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  Bis zur letzten Sekunde erzählen

In der Politthriller-Performance Fantomas Monster trifft Theater auf Graphic Novel

Im Mittelpunkt von Fantomas Monster stehen menschliche SuperheldInnen und ihr Kampf gegen politische Korruption und skrupellose Monster und Dämonen, die mit terroristisch-faschistischen Methoden die Auslöschung von Erinnerungsorten vorantreiben. Die Episoden von Fantomas Monster erzählen aber auch über mutige Rebellion und einen Funken von Hoffnung in sehr unterschiedlichen politischen und religiösen Kontexten: nämlich im Iran und in Mexiko.

Die Idee für das serielle Theaterprojekt basiert auf einer Novelle von Julio Cortázar. Der argentinische Autor und Aktivist erzählte im Comic Fantomas gegen die multinationalen Vampire. Eine realisierbare Utopie (1975) eine komplexe Geschichte über die politischen Zusammenhänge der sogenannten Russell-Tribunale, bei denen US-amerikanische Kriegsverbrechen im Vietnamkrieg untersucht wurden. Cortázar benutzt die Metapher des mexikanischen Superhelden Fantomas zur Auseinandersetzung mit übermächtig erscheinenden politischen GegnerInnen und diktatorischen Regimen dieser Zeit in Lateinamerika.

Die erste Episode von Fantomas Monster spielt im Iran und vereint den Text-Bild-Montagestil Cortázars mit der Biografie Parastou Forouhars. Forouhar ist eine Künstlerin und Menschenrechtsaktivistin aus Teheran, die nach Deutschland emigriert ist. Zentral für ihre Arbeit ist ihre persönliche Aufarbeitung des iranischen Staatsterrors und der sogenannten „Kettenmorde“ (bei denen in den 1990ern Dutzende intellektuelle Oppositionelle „verschwanden“). Daneben geht es für Forouhar viel um Widerstand, Flucht und ihre postmigrantischen Erfahrungen. In ihrem Buch Das Land, in dem meine Eltern umgebracht wurden. Liebeserklärung an den Iran (2011) beschreibt Forouhar anhand von Reiseberichten aus dem Iran ihre bald zwanzigjährige Anstrengung, den politischen Mord an ihren Eltern, Dariush und Parvaneh Forouhar, aufzuklären.

Nachdem 1953 mit Hilfe des CIA Irans erster demokratischer Premierminister Mohammed Mossadegh gestürzt worden war, installierte der von den westlichen Großmächten eingesetzte Schah Reza Pahlavi eine brutale Diktatur. Die Forouhars kämpften als AnhängerInnen Mossadeghs sowohl gegen das Regime des Schahs als auch später gegen den Gottesstaat Chomeinis – beides Systeme, die Menschen in Massen ermordeten, unterdrückten oder in die Flucht trieben. Die Eltern von Parastou Forouhar blieben im Iran und sprachen sich Zeit ihres Lebens für ein demokratisches System und die Trennung von Religion und Staat aus. Im Herbst 1998 wurden sie von Agenten des Regimes ermordet.

Für den epischen Politthriller wurde eine multidimensionale Erzählarchitektur geschaffen: Spiel-, Comic- und Traumebenen sollen dem Publikum einen historischen Einblick ohne chronologische Anordnung ermöglichen. Das Stück möchte primär darüber erzählen, was jetzt geschieht, und nicht darüber, was bereits geschehen und abgeschlossen ist.

Die Erzählerin und Protagonistin, Parastou Forouhar, hält sich derzeit im Iran auf, um des 18. Jahrestages der Ermordung ihrer Eltern zu gedenken. Schon in den Jahren vor dem Herbst 1998 wurden die iranischen Oppositionellen Opfer massiver Gewaltverbrechen. In jenem Herbst kam es aber zu einem Wendepunkt: Nachdem die Öffentlichkeit vehement die Aufklärung der Verbrechen forderte, erfolgte eine offizielle Stellungnahme der iranischen Staatsmacht, in der die Verwicklung des Geheimdienstes der Islamischen Republik in die Mordreihe zugegeben wurde. Dennoch wurden die eigentlichen Drahtzieher nie identifiziert. Seitdem fährt Parastou jährlich einmal in den Iran und versucht durch Erinnerungsarbeit eine breitere Reflexion des Widerstandes zu erreichen. Nun sieht sie sich jedoch mit dem Vorwurf der Blasphemie konfrontiert und muss sich zu einer gegen sie gerichteten Klage äußern.

Ob Forouhar also zu der Premiere am 16.12. im Brut im Künstlerhaus zugegen sein wird, ist ungewiss. Gewiss ist nur, dass auf der Bühne ihre Geschichte bis zur letzten Sekunde erzählt werden wird, so dass die Grenzen zwischen Vergangenem und Aktuellem verschwimmen.


Fantomas Monster.
Teil 1 – Iran: Fantomas gegen die Macht der Auslöschung
Termine: 16./17. Dezember, 27.–31. Jänner
(jeweils um 20 Uhr im Brut Wien)

Die Performances werden durch Graphic-Novel-Präsentationen, Vorträge, Diskussionen, Filmdokumentationen und durch ein Symposium in Beisein von ProtagonistInnen ergänzt.

online seit 19.12.2016 18:27:11 (Printausgabe 77)
autorIn und feedback : Gorji Marzban und Gin Müller




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