich als Frau* – schwarz angezogen, Grufti, junge Feministin – alles super.“ Ende der 80er Jahre hab ich in einer Band das erste Konzert gespielt und der Gitarrist sagt zu miR: „Christina, aber beim Konzert ziehst du schon einen Rock an.“ „Wieso? Hab ich jemals bei einer Probe einen Rock angezogen? Nein!“ Ich bin dann quasi mit dem konfrontiert worden, dass ich als Musikerin andauernd sexualisiert werde. Denn ich war immer so ein Neutrum in meiner eigenen Wahrnehmung. Und war immer mit den Burschen unterwegs. Ich konnte lauter rülpsen. Ich konnte mehr trinken. Das ist diese Überaffirmation, die viele Frauen* für sich entwickeln, um in diesem Spiel mitzuspielen. Ich war ganz zufrieden mit meiner argen Frauen*rolle als komplette Außenseiterin unter vielen Männern*. Was natürlich auch ein Privileg ist. Weil du bist immer die coolste von allen. Andere sind schön, aber du bist cool. Ich war komplett unreflektiert. Erst Mitte der 1990er Jahre hab ich wahrgenommen in welche Rolle ich mich selbst reingezwängt hab.
Ich hab dann viele Texte geschrieben und in der Versorgerin, der Zeitung der Stadtwerkstatt Linz hab ich mir den Scherz erlaubt, in einem Text wirklich nur Musikerinnen aufzuzählen, die um die Stadtwerkstatt herum arbeiten. Ich hab von vielen Leuten deswegen richtige Hatemails bekommen, dafür dass sie nicht erwähnt wurden. Die haben es nicht gecheckt. 2003 hab ich im rhiz einen Monat fast nur mit Musikerinnen gestaltet. Ich hab das so angekündigT: Ein April im rhiz. Es ging also gar nicht darum, zu sagen da sind 30 Frauen* in diesem Monat. Darauf gab’s einen medialen Aufschrei: „Was wollen die Weiber da!?“

T: Das erste das männliche Protagonisten in der Kulturszene machen, wenn irgendetwas mit Frauen* kommt ist, dass sie draufhauen. Weil es schlecht ist. Es ist qualitativ nicht hochwertig. Ich arbeite auch mit Männern* zusammen. Und diese Fragen stellen sich da gar nicht. Mir geht’s eher darum, dass ich nicht ständig in die Situation komme, wo ich mich dann am Schluss ausgenutzt fühle, und ich feststellen muss:Jetzt hab ich grad irgendeinem Clubbesitzer einen Gefallen getan und bei ihm für wenig Geld gespielt. Und der hat das dann als eine female night promotet. Das sind Leute, die Frauen* dafür verwenden, weil es gerade in ist. Deshalb bin ich ganz vorsichtig mit Institutionen, weil sich diese oft selber nicht ändern wollen und mich für Marketingzwecke missbrauchen.

Fortlaufende Auseinander­setzungen

R: Das Elektro Gönner hatte jahrelang ein Booking-Team, das total durchmischte und diverse Bookings gemacht hat. Sehr viele Frauen*, sehr viele queer-Sachen. Und jeden elektronischen Musikstil. Auch bei den fixen Clubreihen im Gönner. female:pressure hatte dort auch lange Zeit einen Abend. Dann kam eine neue Geschäftsführung und ein neues Booking Team mit fast ausschließlich Männer*abenden. Ab dem zweiten Monat hatten sie einen Abend, das war dann DER Frauen*abend. Das haben sie in Interviews erwähnt, dass sie quasi so toll sind, weil sie jetzt EINEN Frauen*abend haben. Sie sind so feministisch. Ich habe mir gedachT: „Ich spinne“. Denn vorher war das Programm mega divers aufgestellt, sogar mit extrem vielen internationalen Künstler*innen.
Mit Elevate hab ich vor Jahren schon diskutiert. Bei der Diskursschiene haben sie es schon geschafft, ein sehr diverses Podium zu haben. Sowohl von der Herkunft als auch von der Geschlechtsidentität oder von der Selbstzuschreibung her. Beim Musikprogramm gab’s in den letzten Jahren sogar schlechtere Quoten. Es gab heuer Tage, wo keine einzige Frau* auf der Bühne stand.

MALMOE: Seit dem 2013 erschienenen FACTS Report von female:pressure hat manches große Festival auf die Kritik reagiert, aber gleichzeitig gibt es bei alternativen Locations und Festivals, die mit ihrer kritischen Haltung hausieren gehen, horrende Quoten. Was sind Eure Gedanken dazu?

