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  Ganz Wien – wie es schien

Die Mitte September im WienMuseum eröffnete Ausstellung "Ganz Wien". Eine Pop-Tour zeigt gut sechzig Jahre Wiener Pop-Geschichte anhand von elf Kreuzungspunkten. Ein Rundgang.

2017 war ein gutes Jahr für den heimischen Pop. Auf der Grazer Diagonale war das Spezialprogramm Tausend Takte Film zu sehen, unlängst kam mit Chuzpe eine umfassende Filmdokumentation über eine der ersten Wiener Punkbands heraus und nun eben Ganz Wien, zusammengestellt von der WienMuseum-Kuratorin Michaela Lindinger sowie den Musikjournalisten Walter Gröbchen und Thomas Mießgang. Auf gut 400 Quadratmetern sind mehr als 40 Hör- und Videostationen aufgebaut, es türmen sich Paraphernalien wie Ernst Moldens Gitarre, Plateau-Sneaker von Patrick Pulsinger, der Helmut-Lang-Anzug von Falco aus seinem Video zu Brillantin’ Brutal oder das Polizei-Outfit von Drahdiwaberls Stefan Weber. Dominiert wird die Ausstellung von elf vom Szenografen Thomas Hamann entworfenen Hörtrichtern, in denen Kurz-Dokus und Videos über den Strohkoffer, das Hernalser Vergnügungszentrum HVZ/Metropol, den Star Club, das Atlantis, die Camera, das „alte“ Flex, das rhiz oder das fluc laufen.

Es ist keine Neuigkeit, Ausschnitte von Stadtgeschichte mit einschlägigen Locations zu erzählen. Dazu gibt es kiloweise Bücher über etwa das New Yorker CBGB’s, die Hacienda in Manchester oder das Paradiso in Amsterdam. Derartiges hatte für Wien in einem größeren Rahmen bisher jedoch nicht stattgefunden. Mit Ganz Wien wird deutlich, dass ein Sprechen über Wiener Popkultur nicht mehr nur mittels Bands geführt zu werden braucht, sondern dass diese Narrative auch quer – topografisch, soziologisch, medial – gelesen werden können. Da passt es, dass Matti Bunzl, der vor gut zwei Jahren Wolfgang Kos als Leiter des WienMuseums nachfolgte, Kos’ Bemühungen um eine Implementierung von Pop-Wissen auf museumsdidaktischer Ebene fortführt. Wobei Ganz Wien sicher weit weniger anecken wird als die 2012 ebenfalls im WienMuseum gezeigte Schau Besetzt!, die die Geschichte Wiener Freiräume und Hausbesetzungsszenen behandelte. Weshalb für Ganz Wien die sozialpolitisch brisanten Brennpunkte Wiener Popformationen wie Arena, WUK, Gassergasse oder EKH außen vor blieben.

Wien als Pop-Text

Ganz Wien ist vor allem eine Spurensuche. Die zahlreichen Originaldokumente aus Al Bird Sputniks Trash Rock Archives zeichnen ein Bild Wiens der 1950er und 1960er Jahre, als erste Schritte unternommen wurden, Rock’n’Roll und Beat für hiesige Verhältnisse kompatibel zu machen. Auf der anderen Seite des historischen Spektrums stehen einerseits die Elektronikszene mit den phonoTAKTIK-Festivals, dem Kühlschränke-Lärm des Labels mego, den Bildzerfransungen der Grafikerin Tina Frank sowie dem Downbeat und andererseits Wanda und Bilderbuch unter der generationenübergreifenden Klammer des Literarischen.

Am Eingangsbereich ist eine Karte der Stadt Wien aufgestellt, gut 40 Musikorte sind in ihr verzeichnet. Dass daraus eine Auswahl getroffen werden musste, liegt auf der Hand. Gleich daneben: der quasi Soundtrack dieser Ausstellung mit einer Playlist von gut 100 Nummern, die von ikonischen Liedern wie Bundesbahn-Blues von Helmut Qualtinger/Gerhard Bronner und Wolfgang Ambros’ Da Hofa über die heftige Absage an männliche Begehrensregime (Geschlechtsverkehr von Plastix) und Industrial-Metal von Fetish 69 bis zu den kunstvollen HipHop-Dekonstruktionen eines DJ DSL reicht.

