menueleiste1
home archiv suche messageboard abo hier gibts malmoe feedback alltag verdienen regieren widersprechen funktionieren tanzen erlebnispark
  Backhendlsalat für Europa

THE REAL CRIME INC PRESENTS: Die geheimnisvollen Fälle des Inspektors Zwezler und seines Partners Moik

Inspektor Zwezler hob seinen Spritzer. „Zum Wohl, mein lieber Kollege. Auf dass sich das Buch tausendfach verkaufen möge.“ „Sie sagen es, mein lieber Inspektor. Es verwundert mich ja, dass ausgerechnet die Grattler von bahoe books unsere besten Fälle herausgeben wollen.“ „Aber Moik, unterschätzen Sie nicht das Verlagswesen, dieses Business ist härter als jede Wrestlingshow. Da lässt man sich schon mal zu unorthodoxen Mitteln hinreißen.“
Nachdem die beiden einen kräftigen Schluck getrunken hatten, ließen sie im Gleichklang ihre Gläser auf dem Tisch landen. Es war eine gute Idee, die harte Woche bei einem Heurigen ausklingen zu lassen. Dort, wo sich das Wiener Herz noch unbeschwert wohl fühlen kann. Drei Tische weiter raunzte ein Bankelsänger ein altes Wienerlied zum Gaudium der bereits leicht angeheiterten Tischgäste und dazwischen rief ein Kellner: „Zweimal Backhendlsalat. Wer hat Backhendlsalat bestellt?“
Dass sich der Moik gleich gemeldet hat, hat den Inspektor zunächst etwas irritiert, denn bis jetzt hatten sie nur ein paar Spritzer bestellt. Als die beiden Teller dann am Tisch standen, der Backhendlduft seine Nase kitzelte, war auch er restlos von der Idee überzeugt.
„Mein lieber Moik, Sie sind ein Genie. Das Backhendl ist eine pure leibliche Wohltat.“
„Herr Inspektor, was anderes. Wie Sie ja wissen, ist es jetzt amtlich, dass dieser falsche Bundespräse eine Linke gedreht hat. Der hat doch die ganze Wahl gefälscht, oder?“
„Es gibt Gerüchte, das stimmt.“
„Es wird ja gemunkelt, dass er in der Nacht in sämtliche Wahllokale eingestiegen sei und bei den Wahlkarten herumhantiert habe, sodass er allein gewinnt. Ich hätt' ihm des gar nicht zugetraut.“
„Beweise gibt es dafür noch keine. Aber falls er es bei der nächsten Wahl wieder versuchen sollte, wird er sein blaues Wunder erleben.“
„Sie meinen …“
Der Inspektor nickte und betonte mit Nachdruck: „Auf Schritt und Tritt.“
Plötzlich tippte dem Moik eine Dame auf die Schulter. „Entschuldigen Sie, aber kann es sein, dass Sie gerade unsere Backhendln essen? Wir warten schon eine halbe Stunde darauf und der Kellner hat gemeint, er hätte sie hier … Schauen Sie, mein Gatte, er hungert schon.“ Und tatsächlich, am gegenüberliegenden Tisch saß ein älterer Herr mit umgebundener Serviette, mit Messer und Gabel in der Hand, die bereits startklar senkrecht emporragten. Er stierte wie vertrottelt auf die Backhendln.
„Verzeihen Sie, meine Gute, aber Sie stören hier einen Polizeieinsatz“, antwortete der Moik mit leichtem Zungenschlag und hielt ihr seine Polizeimarke vor die Nase. „Sondereinsatz“, ergänzte der Inspektor schmatzend.
„Frechheit, aber Sie werden schon sehen. Unter dem Hofer wird es so was nicht mehr geben.“
Als Profis wussten die beiden natürlich, in welchen Situationen man als Exekutivler mit der Bevölkerung in eine Diskussion treten soll und wann es absolut unangebracht ist. In diesem Fall entschieden sich die beiden für letzteres …
„Unter dem Hofer wird auch zuerst die Exekutive ihre Backhenderln bekommen, dann die Herrn und Frauen Österreicher und dann alle anderen.“
… hätten da nicht die Spritzer Moiks Redeschwung angekurbelt.
„Übrigens der Hofer, Herr Inspektor, das ist eben ein richtiger Mann, ein starker Mann, so wie ihn die Österreicher brauchen. Wer, glauben Sie, wird Österreich vor der Völkerwanderung verteidigen?“
„Der Hofer.“
„Richtig. Was glauben Sie, wer wird Arbeitsplätze schaffen für die Österreicher?“
„Der Hofer.“
„Richtig. Und was glauben Sie, wer wird verhindern, dass Wirtschaftsflüchtlinge unser Sozialsystem zerstören?“
„Auch der Hofer.“
„Wieder richtig. Der ist wirklich ein Wahnsinnsbursche.“
