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  Leben in der Bar. Episode 4

Hits, Hits, Hits! Masse und Macht im DJ-Geschäft.

Joesi Vondrus stürmt wie aus dem Nichts plötzlich an die Bar im B72 und trifft dort Rosina Brunner.

Joesi Vondrus: Na endlich. Hi Sina. Wo warst du denn? Hab hier schon urlang gewartet.

Rosina Brunner: Sorry. Mir ist arbeitstechnisch was dazwischen gekommen. Was geht denn hier ab? (schaut sich etwas irritiert um)

JV: Ja bitte, mach ma an LKW!

RB: Hä?

JV: Lokalwechsel! Bitte!

RB: Achso, ja klar, gern. Was ist denn hier los? Voll die 80er-Party. Da war ich eigentlich auf etwas anderes eingestellt …

JV: Eben, aber nach dem Konzert gab es kein Halten mehr für die DJs. Ich weiß nicht, wo sie die ausgelassen haben.

RB: Na, Wochenendpublikum halt. Die DJs müssen sich da anpassen.

JV: Das geht anders. Voll populistisch so …

RB: Hm. Jetzt spielen’s grad Depeche Mode. Es könnte schlimmer sein, find ich.

JV: Aber immer nur Hits, Hits, Hits! Das ist so Ö3. Oder FM4. Oder Kronehit. Was ist bloß aus der Kunst des Auflegens geworden? Ich dachte immer, hier kommen die Leute wegen der Musik her.

RB: Na, geh mal dort hin wo die Leute NICHT wegen der Musik hingehen und nur wegen dem Aufriss unterwegs sind …

JV: Das war schon mal anders …

RB: Komm Opa, erzähl vom Nachkriegswunder! (grinst)

JV: Na, ernsthaft! Aber irgendwie hast du schon Recht. Wegen DJs sind die Leute hierzulande noch nie fortgegangen. Zu Kruder & Dorfmeister ging’s ja auch nur hin um zu sehen und gesehen zu werden. Das war immer so Bobo.

RB: Bobo? Hm. Bei den guten Partys ging es aber nie nur um DJs, sondern immer auch um die Crowd. Das ist doch eh logisch. Deshalb finden wir ja diesen EDM-Schmus so dämlich. Oder? Wenn da irgendwelche Typen mit den Händen in der Höhe die sie huldigenden Massen segnen. Und ja: Das sind tatsächlich fast nur Typen.

JV: Yo. Die Hohepriester des EDM: alles Typen. Und total Masse und Macht eigentlich …

RB: Das haben die in den 70ern aber auch über Stadionrock gesagt …

JV: … dem dann vom Punk der Krieg erklärt wurde …

RB: In einem Punkt hat Punk auf jeden Fall gewonnen: Er hat zur Enthierarchisierung von Musik und deren Wahrnehmung geführt, wenn ich mal so dick auftragen darf. Was oft vergessen wird, ist, dass elektronische Musik in der Anfangszeit total DIY war. Wie da in den Kinderzimmern Detroits und den Kellern Chicagos Disco-Orchester nachgebaut wurden …

JV: … was dann aber im Endeffekt zum Phänomen des EBM-DJs geführt hat. Das passt eh gut zu solchen Figuren wie Deadmau5 oder Skrillex. Voll außer Kontrolle geratener Kinderzimmer-Horror-DIY-Bro-Step. Oder Hampelmann-House à la Guetta. Das ist doch alles einfach nur infantil. Wobei mir das sich drüber lustig Machen mittlerweile eher erniedrigend erscheint.

RB: Ich frag mich auch, warum gibt’s den Bedarf an einer Ikone? Oder geht’s da um was ganz anderes?

JV: Keine Ahnung, was die Kids da vor diesen Riesenbühnen zu finden glauben, und ob die sich da wirklich mit den Figuren auf der Bühne identifizieren. Vielleicht ist das DJ-Dasein für die einfach nur ein erfolgreiches Geschäftsmodell und deshalb erstrebenswert? Aber wenn der Guetta Kohle bekommt, muss er ja seinen ganzen Tross bezahlen. Das ist ja eine Firma. Das sieht kaum wer.

RB: Vielleicht ist DJing generell einfach völlig überschätzt. Kann doch eh jede_r. Und was hast du eigentlich gegen Hits?

JV: Kommt drauf an. Gescheite DJs spielen nicht einfach die Hits der Anderen, sondern machen das zum Hit, was sie grad spielen. Da musst du natürlich dein Publikum gut kennen. Und das solltest du schon auch etwas fordern. Und das auch können. Sonst bleibt’s beim Durchkauen der jeweils abgefrühstückten Konsenshits.

RB: Aber was ist den bitte heute eigentlich ein Hit? Auf was können sich den alle außerhalb bestimmter Blasen gemeinsam einigen, wann gab’s denn zuletzt den großen gemeinsamen Hit? (deutet auf die jetzt fast leere Tanzfläche)

JV: Ich hab ja gesagt, das geht sich nicht aus. Die DJs hier sind wirklich ziemlich fantasielos an die Sachen rangegangen. Oder sagen wir ruhig billig populistisch. Wenn du der Meute einfach gibst, was sie verlangt, dann kann das ganz schnell in Fadesse enden. Ich finde, du musst sie eher an die Leine nehmen.

RB: An die Leine? Sie brauchen also einen DJ-Führer? Den „Disco-Fuhrer“ von DJ Pierre gar?

JV: Nein, nein, du verstehst mich jetzt grob falsch. DJs sollten sich eben genau dieser Gefahr bewusst sein, sie müssen bis zu einem gewissen Grad den Puppetmaster spielen, und das ist manchmal echt ein bisschen unheimlich. Da braucht es dann wirklich Gegenstrategien …

RB: Ja, und welche? Wie meinst du das?

JV: Ich denke, das geht auch anders als die Götter auf ihren Stadionbühnen oder die populistischen DJs in den Wochenend-Clubs das machen. Also abgesehen von Techno-Clubs, wo die Musik sowieso schon eine ganz andere ist.

RB: Dazu braucht es aber auch die Strukturen, Geduld und natürlich auch Mut zum Scheitern… also dass mal ein Abend auch daneben geht …

JV: Das ist der Punkt! Da hast du voll recht. Das braucht eine gewisse wirtschaftliche Absicherung. Bin aber sicher, das geht sich aus. Du musst dir eine Beziehung mit begeisterungsfähigen Musik-affinen Menschen am Wochenende aufbauen. Und es sind ja nicht alle hirntot, wenn sie tanzen gehen wollen. Die sind an etwas interessiert und möchten Teil von etwas sein (grinst). Das ist dann eben nicht nur einseitig was von oben.

RB: Sondern Übereinkunft!

JV: Und so entsteht dann eine Community! Jetzt dann aber mal raus hier!

RB: Wohin? Na egal, geh ma mal raus.

(beide ab)

online seit 08.03.2017 13:53:26 (Printausgabe 77)
autorIn und feedback : Rosina Brunner, Joesi Vondrus




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