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  Kritikon #3: Eva Schörkhuber

Textauszug "Quecksilbertage"

Die vierteilige Serie kritikon setzt ausgewählte Positionen österreichischer Gegenwartsliteratur in Dialog mit politischen Fragestellungen und Herausforderungen. Unterstützt von der Edition Atelier präsentieren Eva Schörkuber, Elena Messner, Sophie Reyer (kritikon #2 in MALMOE 75) und Thomas Ballhausen (kritikon #1 in MALMOE 74) poetologische Statements und Textauszüge, die ihre spezifischen Zugriffe auf die alltäglichen Zumutungen unserer Gegenwart deutlich werden lassen. kritikon versteht sich als Einladung zu Auseinandersetzung, Diskurs und vor allem auch: Lektüre.

Kuratorische Betreuung: Katharina Menschick, Jannik Eder & Thomas Ballhausen




kritikon #3:
Eva Schörkhuber


„ … à faire battre les mots comme un cœur furieux“, steht als Grußformel am Ende eines Briefes, den ich vor einiger Zeit von einem befreundeten Schriftsteller aus Marseille erhalten habe. Worte zu finden, die pulsieren wie ein wütender Herzschlag – das ist eine Möglichkeit, sich schreibend gegen jene Verhältnisse zu wenden, die zugunsten weniger und auf Kosten vieler bestehen und die ihren Bestand bestimmten Reproduktionsmechanismen verdanken, die ihrerseits auf akkumuliertes Durchsetzungsvermögen zurückzuführen sind. Satire, Montage, Utopien, Dystopien, Schelm_innenromane, (Ver)Dichtungen etc. sind weitere Mittel und Wege, die Welt und die in ihr (vor)herrschenden Bedingungen in Frage zu stellen. Ich denke, darauf kommt es an: Jene sprachlichen, aber auch politischen und ökonomischen Wendungen zu ent-wenden, mit denen die bestehenden Verhältnisse als selbstverständlich, als unabdingbar bedacht werden und die sich wie Fesseln um unsere Köpfe, um unsere Körper legen. In diesem Sinne möchte ich auch schreibend erfahren, schreibend ausprobieren, inwiefern Reproduktionsmechanismen in ihren Funktionsweisen entstellt und in weiterer Folge sabotiert werden können. Ich denke, dass das keine Spezialaufgabe für eine so genannte engagierte oder politische Literatur ist. Es ist eine genuine Aufgabe von Literatur, die Zwischenräume und Brüche eines 'Vielleicht', eines 'Es-kann-sein' auszuloten und mit Worten, mit Stimmen zu bespielen. Die Frage ist nur, inwieweit ich mich mit dem Gegenstand meines Schreibens, der Welt und ihren Zusammenhängen, in Verbindung bringe: Halte ich diesen Gegenstand in Händen wie eine Zauberkugel, die mir Unglaubliches, bislang Ungeahntes zeigt, das ich dann zu Papier bringe; oder betrachte ich meinen Bezug zur Welt, meine Zeitgenoss_innenschaft als einen Gegenstand, dem ich mich schreibend immer wieder annähere. Diese Annäherung, diese Schreibbewegung soll es sein, die ich teile, die ich mitteile, manchmal augenzwinkernd, manchmal lachenden Auges und manchmal eben auch wütenden Herzens. es




Quecksilbertage (Auszüge)

„Eine Flasche war’s.“ Das Gesicht, das Fred gemacht, als er Valerie seine Hand vors Gesicht gehalten hatte. Ein wehleidiges, ein beleidigtes Gesicht, das er da geschnitten hatte, beleidigt ob des ungerechten Weltenlaufs, ob der Ungerechtigkeit, dass gerade er in die Glassplitter gegriffen hatte, dass diese Splitter ausgerechnet von der Weißweinflasche stammten, die er mit Rita zur Feier des Tages getrunken hatte. Eine unförmig weiße Pranke, die er Valerie vors Gesicht gehalten hatte, nachdem sie sich erkundigt hatte, was denn geschehen, was denn passiert sei.

„Mit einer Flasche haben sie’s gemacht.“ Die Stimme, mit der Rita die näheren Details zum aktuellen Kommunikationsauftrag aufgetischt hatte: eine angewiderte, eine brüskierte Stimme, die sich da im Büro erhoben hatte, im Büro des „Instituts für die nachhaltige Kommunikation mit der Zivilgesellschaft“, brüskiert ob der ideologischen Dreistigkeit, ob dieser linksextremen Ideologie, die Menschen gemeingefährlich werden, die Individuen zu willfährigen Gemeinwesen verkommen ließ, die dann in der Lage waren, mit einer Flasche die Container vor einem Gebäude des Arbeitsmarktservices in Brand zu stecken. Mit Zivilgesellschaft habe das nichts zu tun, im Gegenteil, um linksextremen Terror handle es sich hier, eine linksextreme Terrororganisation, die sich da gebildet habe, so müsse das kommuniziert werden, hatte Rita sie belehrt, nachdem Valerie fragend ins Gesicht mit den angewidert verzogenen Mundwinkeln geblickt hatte.

