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  #OscarsGotBlack?

Hidden Figures, Moonlight und die aktuelle Relevanz des afroamerikanischen Kinos

Spätestens mit den Unruhen von Ferguson im Jahre 2014 ist die Debatte um die Situation von African-Americans in den USA erneut aufgeflammt. Im Bereich des Filmschaffens finden derlei gesellschaftliche Problemstellungen eine starke kulturelle Rezeption – umso erstaunlicher ist die Unterrepräsentation von „blacks“ bei den Academy Awards 2015 und 2016. In beiden Jahren wurde kein/e einzige/r schwarze Schauspieler_in nominiert. Der Protest ließ nicht lange auf sich warten, Spike Lee und Will Smith etwa kündigten den Boykott der Preisverleihung an und der Hashtag #OscarsSoWhite überflutete die Social Media. Die Academy, deren Juror_innen zu 94% weiß und zu 77% männlich sind (Stand 2012), reagierte und nach einer Diversity-Reform der Academy war das „black cinema“ dieses Jahr mit mehreren Motions vertreten. Die größte Aufmerksamkeit genossen dabei Moonlight, Hidden Figures, Fences und I am not your negro. MALMOE hat die beiden erstgenannten gesichtet.

Moonlight erhielt drei Oscars und gewann als „best picture“ den wichtigsten Titel. Das Drehbuch wurde ursprünglich als Theaterstück von Tarell Alvin McCraney verfasst und von Regisseur Barry Jenkins umgesetzt. In der selben afroamerikanischen Nachbarschaft von Liberty City aufgewachsen, teilen die beiden die Erfahrung einer drogenabhängigen Mutter mit ihrem Protagonisten Chiron, dessen Coming-Of-Age als homosexueller Afroamerikaner im Mittelpunkt der Erzählung steht. In drei Abschnitten erschafft der Film einen facettenreichen Charakter – gespielt von drei unterschiedlichen Darstellern –, dessen Entwicklung in einen präzisen Zusammenhang mit den von ihm erlebten Diskriminierungs- und Leiderfahrungen gestellt wird. Auf feinfühlige Weise gelingt es dem Film dabei, eine Art Soziogramm um den zerbrechlichen Chiron zu zeichnen, der in der harschen Umgebung seines Problemviertels auch Zärtlichkeit erfährt.

Moonlight bietet eine unkonventionell erzählte Geschichte mit viel Liebe für Details und einer überwältigenden Audiovisualität. Die thematisch naheliegende, gesellschaftskritische Objektivität weicht dabei weitgehend der Subjektivität des Hauptcharakters. Dieser „bottom-up“-Ansatz ist spannend, wirft jedoch in Bezug auf die Oscar-Auszeichnung die Frage auf, ob der Verzicht auf die explizite Kritik als Voraussetzung für diese zu bewerten ist. Darüber hinaus lässt sich im Lichte der vorangegangen Proteste die Vermutung kaum entkräften, dass es sich bei der Kür zum „Besten Film“ um denselben „tokenism“ handelt, mit dem die Spitze der weißen Kulturindustrie seit jeher ihre Geschäfte bestreitet.

Hidden Figures portraitiert drei afroamerikanische Frauen – dargestellt von Taraji P. Henson, Janelle Monáe und Octavia Spencer (Oscar-Nominierung als beste Nebendarstellerin) – die in den 1960ern wichtige Funktionen bei der US-Raumfahrtbehörde NASA haben. Dort herrscht zu dieser Zeit wie überall in den USA offiziell „Rassen“-Trennung und die Frauen sind permanenter Mehrfachdiskriminierung ausgesetzt. Als ein hohes Tier bei der NASA (Kevin Costner) jedoch bemerkt, dass beim Wettlauf ins All die Sowjetunion nur zu besiegen ist, wenn man alle Fähigkeiten bündelt, vor allem die der genialen Mathematikerin Dorothy Vaughan (gespielt von Henson), erhalten die Afroamerikanerinnen zunehmend Anerkennung. In der Schlüsselszene demoliert der Chef der Space Task Group (Kostner) mit der Brechstange ein Toilettentürschild mit der Aufschrift „colored ladies only“ und postuliert humanistisch: „Here at NASA we all pee the same color“.

So steht der gelungenen Erzählung einer auf wahren Begebenheiten basierenden Story, der Sichtbarmachung der bisher Ausgeblendeten und einer Kritik am allgegenwärtigen Rassismus in der US-Geschichte eine mitunter unfreiwillig komische Inszenierung gegenüber, die als Quintessenz neben einer Aufforderung zur Aussöhnung betont: der Erfolg des nationalen Wettbewerbsstaates ist ohne Diversity nicht zu haben.

Moonlight schildert also eine Geschichte „von unten“, während die Perspektive von Hidden Figures zwar eine inkludierende ist, gleichzeitig „von oben“ das Narrativ einer mit Makeln behafteten, aber stets erfolgreichen Nation erzählt. Dieser Unterschied schlägt sich auch in der Form nieder: Das „best picture“ der Oscars 2017 ist sowohl künstlerisch als auch inhaltlich im Vergleich zum Hollywood-Blockbuster Hidden Figures sicherlich gehaltvoller. Ob sich die starke Rezeption des „black cinema“ langfristig halten wird oder Hollywood zur traditionellen Bewertungspraxis zurückkehren wird, verbleibt als „open end“.

online seit 10.05.2017 17:12:26 (Printausgabe 78)
autorIn und feedback : Adrian J. Haim, Jannik Eder




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