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  Die 100 Leben des Monsieur Lanzmann

Am 31. März 2017 gastiert Claude Lanzmann im Rahmen einer Veranstaltungsreihe des Filmclub Tacheles im Audimax der Universität Wien

„Und hundert Leben, das weiß ich nur zu gut, würden mich nicht müde machen“, schreibt der jüdisch-französische Schriftsteller und Regisseur Claude Lanzmann in seiner Biographie (1), die sich so spannend liest wie kaum eine andere. Im Paris des Jahres 1925 geboren, flüchtet Lanzmann nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in den unbesetzten Süden Frankreichs, wo er schon im Jugendalter mit der französischen Résistance gegen das Vichy-Regime kämpft und sich aktiv an Partisan_innen-Angriffen auf die deutsche Besatzungsarmee beteiligt. Nach dem Studium der Philosophie verschlägt es ihn nach Deutschland, wo er unter anderem an der neu gegründeten Freien Universität Berlin unterrichtet. Sehr prägend wirkt sich die Bekanntschaft mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir auf Lanzmann aus. Mit „Castor“, wie Simone de Beauvoir von ihm genannt wird, verbindet ihn eine langjährige Liebesbeziehung. Auf Bestreben Jean-Paul Sartres wird Lanzmann verantwortlicher Redakteur bei der von Sartre gegründeten Zeitschrift Les Temps Modernes, welche auch heute noch von Lanzmann herausgegeben wird. Anfang der 1960er-Jahre engagiert er sich gegen den Algerienkrieg und die französische Kolonialherrschaft, unterzeichnet das Manifest der 121 (2) und lernt mit Frantz Fanon einen der wichtigsten Denker der Entkolonialisierung kennen. Lanzmann ist es auch, der Sartre 1961 zu einem Treffen mit dem damals schon schwerkranken Fanon überredet. Er veröffentlicht zahlreiche Filme und Bücher und ist bis heute als Schriftsteller und Filmemacher tätig.

Pourquoi Israël

Sein erster Aufenthalt in Israel im Jahr 1952 hinterließ bei Lanzmann tiefe Spuren. Beeindruckend und bedrückend zugleich war der Besuch im jungen Staat, bei dem Lanzmann mit bis dahin ungeahnten Herausforderungen konfrontiert wurde. So waren etwa der Unmut vieler Einwanderer_innen über die im Land herrschenden Lebensbedingungen, ihr Heimweh nach Europa und die Frage, wer überhaupt Jude bzw. Jüdin ist, Motive, die auch in Pourquoi Israël zentral vertreten sind. Für Lanzmann selbst, dem Sprache, Kultur und Religion fremd waren – er war vor der Überfahrt von Marseille nach Haifa weder einem Rabbiner begegnet, noch wusste er über die Bräuche des Schabbat Bescheid – wurde die Arbeit am Film zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Identität. Trotz diverser Widrigkeiten fühlte sich Lanzmann in Israel allerdings von Beginn an sehr wohl und David Ben-Gurions Versuch, ihn zur Einwanderung zu überreden, scheiterte laut seinen eigenen Angaben auch an seiner Beziehung zu Simone de Beauvoir. Ab 1970 begann Lanzmann schließlich mit der Arbeit an einem Film, der die Notwendigkeit eines jüdischen Staates 25 Jahre nach seiner Gründung mit all seiner „anormalen Normalität“ aufzeigen sollte. Obwohl er keinerlei Vorkenntnisse auf dem Gebiet der Filmproduktion besaß und der Film finanziell mehr als einmal vor dem Aus stand, konnte Lanzmanns Warum Israel im Oktober 1973, nur einen Tag nach dem Ausbruch des Jom-Kippur-Krieges, Premiere feiern. Mit den im Film gezeigten Interviews mit israelischen Bürger_innen unterschiedlichster Herkunft schafft es Lanzmann, die Widersprüche und Besonderheiten des jungen jüdischen Staates so verständlich und den Film dadurch zu einer einzigartigen Dokumentation zu machen. Trotz einer Länge von über drei Stunden stieß der Film beim Publikum durchwegs auf Begeisterung. Der jüdische Intellektuelle Gershom Scholem soll sich nach Ende des Films sogar dem Publikum zugewandt und gerufen haben: „So etwas hat man noch nie gesehen!“. Im Jahr 2009 geriet der Film erneut in die Schlagzeilen, als selbsternannte Antiimperialist_innen eine geplante Vorführung des Films in einem Hamburger Kino gewaltsam angriffen und verhinderten.(3)

