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  Elisabeth Janstein – Holloway Journal

Koordinaten #1

Die vierteilige Serie Koordinaten stellt Positionen unterschiedlicher Exilerfahrungen aus der Zeit von 1938 bis 1940, also in direkter Folge an den „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland, anhand literarischer Texte vor und kontrastiert sie mit aktuellen Reflexionen und Einschätzungen. Die hier erstmals einem breiten Publikum zugänglich gemachten Quellen stammen aus der Österreichischen Exilbibliothek im Literaturhaus Wien. Die in Sprache und Gestus oftmals sehr deutlich in ihrem Entstehungszeitraum verankerten Beispiele verhandeln auf literarischem Wege Fragen und Problematiken, die zu reflektieren ein Anstoß ist, den die Reihe geben will. Unabhängig davon ob Kurzerzählung, Tagebucheintrag oder Erfahrungsbericht – die Textserie bietet Einstiege in Sammlungen, die entdeckt werden wollen. Nicht zuletzt deshalb versteht sich ­Koordinaten als Einladung zu Auseinandersetzung, Diskurs und vor allem auch: Lektüre.

Kuratorische Betreuung: Veronika ­Zwerger (Österreichische Exilbibliothek/Literaturhaus Wien) & Thomas Ballhausen (Presse­dokumentation/Literaturhaus Wien)




Koordinaten #1: Elisabeth ­Janstein: Holloway Journal (1939, Auszug)

Die Frau in der blauen Uniform wendet sich mir zu: „Come along you …“ Wir gingen über Stiegen, durchquerten Gänge und landeten endlich in einem Raum. Er war vergittert – überall gab es Gitter – und an seinen Wänden reihten sich kleine, schmale Kabinen aneinander, mit Holztüren, die nicht bis zum Boden reichten. Der Lärm, der uns entgegenschlug, war ohrenbetäubend. Ich stand einen Moment mit klopfenden Herzen still und versuchte, die Ursache des Lärms zu erraten, bis mich die Wärterin am Arm fasste, in eine der kleinen Kabinen schob und die Tür von außen verschloss. Der Raum, viereckig, etwa anderthalb Schritte lang und breit, ähnelte einem W.C., wie man sie noch auf dem Lande sieht, getüncht, nichts als ein schmaler Holzsitz, mit dem einzigen Unterschied, dass die hölzerne Bank keinen Ausschnitt hatte. Gebrochenes Licht strömte herein. Ich ließ mich nieder und versuchte, mich an die Wand anzulehnen, aber der Sitz war zu hoch, sodass meine Füße den Boden nicht erreichten. Eine Zeitlang blieb ich in dieser unbequemen Lage sitzen. War es eine Zelle, in der ich mich befand? Ich vermochte mir nicht klar zu werden. Aus den Nachbarkabinen ertönte Rufen und Pfeifen. Eine hohe, scharfe Stimme sang ein paar Töne, immer dieselben. In der Kabine links von mir klopfte man an die Wand. Ich blieb ruhig, ich hatte keine Lust zu sprechen. Aber aus der Kabine zu meiner Rechten antwortete man. Eine verweinte Stimme, die klang, als käme sie aus einem Tuch hervor, fragte in deutsche Sprache: „Wie lange sind Sie schon hier?“ „Seit vier Stunden … ich kann nicht mehr, alles tut mir weh, ich weiß nicht mehr, wie ich sitzen soll.“ Ich höre unterdrücktes Schluchzen und die halberstickten Worte: „Mein Gott … mein Gott.“