„Ach, das war nur die eine Flasche.“ Die Geste, mit der der Redakteur die letzte Meldung bedacht hatte, die ihn am Institut während der Besprechung ereilt hatte. Eine beschwichtigende, eine wegwerfende Geste, die er da vollzogen hatte, beschwichtigend ob der Vermutung, es sei vielleicht doch eine politische Tat gewesen, ob der Frage, wie groß der Sachschaden sei, an dem Denkmal, das beschmiert, an dem Gebäude, dessen Fenster eingeschlagen worden war. Ein betrunkener Einzeltäter werde das wohl gewesen sein, der das Denkmal am Judenplatz beschmiert, der das Fenster dieser Flüchtlings- und Deserteursberatung mit einer Flasche eingeschlagen hatte, übertrieben, überzogen sei hier die Annahme, es habe sich um eine politische, um eine rechtsextreme Tat gehandelt, völlig überzogen sei das, hatte er Valerie erklärt, nachdem sie ihn gefragt hatte, ob das nicht doch vielleicht ein Neonazi gewesen sein könnte.

„Eine Flasche war das!“ Das Gesicht, das Onkel Anton gemacht, als Valerie ihn gefragt hatte, was aus dem Kameraden geworden sei, der daheim geblieben war, der nicht mehr hatte einrücken wollen. Einem aufgewühlten, einem zornigen Gesicht hatte sie sich da gegenüber gesehen, zornig ob der feigen Fahnenflucht, ob der zersetzenden Feigheit, mit der sich dieser Mirko der Wehrpflicht, der Wehrmacht entzogen habe, während er selbst zurück zur Flakabwehr gegangen war, während der Erich sein Leben im Schützengraben gelassen hatte fürs Land, fürs Vaterland, für Österreich, hatte sich dieser Mirko in die Wälder verzogen und die eigenen Leute hintergangen. „Kannst du dir das vorstellen? Deine Kameraden alle im Krieg und nur du bist zu feig, um wieder hinzugehen. Und nachher sollen wir auch noch an allem schuld gewesen sein“, hatte Anton ihr ins Gesicht gesagt, nachdem Valerie gemeint hatte, gehabt hätte wohl auch Mirko sie, seine guten Gründe.

Jetzt, in einer dieser frühen Abendstunden, in denen der Tag langsam in den Abend glitt, hier an ihrem Küchenfenster, das ihr schemenhaft ihr Gesicht vorspiegelte, jetzt musste Valerie daran denken, mit wie vielen Flaschen sie in den letzten Tagen zu tun gehabt, von wie vielen Flaschen sie in den letzten Tagen gehört hatte. Neben ihr die noch halb volle Wodkaflasche, aus der sie sich gerade das dritte Glas eingegossen hatte, an diesem Spätsommerabend, an dem sie nicht wusste, wohin mit sich, den sie also hier am Fenster verbrachte, sich selbst ein Gegenüber. Schemenhaft dieses Gesicht, in das sie blickte, das sie ansah von der Scheibe, hinter der der Himmel seine Tonart änderte und sich ins dunkle weiche Moll vertiefte. Was wohl würde ihr mit einer Flasche passieren, was wohl würde sie mit einer Flasche machen, abgesehen davon, dass sie sich aus einer einschenkte, abgesehen davon, dass sie die guten Sterne zählte, mit denen der Schwedenplatz gesäumt war? Fred und Ritas Weißweinflasche manipulieren, Drogen in die Weißweinflasche schmuggeln, auf dass die beiden, ihre Arbeitgeber, endlich gelöst, endlich gelassen, endlich aus sich herauskamen. Oder. Doris und Evelyn eine Flaschenpost überreichen, in der sie ihnen mitteilte, was sie eigentlich von ihnen hielt. Oder. Einen Molotowcocktail in Georgs Büro werfen, auf dass sich in diesem nicht mehr falsche Versprechen und vergebliche Hoffnungen auf ein Auskommen hochstapelten. Oder. Sich betrinken und auf die Suche gehen nach den langen dichten braunen Haaren, die mit den ihren einmal einen Fächer gebildet hatten, einmal in dieser Nacht, auf diesem Polster. Das Haar in der Flasche, ein Haar in ihrem Glas, ein langes, braunes, aber das ihrige, das war eines ihrer Haare, und wieder einmal war sie selbst, war etwas von ihr hinter Glas. Im Glas. Mit diesem Gedanken war Valerie aufgesprungen, war ins Bad gelaufen, hatte sich die Nagelschere geholt, war zurück ans Küchenfenster und hatte sich nachgeschenkt. Das Glas war nun randvoll mit dem Wässerchen und dem Haar, das darin schwamm. Für Georg, diesen Halsabschneider, auf dass die nächste unbezahlte Hilfskraft ihm das Messer in den Bauch rammt! Schnitt. Für Fred, auf dass ihm ein Schlag ins Gesicht die Augen öffnet und er sehen und spüren kann, dass es auch etwas außerhalb von ihm selbst gibt! Schnitt. Für Rita, auf dass sie sich an der eigenen Kaltblütigkeit die Finger verbrennt! Schnitt. Für Doris, auf dass ihre Karrieregeilheit sie in den Wahnsinn treibt! Schnitt. Für Evelyn, auf dass sie beim Mitlaufen stolpert und sich zumindest ein Bein dabei bricht! Schnitt. Für die Kunden des „Instituts für die nachhaltige Kommunikation mit der Zivilgesellschaft“, auf dass sich ihre Zungen verknoten und sie am eigenen Wortgehülse ersticken! Schnitt. Für alle, die alles Mögliche predigen und sich’s leisten können, alles für möglich zu halten, auf dass sie von allem Möglichen verschüttet, zerquetscht, zertrampelt werden! Schnitt. Für alle, die behaupten, jeder wäre des eigenen Glückes Schmied, auf dass ihnen die Sohlen unter den Füßen brennen wie glühende Eisen! Schnitt. Für sie, die sich diesem Alltagstrott ergeben hatte, die mitruderte in diesem Blödsinn, auf dass sie ... auf dass sie ... – ja, was? Was wollte sie denn? Was hatte sie denn für sich selbst vorgesehen? Welche Sanktion? Welche Aktion? Wenn ihr jetzt nichts einfiel, dann würde diese letzte Haarsträhne an ihrem Kopf hängen bleiben wie eine Schnur, die noch nicht durchtrennt worden war, wie eine Nabelschnur, die sie noch verband mit dieser Welt, die sie hasste, die sie verabscheute, von der sie sich aber offenkundig noch nährte, von der sie noch zehrte, solange sie nicht wusste, was tun.