Monumentalwerk Shoah

Unmittelbar nach der Premiere von Warum Israel begann Lanzmann mit der Arbeit am Film Shoah, an dem er ganze zwölf Jahre arbeiten sollte und der bis heute als unvergleichliches Monumentalwerk gilt. Die Idee, einen Film über die Shoah zu drehen, kam dabei nicht von Lanzmann selbst, sondern aus dem israelischen Außenministerium. Im Gegensatz zu vielen anderen Produktionen verzichtet Lanzmann in Shoah komplett auf Archivaufnahmen und Musik. Er arbeitet ausschließlich mit Interviews von Opfern, Täter_innen und einigen weiteren Augenzeug_innen. Zu diesen gehören etwa der Historiker Raul Hilberg, der Richter Alfred Spieß und zahlreiche Bystanders, wie beispielsweise Anwohner_innen oder Angestellte der Bahn. Ergänzt werden die Interviews durch aktuelle Aufnahmen von den Schauplätzen der Verbrechen und deren Umgebung. Einige der Täter wurden für den Film mit versteckter Kamera gefilmt, so etwa SS-Unterscharführer Franz Suchomel, beteiligt an der Aktion T4 sowie der Aktion Reinhardt. Lanzmann und eine Kollegin wurden bei der geheimen Aufzeichnung des Gesprächs mit Suchomel enttarnt und mussten unter Schlägen vor den aggressiven Familienmitgliedern Suchomels flüchten. Nach seiner Veröffentlichung im Jahr 1985 wurde der Film mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, eine breite Öffentlichkeit erreichte er in Deutschland und Österreich allerdings nie, in Polen wurde er sogar als Affront gegen die gesamte Nation aufgefasst. Der Entstehung des Films widmete sich Lanzmann in mehreren Kapiteln seiner Biographie sowie im 2015 erschienenen Dokumentarfilm Claude Lanzmann: Spectres of the Shoah.

Tsava Haganah Leisrael

Der letzte Teil von Lanzmanns Trilogie, Tsahal, widmet sich der Armee Israels und wurde von der Öffentlichkeit wohl am kontroversesten diskutiert. Es war der Jitzchak Rabin persönlich, damals im Amt des Verteidigungsministers, der, nachdem er 1987 Shoah gesehen hatte, an Lanzmann herantrat und den Anstoß für den Film gab. Rabin versprach Lanzmann ungehinderten Zugang zur Armee und ihren Institutionen und so kam es, dass er sich im Rahmen von Recherche und Dreharbeiten an militärischen Manövern beteiligte und mit über 60 Jahren noch Flüge in Kampfflugzeugen absolvierte. Herausgekommen ist bei Tsahal kein einseitiger Propagandafilm, sondern eine differenzierte Dokumentation über die israelischen Streitkräfte, in welcher etwa der Schriftsteller und Friedensaktivist Amos Oz ebenso zu Wort kommt wie Ariel Sharon. Die Shoah, die unbeschreiblichen Opfer der jüdischen Bevölkerung und die daraus zu ziehenden Konsequenzen sind permanentes Motiv des Filmes. Es geht um die Bedeutung einer starken Armee für die Bevölkerung des jüdischen Staates, um die „Wiederaneignung militärischer Gewalt“, wie Lanzmann selbst es ausdrückt.

Obwohl seit der Veröffentlichung der Trilogie bereits einige Jahrzehnte vergangen sind, kann sie durchaus als zeitloses Werk begriffen werden, als ein Denkmal für die Millionen jüdischer Opfer der Shoah und als ein mahnendes Statement für einen wehrhaften jüdischen Staat. Der Filmclub Tacheles zeigt die drei Filme Warum Israel (17. März), Shoah (24. & 25. März) und Tsahal (7. April) im Rahmen seiner Veranstaltungsreihe zu Claude Lanzmann. Der eingangs erwähnte Vortrag mit Claude Lanzmann findet am 31. März um 18:30 Uhr bei freiem Eintritt im Audimax der Universität Wien statt.

Nähere Informationen zur Veranstaltungsreihe finden sich auf der Facebook-Seite des Filmclubs – facebook.com/filmclubtacheles

(1) Lanzmann, Claude (2010): Der Patagonische Hase. Erinnerungen, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg

(2) „Déclaration sur le droit à l'insoumission dans la guerre d'Algérie“, ein von 121 Universitätsangehörigen, Intellektuellen und Künstler_innen veröffentlichtes Manifest, in welchem das Recht auf Dienstverweigerung im Algerienkrieg festgehalten wird.

(3) jungle-world.com

online seit 24.03.2017 12:52:49
autorIn und feedback : Vincent Perle




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