Wieder hört man das eintönige, scharfe Singen. Eine dunkle, heftige Stimme kommt aus dem Hintergrund wie ein Stoßvogel losgefahren: „Stop the singing, for heaven’s sake.“ Mein Rücken schmerzt so, dass ich es nicht ertragen kann. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass es so schwierig ist, auf einer Bank zu sitzen. Ich versuche aufzustehen, aber überall ist die Wand. Ich setze mich wieder nieder, diesmal seitlich und ziehe die Füße hoch. Die Bank ist so kurz, dass meine Knie beinahe das Kinn berühren. Während ich nach einer erträglicheren Lage suche, fällt mir ein, dass ich in einem Buche über französisches Gefängniswesen eine Photographie sah, die eine sonderbare, inzwischen abgeschaffte Strafmethode zeigte, die in den Gefängnissen angewandt wurde: Gefangene, die wegen disziplinärer Vergehen bestraft wurden, hatten eine oder zwei Stunden, oder auch länger, auf einem hölzernen Sitz Platz zu nehmen, der einer viereckigen Kiste glich, – ein glatter Würfel ohne Lehne und ohne Beine. Auf den ersten Blick war es unmöglich zu verstehen, dass dieses bloße Sitzen auf dem Würfel eine Strafe bedeuten sollte. Es war einfach ein Stuhl ohne Rücken, nicht mehr. Dann aber las ich, dass die Maße des Würfels so beschaffen waren, dass das ruhige Sitzen nach kurzer Zeit das größte Unbehagen verursachte, das allmählich in Schmerzen überging, sodass die Sitzstrafe gefürchteter war als viele andere bedeutend schärfere Strafen. Diese Tortur fällt mir jetzt ein. Warum schmerzen die Muskeln so? Müdigkeit, eine schwere, giftige Müdigkeit fällt auf mich ein. Ich denke daran, meinen Mantel auf dem Boden auszubreiten und mich dort niederzulassen, aber ein Blick auf den Steinboden hält mich ab. Und dann, – ich könnte mich auch nicht auf dem Boden ausstrecken. Neben mir sagt eine Stimme: „Wenn ich nur rauchen könnte. Wenn ich um Gottes Willen nur eine Zigarette rauchen könnte. Warum sperrt man uns denn nur in ein solches Loch ein?“ Die ganze Zeit habe ich nicht an eine Zigarette gedacht. Jetzt, wo meine unbekannte Nachbarin das magische Wort ausspricht, steigt plötzlich der scharfe Wunsch in mir auf, eine Zigarette zu besitzen, nur zwischen den Lippen zu halten, selbst wenn sie nicht angezündet wäre. Wie oft schon habe ich in diesen letzten Stunden eine mechanische Bewegung nach der Tasche gemacht, die nichts enthält als das Taschentuch. Dieses Taschentuch ist momentan mein einziger Besitz. Ich hole es hervor, breite es auf den Knien aus, hebe es zum Gesicht und atme gierig den verwehenden Lavendelgeruch ein. Am schlimmsten erscheint mir, dass ich nicht weiß, wie spät es ist, dass ich nicht wissen kann, wie viel Zeit ich hier schon verbracht habe. Das scharfe, grelle Lampenlicht, das in die Zelle fällt, kann jede Stunde bedeuten. Draußen hat sich der Lärm verdoppelt. Türen werden zugeworfen, schwere Schritte hallen auf den Steinfliesen. Plötzlich wird meine Tür geöffnet, ich sehe kein Gesicht, nur eine Hand, die eine henkellose weiße Porzellanschale hereinschiebt, über deren Rand ein Stück Brot liegt. Noch ehe ich denken kann, wird die Tür wieder geschlossen. Ich weiß nicht recht, ob es Kaffee oder Tee ist, die Farbe lässt nichts erraten und kaum der Geruch. In dem Augenblick als ich die heiße Schale in die Hände nehme, fühle ich, wie hungrig ich war. Voll Gier esse ich das weiße Brot und nehme ein paar Schlucke des heißen Gebräus. Dann kauere ich mich wieder in die Ecke und ziehe die Knie hoch.

Wie viele Stunden vergehen – ich weiß es nicht. Die Stimmen, das Wasserrauschen, die lauten, hallenden Schritte, das Jammern nebenan, unverständliche Befehlsworte, alles schmilzt in eins zusammen. Es ist wie eine flammende Wand von Geräuschen. Ich höre es kaum mehr, so sehr bin ich in Müdigkeit eingehüllt. Plötzlich wird meine Zellentür weit geöffnet. „Come along …“ Ich greife hastig nach meinem Hut. Ein paar Augenblicke stehe ich wie erblindet in der jähen, scharfen Helle. Von den Zellen sind etliche geöffnet und leer. Die Wärterin führt mich ein paar Schritte weiter zu einer anderen Wand und schließt mich hier in eine andere Zelle ein, die dieselben Maße hat wie die frühere. Wiederum rinnt Zeit ab, die ich nicht messen kann. Abermals wird der Riegel zurückgeschoben, ich folge der Wärterin, aber diesmal werde ich einen Gang entlanggeführt, in einen Raum, in dem mehrere uniformierte Beamtinnen sitzen. Irgendwo tickt eine Uhr. Ich hebe den Blick und sehe, dass es schon gegen elf Uhr nachts ist. Sieben Stunden seit meiner Ankunft! Ich werde zu einer Beamtin hingeschoben, die mir ihr von einem weißlichen Lampenschirm erhelltes, langes, schmales, sichtlich ermüdetes Gesicht zuwendet: „Ihr Name?“ Ich buchstabiere. „Waren Sie schon einmal im Gefängnis?“ „Nein.“ „Adresse von Angehörigen.“ Ich zögere einen Augenblick. „Kann ich nicht die Adresse von meinen Freunden in England geben?“ „Nein, – die Adresse der Angehörigen.“ Ich gebe die Adresse meines Bruders an, nicht wissend, wie lange sie noch gelten wird und ob sie überhaupt noch gilt. Eine andere Beamtin nimmt mich in Empfang. Auf einen Tisch hat sie meine Habseligkeiten ausgebreitet, das Portemonnaie, die Taschenlampe, die Pulver. Sie beginnt den Inhalt des Portemonnaies zu untersuchen und hält bei den zwei Penny-Marken, die zusammengeklebt sind. Vermutlich waren sie feucht; jedenfalls kleben sie jetzt zusammen. Sie hebt sie prüfend gegen das Licht, wie es schon der Polizeioffizier in R. getan hat. Dann wendet sie sich mir zu: „Sie sehen, dass die beiden Marken zusammengeklebt sind.“ „Ja.“ „Sie können also nicht als zwei Ein-Penny-Marken gelten, sondern nur als eine einzige Marke.“ „Ja.“ Sie schreibt eine lange Bemerkung über die Penny-Marke in ihr Meldebuch. Eine Hand legt sich auf meinen Arm. Wieder höre ich die einzige Formel, die ich bisher in diesem Gebäude vernommen habe: „Come along.“ Man schiebt mich hinter einen fadenscheinigen Paravent: „Undress.“ Langsam beginne ich, meine Jacke aufzuknöpfen. „Quicker. Undress completely.“ Ich ziehe die Bluse, die Sporthose aus und stehe nun in Unterkleidern. „I said completely …“ Die Unterkleider folgen. Die Wärterin tritt näher. „Lift your arm.“ „Now bend your head.“ Sie schiebt mich unter die Lampe und beginnt, mein Haar gründlich zu untersuchen. „Put your clothes on again, but be quick.“ Während ich mich anziehe, werde ich nach Alter und Religion gefragt. Eine rote Pappkarte wird mir zugeschoben. „Don’t lose it.“ Wieder werde ich beim Arm gefasst und zu der Zelle zurückgeführt.