So blau, so voll der Platz, die vielen Tränen, die da fließen. Schlagstock gegen Pizzastück, da müssen sie einer ja kommen, die Tränen. Ein Fest soll das sein? Nicht ganz, geräumt wird! Austräumen, gefälligst, ihr da! Die ihr euch aufmacht, um Platz, um mehr Platz zu fordern für alle, für die im schnuckelig-schicken Viertel kein Platz mehr ist. Auffrisieren, aufpolieren und mit Leerstand spekulieren, das sind die goldenen Zeiten für uns, uns, uns, die ein Prozent, die alles haben, die alles kriegen, die euch mit Kapital bekriegen. Doch die Leute im besetzten Haus, die rufen: „Ihr, ihr kriegt uns hier nicht raus! Das ist unser Haus, schmeißt doch endlich die Spekulanten und Blasenproduzenten aus dem Viertel raus!“

Die Ohren sind taub, auf die sie stoßen, Investohren, Sponsohren, die können’s nicht, die wollen’s nicht hören. Eigenkapital hier, Eigeninteresse da und natürlich der Sachzwang, der überall herrscht. Doch wir, wir sind ja nicht so, bleiben könnt ihr, gnadenhalber, wir, wir, wir, die ein Prozent, die alles haben, die alles lenken, wir können euch Nichtsnutzen auch Zeit noch schenken. Ein paar Tage später ist er im Kronenblatt zu lesen, der schlagende Beweis, dass sich im Pizzaofen eine Bombenwerkstatt versteckt. Deutlich – allzu deutlich – stehen die zehn leeren Flaschen vor uns, die wirklich, wirklich aber auch! nur zum Bau von Molotowcocktails verwendet werden können. Doch die Leute im besetzten Haus, die rufen: „Ihr, ihr kriegt uns hier nicht raus! Das ist unser Haus, schmeißt doch endlich die Spekulanten und Blasenproduzenten aus dem Viertel raus!“

Jetzt aber, jetzt ist es so weit, raus mit euch, aber nicht mit uns, wir bleiben, wir fragen uns nur gegenseitig, worin unsere Leistung eigentlich besteht. Nicht mit uns! Wir zahlen die Mieten und ziehen die Nieten, wenn ihr uns die teuren Lose verkauft. Habt ihr Stroh im Kopf oder Wachstumspsychosen. Bankenpleite und Pleitegeier, Wirtschaftskrise und Grießschmarrn ums Maul, verhökern, verpokern, verbrechen. Ihr, ihr, ihr, die ein Prozent, Einwegprofiteure und Blasenproduzenten, raus mit euch aus den Einflusskanälen, wir lassen uns nicht räumen, wir lassen uns nichts mehr gefallen. Viele sind wir, und dank euch werden wir immer mehr. Ihr, ihr, ihr kriegt uns nicht raus! Das ist unser Haus, schmeißt doch endlich die Spekulanten und Blasenproduzenten aus dem Viertel raus!

Aus: Eva Schörkhuber: „Quecksilbertage“, Edition Atelier, Wien, 2014.

Eva Schörkhuber (*1982) lebt und arbeitet als Autorin und Lehrbeauftragte in Wien und Bratislava; zuletzt erschienen: „Beherrschen Sie sich – Regierungsviertelungen“ (Hg. gemeinsam mit Elena Messner, Wien 2016) und „wollen schon“ (kollektiv roman, Wien 2016)

online seit 08.03.2017 13:01:17 (Printausgabe 76)
autorIn und feedback : Eva Schörkhuber




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