„Für mich, mein lieber Moik, sind vor allem die außenpolitischen Fragen wichtig. Wir haben ja neulich über Satire gesprochen und den Erdoğan. Dass bei dem Erdoğan Satire nicht funktioniert, weil er ein mächtiger und starker Mann ist. Der Hofer ist genau der Gleiche. Auch bei ihm würden alle Satiren abprallen, weil er einfach so ein Gigant ist.“
Und vor Moiks geistigem Auge baute sich langsam ein schönes Bild auf: Der Koloss vom Bosporus, breitbeinig auf zwei Kontinenten stehend, mit Blick bis zum Riesen vom Semmering. Gemeinsam lächeln sie über den Satirepfuhl. Die kleine Lache reicht ihnen nicht einmal bis zu den Knöcheln.
„Fast unmenschlich ist diese Größe, dieses monströse Gebilde aus Geist, Witz und Esprit, was der Hofer ist!“, konnte sich der Moik nur wundern und hätte fast einen Knochen geschluckt. „Mein lieber Zwezler, ich versuche schon die ganze Zeit, mir die andere Pfarrerstochter - also nicht die Ensslin, sondern die Merkel - in diesem majestätischen Glanz vorzustellen. So richtig will mir das aber nicht gelingen! Sie macht sich ja selbst zum Zwerg, wenn sie sich ganz runterbeugt zum Selfie mit den lächelnden Flüchtlingskindern oder zum Obstkorb für die Hartz4-Community.“
„Ja, Gesundheit ist ja auch fast so wichtig wie Sicherheit“, schmatzte Zwezler und sezierte den Hendlflügel. „Mein lieber Moik, die Mutti der Nation ist einfach nicht für Visionen empfänglich. Aber die braucht's für Europa!“
„Und nur da ganz oben, in kolossalen Höhen, also da, wo die Luft schon ganz dünn ist, gibt’s den Weitblick?“, ließ Moik leichte Zweifel erkennen.
„Nicht nur den Weitblick, dort sieht man auch den Weg ganz klar, ganz gradlinig. Die arme Merkel findet die Autobahnauffahrt nicht mehr und franst sich durch die Landstraßen. Wahrscheinlich gibt’s dort überall Überholverbote und gemächlich rollende Seniorenautos.“
Moik musste kurz lächeln und nahm einen großen Schluck Spritzer: „Mein lieber Inspektor. Also damals, bei diesem Grubenunglück in Soma, mit den hunderten Toten tief unter der Erde und dem verzweifelten Kampf der Rettungskräfte, da hat der Erdoğan goldrichtig gehandelt?“
„Natürlich, mein lieber Moik. Welch‘ ungeheure Stärke, bei dieser Ausfahrt auch noch ganz keck auf die Überholspur zu wechseln. Er hat ja auch wirklich keine Zeit zu verlieren auf seinem visionären Weg. Und was hat er der Journaille gesagt?“
„Dass so etwas eben passiert und dass man da einfach nach England im 19. Jahrhundert schauen soll“, fiel dem Moik das Salatblatt von der Gabel und die Erkenntnis wie Schuppen von den Augen. „Hoffentlich bringen sie unserem unbeugsamen Giganten dann doch ein bisschen Verständnis entgegen, es ist immer so untröstlich, posthum geboren zu werden“, dachte Moik, doch da war der Inspektor schon aufgesprungen.
„Die wirklich starken Männer sind...“, der Inspektor überlegte kurz einen passenden Vergleich, sah das Backhendl in seiner Hand und fuchtelte damit durch die Luft, „Nehmen Sie dieses Backhendl, mein lieber Moik, und dann diesen Spritzer hier und die paar Blätter Salat. Ist das nicht eine Wucht? Was will man da mehr in Wien?“
„Wenn ich Sie richtig verstehe, dann meinen Sie den Hofer als Oberbundeshendl, den Hatsche als weißen Gespritztn und der ganze idiotitäre Salat auf an Extrateller serviert als Beilage? Also ein perfektes Menü für Österreich?“
„Nicht nur Österreich, mein lieber Moik. Darauf wartet ganz Europa.“

Die gesammelten geheimnisvollen Fälle des Inspektors Zwezler und seines Partners Moik sind im November 2016 bei bahoe books erschienen.

online seit 08.03.2017 12:53:17 (Printausgabe 76)
autorIn und feedback : The real crime inc




Die 100 Leben des Monsieur Lanzmann

Am 31. März 2017 gastiert Claude Lanzmann im Rahmen einer Veranstaltungsreihe des Filmclub Tacheles im Audimax der Universität Wien
[24.03.2017,Vincent Perle]


Leben in der Bar. Episode 4

Hits, Hits, Hits! Masse und Macht im DJ-Geschäft.
[08.03.2017,Rosina Brunner, Joesi Vondrus]


Kritikon #3: Eva Schörkhuber

Textauszug "Quecksilbertage"
[08.03.2017,Eva Schörkhuber]


die nächsten 3 Einträge ...
 
menueleiste2
impressum kontakt about malmoe newsletter links mediadaten