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  „Gegenkultur ist weiterhin dringend notwendig“

MALMOE sprach mit Anna Pühringer über das neue Indie-Label Cut Surface und die Schwierigkeiten im durchprofessionalisierten Musikbusiness zu bestehen.

Im Sommer gab das kleine, aber sehr angesehene Wiener Label Totally Wired Records (TWR) für viele überraschend sein Ende bekannt. Mit Cut Surface poppte jedoch zeitgleich ein neues Projekt auf, welches Totally Wired nun beerben soll – oder vielleicht doch etwas völlig Neues ist? Auskunft darüber gab Anna Pühringer. Sie war Mitbegründerin von Totally Wired und ist dies nun auch bei Cut Surface.

MALMOE: Wie kam es eigentlich zum Ende von Totally Wired?

Anna Pühringer: Die Entscheidung war eigentlich schon Anfang des Jahres gefallen. Nach vierjähriger Zusammenarbeit waren es v.a. persönliche Gründe und Veränderungswünsche, die dazu geführt haben. „No condition is permanent“, singt Bruch auf seinem neuen Album. Das passt recht gut dazu. Fest stand für uns damals aber auch, dass so ein Abschluss unbedingt ein Prozess sein muss. Aus Respekt gegenüber unseren Artists und ihren Releases. Aus diesem Grund haben wir beschlossen, das Ende von TWR erst im Sommer bekannt zu geben, und außerdem manche unserer Kanäle weiter als Sprachrohr für kommende Projekte der TWR-Artists zu verwenden. Sämtliche TWR-Veröffentlichungen sind übrigens weiterhin bei uns erhältlich, zumindest solange der Vorrat reicht.

Wie blickst du insgesamt auf die Zeit von TWR zurück?

2012 haben wir zu viert TWR gegründet, um eine Plattform für Artists aus unserem näheren und weiteren persönlichen Umfeld zu schaffen, die sehr fantastische, eigenwillige Musik machten, welche aber zumeist einem kleinen KennerInnenkreis vorbehalten blieb. Um die Kräfte dieser Artists zu bündeln, haben wir mit TWR unser gemeinsames Lovechild erschaffen, es heranwachsen lassen und ihm ein Gehör verschaffen können, ohne dabei jemals faule Kompromisse einzugehen. Das werte ich als unseren größten Erfolg. Wir haben im Laufe der Zeit auch viele neue, auch internationale Kontakte knüpfen können, aus denen spannende Zusammenarbeiten und Freundschaften entstanden sind. Dass wir uns bewusst dagegen entschieden haben, sowas wie ein Genrelabel zu sein, das man leicht in eine Schublade stecken kann, hat‘s natürlich in Sachen Marketing etc. nicht immer einfach gemacht. Aber uns ging es vordergründig um die KünstlerInnen und darum, ein Begegnungsfeld und ein Freiraum künstlerischen Ausdrucks zu sein. Nicht darum, Märkte im Sturm zu erobern.

Welche neuen Wege werden nun mit Cut Surface beschritten? Was wird aus den ehemaligen TWR-Artists?

Nachdem das Fortsetzen unserer Arbeit mit Totally Wired im Quartett nicht weiter möglich war, haben Philipp Hanich (weiterer Mitbegründer von TWR, Anm. d. Red.) und ich uns dazu entschlossen, dass wir gern als vergleichbare Plattform weiter operieren wollen. Und zum Neubeginn wollten wir dem Ganzen auch ein neues Gesicht geben. Unserer Ansicht nach sind Konsequenz und Hartnäckigkeit wichtige Faktoren künstlerischen Schaffens im Zusammenhang mit einer Gegenkultur. Im Verlauf der letzten Jahre haben wir für uns gänzlich neues Terrain erschlossen und vieles dabei gelernt. Wir wollen nun an diese Expertise anknüpfen und uns neu ausbreiten. Den Artists von TWR steht natürlich offen, ob und wie sie weiter mit uns zusammenarbeiten wollen, und einiges in diese Richtung zeichnet sich auch schon ab: So veröffentlichen wir Ende dieses Jahres Alben von Ana Threat (Cold Lve) und Bruch (The Lottery). Gran wiederum brachte kürzlich sein neues Album Nazzle beim Label Reich & Föhn heraus. Kristy And The Kraks planen, soweit ich weiß, mit Fettkakao zusammenzuarbeiten. Einige andere Acts nehmen gerade neues Material auf. Wir halten auf alle Fälle auch in Zukunft Kontakt und schauen, was sich tun wird. Wir sind aber auch in Kontakt mit KünstlerInnen, die zuvor nicht auf TWR veröffentlicht haben und planen schon weiter an Releases und Live-Shows.

Wie stellt ihr euch die nähere Zukunft von Cut Surface vor?