T: Ich finde das ist das schlimmste überhaupt, wenn auf der einen Seite sehr kommerziell ausgerichtete Veranstaltungen auf eine 50:50 Quote achten und damit Werbung machen und gleichzeitig alternative und zum Teil geförderte Festivals gar nicht darauf schauen. Das sitzt der Typus Linker Mann, der eine sehr komische Beziehung zum Thema Feminismus hat und der Meinung ist, dass alle anderen Konflikte dem Feminismus vorzuziehen sind. Jedes Mal wenn du diese Typen kritisierst, dann labert er dich mit irgendwelchen Klassen-Geschichten zu. Es tut halt extrem weh, wenn das in deinen eigenen Reihen passiert, wo du denkst, dass man solche Sachen verhandeln könnte und offen darüber sprechen könnte, was Geschlechterzuschreibung und Machtfragen eigentlich bedeuten.

C: In diesen alternativen Strukturen arbeiten die Frauen* oft im Hintergrund. Die bekochen Dich, die richten alles her und machen manchmal Technik. Die Typen sind immer die, die das moderieren. Du bist in einem Umfeld wo die Leute sagen, ja wir sind eh alle gleich, aber dann im gleichen Moment sagen, bitte bringst du mir jetzt das Bier.

MALMOE: Bei solchen Netzwerken wie female:pressure stellt sich auch die Frage des Wachstums. Je größer es wird, desto mehr Leute wollen dabei sein. Das heißt, die Administrierung wird tendenziell immer zeitaufwendiger. Soll das Wachstum eingedämmt werden, um es wie bisher weiterführen zu können? Und welche Herausforderungen erlebt ihr bei dieser Entwicklung?

T: Es ist grundsätzlich ein Problem, dass Feminismus viel Administrationsaufwand braucht. Das heißt wenn du in diesem Bereich unterwegs bist, dann musst du viel Zeit damit verbringen, Sachen zu organisieren. Das ist unbezahlte Arbeit und es ist nervig. Im Bereich Ehrenamt und Aktivismus musst du sehr gut deine eigenen Grenzen kennen. Die Größe von female:pressure hat aber auch etwas Gutes. Ich freue mich, dass ich an ein weltweites Netzwerk angebunden bin und ich z. B. Emails von Leuten aus Südamerika bekomme.

R: Erst relativ spät ist bei female:pressure die Frage von queer, non-binary und Biofrauen usw. aufgetauchT: Also die Frage für welchen Feminismus stehen wir und wie regeln wir das sprachlich. Natürlich haben sich auch in den 20 Jahren in denen diese Liste gewachsen ist feministische Debatten verändert. Im Herbst wurde dann in der Mailing-Liste debattiert, wer wie angesprochen werden soll bzw. welche Anredeformen verwendet werden sollen. Muss eins den Begriff der Frau* wieder stärker herauskehren, weil sonst ist es zu verwaschen wenn alles queer ist? Ist das respektlos, wenn ich eine Person, die sich als non-binary fühlt mit Lady* anspreche? Da gibt es Kränkungen von Menschen, die in abstrakten Online-Diskussionen total auf Konfrontation gehen und diese Kränkungen in die Diskussion reinbringen. Und im Endeffekt ging es darum, wer bestimmt jetzt, wer wie reden darf. Gibt es eine Abstimmung darüber, wie die Sprachregelung sein muss? Werden die von der Liste ausgeschlossen, die sich nicht daran halten? Es war eine Frage der MachT: wer ist denn hier die Chefin jetzt? Ich finde aber diese Positionen sind einfach da und dürfen auch verschieden sein. Ich kann nicht anderen Menschen vorschreiben, wie sie Feminismus für sich zu definieren haben oder warum sie female:pressure für sich wichtig finden. Wenn es nicht Platz für solche Diskussionen geben würde, dann wäre auch female:pressure nicht so groß.