Kontexte: Elisabeth Janstein, 1893 in Iglau/Mähren geboren, begann ihre schriftstellerische Karriere 1918 mit der Veröffentlichung mehrerer Gedichte. 1922 nahm sie einen Redaktionsposten bei der Wiener Zeitung Der Tag an, von wo sie 1925 zu Der Abend wechselte. Dort schrieb sie Gerichtssaalberichte und Feuilletons, Agenden die 1926 von Alice Penkala übernommen wurden (vgl. Koordinaten #2), während Janstein bis 1938 in Paris als Auslandskorrespondentin tätig war. Danach war sie für kurze Zeit in Berlin, stellte aber bald fest, dass sie unter den dortigen Bedingungen nicht als Korrespondentin arbeiten konnte – reichsdeutsche Redakteure verstümmelten ihre Texte. Jansteins Einstellung ist bis zu diesem Zeitpunkt aber durchaus als ambivalent einzustufen: 1944 schrieb sie in einem Brief rückblickend, dass ihre Haltung bzw. ihre Gefühle dem „neuen Deutschland“ gegenüber zu Beginn „durchaus keine absolut eindeutigen“ gewesen waren. 1938 ging sie nach England: „Ich soll mich aus der Heimat verstoßen. Niemand tat mir etwas zu Leide. Niemand zwingt mich zu gehen, aber ich selbst soll die Türe öffnen und mich hinausweisen, vielleicht um niemals wiederzukehren.“ Mit dem Kriegseintritt Englands im September 1939 mussten sich Deutsche (und damit auch ÖsterreicherInnen) als potentielle „enemy aliens“ Tribunalen stellen, wo entschieden wurde, ob sie der Kategorie A (zu internieren), B (unter Restriktionen wie verschärfte Meldepflicht zu stellen) oder C (keines von beiden, da kein Zweifel an der Loyalität) zugerechnet wurden. Janstein wurde am 30. August 1939 verhaftet und wurde zusammen mit 50 bis 60 Ausländerinnen festgehalten, darunter zahlreiche deutsche und österreichische Hausgehilfinnen (vgl. Koordinaten #3), bevor sie am 15. Oktober 1939 freigelassen wurde. In all der Zeit setzte ihr am meisten zu, dass sie nicht wusste, warum sie inhaftiert worden war. Das 1939 von Elisabeth Janstein verfasste Manuskript Holloway Journal, in dem sie detailliert ihre Haftzeit im Londoner Frauengefängnis Holloway schildert, ist nicht erhalten. Im Nachlass von Martina Wied, die mit Elisabeth Janstein in Kontakt stand, befinden sich die ersten 76 Seiten des Berichts (Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur, N1.45/.4.1.1.1), aus dem hier ein zwecks Lesbarkeit leicht korrigierter Auszug erscheint. 1944 bemühte sich Janstein um die Veröffentlichung ihres Berichtes, was jedoch nicht gelang. Sie starb im selben Jahr in Winchcombe, Gloucestershire.




Literaturhinweis: Ursula Seeber-Weyrer: Obwohl ich immer Österreicherin sein werde … Elisabeth Janstein (1893–1944): Suchvorgänge für eine literarische Biografie. In: Charmian Brinson, Richard Dove, Anthony Grenville, u.a. (Hg.): Keine Klage über England? Deutsche und österreichische Exilerfahrungen in Großbritannien. 1933–1945. München: iudicium 1998, S. 137–156


online seit 10.05.2017 17:24:12 (Printausgabe 78)
autorIn und feedback : Thomas Ballhausen und Veronika Zwerger




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