Zunächst geht es erst mal darum, wieder Fuß zu fassen, unser neues Ding vorzustellen und damit hoffentlich Schritt für Schritt zu überzeugen. Wir haben es grundsätzlich nicht eilig und es ist vordergründig nicht so wichtig, uns von Totally Wired abzugrenzen, sondern uns als logische Fortsetzung zu positionieren. Wie der Name Cut Surface schon impliziert, wollen wir daran arbeiten, dass Eigenwilliges, Eigenständiges, Berührendes, auch Sperriges und vor allem Unabhängiges die Möglichkeit bekommt „aufzutauchen“. Gleichzeitig wollen wir auch an Oberflächen kratzen, festgefahrene Strukturen und Ansichten von ihrer Kruste befreien, bzw. Luft und Raum schaffen für KünstlerInnen, die unter dieser Kruste an Atemnot leiden. Dabei sind für uns Enthusiasmus und gegenseitiger Respekt, menschlich und inhaltlich, ganz wichtige Qualitäten in der Zusammenarbeit mit den Artists. Fest steht, dass es sich in unserer Arbeit weiterhin sicher nicht um so Oberflächlichkeiten wie „Was bzw. wer verkauft sich gut?“ drehen soll, sondern um den Kontakt zu spannenden KünstlerInnen, um ihre Ideen und deren Inhalte und um die Frage, wie man diese ermöglichen und selbstbewusst umsetzen kann. Die Gegenkultur ist weiterhin dringend notwendig und ein Label als Möglichkeit der Zusammenarbeit und als Austauschort ist eine starke Möglichkeit um sich eine Präsenz zu verschaffen, die eventuell den einzelnen KünstlerInnen vorenthalten bleibt. Cut Surface soll dabei keine „Marke“ werden, die Dinge gleichschaltet und dann als Produkt vertritt, sondern vielmehr eine Art Bande, in der man sich gegenseitig unterstützt, diskutiert, sich öffnet und gleichzeitig auch abgrenzt und gemeinsam kämpft.

Wie schätzt du generell die aktuelle Lage für Indie-Labels ein?

Indie-Labels haben es sicher noch nie leicht gehabt, entstehen sie doch zumeist auch aus dem Bestreben heraus, sich gegen Majorlabels und die großen Musikkonzerne samt deren starren Hierarchien und Strukturen abzugrenzen. Nochmal zum Stichwort Gegenkultur: Es geht darum, Wege selbst und anders zu beschreiten, flexibler und spontaner sein zu können. Eben independent zu sein, und das hat nichts mit „Unprofessionalität“ zu tun. Natürlich legt man alles – v.a. viel Zeit, Energie und Privatkapital – daran, dass die Veröffentlichungen den Vorstellungen der Artists entsprechen, dass der selbst erstellte Zeitplan nicht platzt und die Tonträger on time Gehör und in die Läden finden. Aber auch wenn es den wenigsten Indie-Labels um einen Wettbewerb geht, müssen sie trotzdem ständig mit den Großen konkurrieren. Das Musikbusiness ist nun einmal vollkommen durchprofessionalisiert. Da geht’s um Startpositionen von Produktionen in den Presswerken, die meist nach Auflagenzahlen vergeben und umgesetzt werden. Da geht’s um ein Durchsetzen gegen einen medialen Gleichstrom in den ohnehin sehr rar gesäten öffentlichen Formaten, wo der Mut und das Commitment zum „Anderen“ und zum Entdecken von Neuem prinzipiell vorhanden wären, irgendwie jedoch auch oft verloren zu gehen scheinen. In einer durchprofessionalisierten und vorstrukturierten Kulturlandschaft sind es halt dann meistens die talentierten AgentInnen (PR, Booking, usw.) und ihre Beziehungen, die Aufmerksamkeit und Hypes generieren. Da stehen Qualität und Eigenständigkeit der künstlerischen Arbeit selbst oft hinten an. Darum finden wir es extrem wichtig, sich als Indie-Label gut zu organisieren, intern und nach außen, Netzwerke zu formen, sich gegenseitig zu unterstützen und sich gemeinsam Gehör zu verschaffen.

Nicht zuletzt wär’s, bei aller Liebe zur Selbstermächtigung, aber schon auch wünschenswert, wenn sich die Kulturpolitik endlich ein bisschen mehr vom Betriebsgedanken ablösen und auf die Seite der Kunstschaffenden selbst stellen würde. Kunst muss ja nicht zwingend erfolgs- und quotenbasierend orientiert sein. Kulturpolitik sollte dafür Sorge tragen, dass man es sich nicht erst durch verschiedene Nebenjobs leisten können muss, Kunst zu machen. Ich glaube, da ist was möglich, abseits von Selbstausbeutung, Wettbewerb oder bloßer „Liebhaberei“.


online seit 22.02.2017 10:38:55 (Printausgabe 77)
autorIn und feedback : Interview: Jannik Eder




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