T: Das ist einfach nicht das Medium, um so etwas zu klären. In einer solchen Liste muss ein Minimalkonsens vorhanden sein, dass alle die Frage für sich selbst beantworten können, was eine Frau*ist oder was weibliche Identität ist. Wichtig ist aber, dass eins trotzdem eine Sprache wählt, die niemanden verletzt. Ich glaube, dass eins sich ja nicht zerlegen lassen darf von Geschlechteridentitätsfragen, die müssen nach außen gerichtet werden und sollten nicht als Waffen gegen die eigene Bewegung benutzt werden. Wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, warum es dieses Netzwerk eigentlich gibt. In allen feministischen Sachen, krieg ich immer Kritik. Das ist voll ok. Solange Kritik nicht beleidigend formuliert ist, dann ist diese ja immens wichtig. Aber ich denk mir, ich brauch nicht die 15. Email die mir sagt, welche Position ich grad vergessen hab und warum ich deswegen ein Monster bin. Ich hab schon sehr klar vor Augen, wer eigentlich der Feind ist und wo das Problem ist.

R: Auch Sprache ist ein Problem in der Liste, wo Konflikte entstehen. Eigentlich müssten wir das festschreiben, dass in ganz kurzen, einfachen Sätzen zu schreiben, damit viele das verstehen, weil die meisten nicht Erstsprache Englisch haben.

C: Ich war ja grad in Japan und da gibt es einfach eine Sprachbarriere. Die sprechen einfach nicht englisch. Ich hab Freundinnen dort, da spreche ich englisch in ihr Handy rein und dann wird das übersetzt. Ich bin mit denen auf Facebook befreundet und verwende Google Translator zum Übersetzen. Es gibt dann natürlich auch verschiedene Auffassungen von Frauenrechten. Für Kolleginnen aus Lateinamerika ist Abtreibung und Homosexualität etwas ganz anderes. In Mexiko City darfst du heiraten aber im Dorf wirst du fast gesteinigt als schwules oder lesbisches Pärchen. Die schreiben dann in der Liste: wir kämpfen für unsere lesbische, feministische auch queere Identität. Alle haben Angst, dass das dann verwaschen wird in so einem queeren Begriff, wo eigentlich wieder das schwule Patriarchat drüber steht. Das ist die große Angst, die viele antreibt, weil sie denken, dass durch dieses non-binary wieder Positionen reinkommen, die das feministisch lesbische nicht mehr politisch verstärken. Ich bin ja überhaupt nicht für das weibliche oder frauliche, ich sag immer, ich bin feministische Künstlerin.

Vom Netzwerk profitieren

Noch etwas anderes. In der female:pressure Liste werden seit 20 Jahren verschiedene Diskussionen zu Veranstaltungen, Charts, Videos geführt. Von den meisten Kolleginnen, die ich schätze, verfolge ich die Mixes, und da ist kein einziger Release einer Frau* im Mix. Bei mir sind das etwa 80 bis 90 %. Wenn ich bestimmte Musik suche, finde ich immer einen Release von einer Frau*.

R: Wenn ich meinen Kolleginnen, den Mitkämpferinnen auf female:pressure, erklären muss, dass es eine hegemoniale Geschichtsschreibung gibt und dass wir dafür zuständig sind, diese aufzubrechen, dann frag ich mich schon...

T: Das ist wie bei vielen anderen Initiativen so, die offen sind. Es sind immer ein paar Frauen* dabei, die keine Problemwahrnehmung haben, sondern nur vom Netzwerk profitieren wollen.

C: Ich hab natürlich einerseits eine große Ernüchterung, dass manche nur vom Netzwerk profitieren wollen. Aber ich will trotzdem, dass es dieses noch mal 20 Jahre gibt.

R: Ja wir haben jetzt sehr viel Selbstkritik geübt. Das spannende an diesen Netzwerken wie female:pressure ist, du kannst reingeben und mitnehmen was du brauchst. Es gibt Phasen wo ich total viel rein gebe, dann gibt es Phasen, wo ich sehr viel lerne und mir nur Informationen hole. Und um noch etwas Positives zu sagen: Ich finde es toll, dass es bei female:pressure diese Schulterklopfkultur gibt. Ich schreib was über meinen neuen Release in die Liste und verschiedenste Leute, die ich kenne oder auch nicht, reagieren darauf.

T: Das ist so cool.

R: Das ist super, dass du einfach für deine Arbeit etwas Liebe und Props abholst. Vielleicht sogar ein fundiertes Feedback. Oder du schreibst über ein Projekt und findest dann Leute in der Liste mit denen du das dann gemeinsam machst, und so ergeben sich ganz neue Kontakte und Perspektiven.

Dank an Electric Indigo für die Unterstützung im Vorfeld.


online seit 29.07.2018 14:19:33 (Printausgabe 83)
autorIn und feedback : Gespräch: Christian König




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