Auf dem Ausstellungsflyer sind die Konterfeis von Helmut Qualtinger, Falco, Kruder & Dorfmeister und Gustav abgebildet. Fragt sich: warum? Schon klar, das ist keine Architektur-Schau. Aber warum zum Beispiel keine schwitzenden Tanzkörper aus der Disco U4? Oder Arbeiten von Manfred Rahs oder Magdalena Błaszczuk, die jahrzehntelang das Live-Geschehen der Stadt fotografisch festgehalten haben? Der Flyer vermittelt recht gut, worum es in der Ausstellung geht; nämlich Pop, mit Rufzeichen, wiedererkenn- und sortierbar, transparent. Ganz Wien hat ein ähnliches Problem wie andere Ausstellungen: dem nur schwer Erzählbaren – dem Stil, dem Geschmack, mithin dem „Sound“ der Locations – auf die Spur zu kommen. Der Schweiß und die Tränen durchzechter Nächte, das Ohrensausen nach einem lauten Konzert, das glitzernd-exzessive Versprechen auf eine Zeit ohne Morgen: hedonistische Paralleluniversen, kulturelle Biotope, Sozialbaustellen, löcherige Erinnerungen. Man könnte sagen, Pop-Orte sind nicht nur dazu da, gesellschaftliche Räume und Felder zu kartografieren, sondern jeden Abend aufs Neue das Vergessen auszustellen: „Kannst dich noch erinnern, damals …“

Symbolische Ordnungen abstecken

Pop ist also im Museum angekommen. Das ist gut, weil wir sonst diese Vergessen-machenden Orte vielleicht vergessen würden. Ein Museums-Pop wäre nun gefordert, aus den damaligen Interventionen, Besäufnissen und Querelen Querverweise und Referenzen herzustellen.

Dazu braucht es erstmal entsprechende Projektionsorte. Es bietet sich an, Geschichte anhand von Orten zu erzählen, weil sich die Pop-Erfahrungen, die man alleine im Wohnzimmer machen kann, dort kollektiv ausleben lassen. Bei Ganz Wien ist aber auch eine Peripherie dabei: In einem Hörtrichter ist das G-Stone-Studio von Kruder & Dorfmeister aufgebaut, in einem anderen wird der ORF und besonders die „legendäre“ Ö3-Sendung Musicbox thematisiert. Der Nachlass des 2007 verstorbenen Werner Geier, Musicbox-Moderator und als Demon Flowers Resident-DJ im U4, ist ja schon vor Längerem in die WienMuseum-Sammlung gegangen. Und schließlich die volksfestartige Leistungsschau österreichischer Musik, das Popfest, mit dem die Ausstellung die Gegenwart reflektiert.

Ganz Wien. Eine Pop-Tour spannt ein Netz aus Knotenpunkten, das Wien als international konkurrenzfähigen Produktionsstandort ausweist. Wenn man sich im Vergleich die 2008 in der Kunsthalle Wien gezeigte Ausstellung Punk – No-one is innocent vergegenwärtigt, bei der Wien höchstens als Fußnote vorkam, präsentiert sich Wiener Pop-Musik mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft. Ganz Wien zeigt jede Menge Produkte, was sehr verdienstvoll ist. Das Kokain aka die Produktionszusammenhänge muss man sicher aber von woanders herholen. Das Diskutieren und Diskursivieren kann beginnen.

Die Ausstellung läuft bis Mitte März 2018.
Ausstellungskatalog: Michaela Lindinger / Thomas Mießgang (Hg): Ganz Wien. Eine Pop-Tour. Wien, Metroverlag 2017, 200 Seiten, 19,00 Euro. (Mit Texten von den HerausgeberInnen, Walter Gröbchen, Doris Knecht u. a.)


online seit 25.11.2017 10:44:34 (Printausgabe 80)
autorIn und feedback : Heinrich Deisl




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