menueleiste1
home archiv suche messageboard abo hier gibts malmoe feedback alltag verdienen regieren widersprechen funktionieren tanzen erlebnispark
  Zehn Platten zu Weihnachten

Edition 2016

MALMOE hat wieder zehn musikalische Empfehlungen für all diejenigen, die die letzten Tage des Jahres nutzen wollen, um im Plattenladen des Vertrauens für sich oder andere schöne Weihnachtsgeschenke zu erstehen. Die hörenswertesten Alben des Jahres, ausgewählt von unserer Neigungsgruppe Musikkonsum.




Andy Stott – Too many Voices (Modern Love Records)

Andy Stott hat es wieder getan. Auch sein neuestes Album versucht die Widersprüche der Postmoderne musikalisch zu überwinden. Too Many Voices bringt clever kuratierte sound-bits in einer minimalistischen und dekonstruktiven Anordnung zusammen, die mit klaren, unschuldigen Stimmen gebrochen werden. Stimmen, die wie der Gesang der Sirenen, verlorene Seefahrer zu ihrem Paradies locken wollen. Die Konstruktion von Melodie, Intimität und Träumerein gekreuzt mit düsteren, technotischen Soundfetzen scheint spielerisch das Drama unserer politischen Realität zu überwinden: Es wird zusammengeführt, was unvereinbar scheint. Wie könnte der Irrfahrt der europäischen Realität besser begegnet werden als mit einem Ausdruck im Sound.

***

Blood Orange – Freetown Sound (Domino)

Text und Sprachsamples haben einen wichtigen Platz in der Musik von Devonté Hynes und stehen scheinbar in Widerspruch mit der milden Stimmung. Die Musik lebt von Elementen des Funk, R’n’B, 80er-Drums und ist doch im Jetzt. Im Text geht es um große Themen des Alltags: Körper, Hautfarbe, Rassismus, Sexismus, Black Culture. In einem Sample geht es um das Auftreten als Angehörige_r einer Minderheit. Um die vereinnahmende Umsicht mit der viele Menschen handeln müssen um ja nicht aufzufallen oder gar von anderen als Gefahr gesehen zu werden. Wie die Kleidung getragen wird oder wie die Kappe am Kopf sitzt. Die eigentliche inhaltliche Klammer bildet dann dennoch die Liebe, die über allem schwebt. Die sonoren Stimmen sind vereinnahmend, spannend und abwechslungsreich. Devonté rappt soft, singt solo, als auch im Duett und hat andere Künstler_innen wie etwa Deborah Harry (Blondie) eingeladen mit ihm zu arbeiten. Zu hören ist sie am Titel E.V.P. Devonté Hynes’ Musikvideos sind auch sehr empfehlenswert. Very Dreamy!

***

Crystal Soda Cream – Work & Velocity (Totally Wired Records)

Bei Crystal Soda Cream kommt man um das „klingt wie …“ nicht ganz herum, zu deutlich sind die Referenzen auf Post-Punk/Wave-Bands der frühen 80er-Jahre. Das ideale Geschenk daher für Fans von Bands wie Siouxsie and the Banshees oder Joy Division, die gerne mal was Frisches hören wollen. Auf diesem wunderbaren, zweiten Album der Band gibt es erstmals auch deutsche Texte, die schon mal Fehlfarben- und NDW-Assoziationen wecken. Wütende Energie und eine gewohnt düstere Stimmung ziehen sich durch die Platte, die sich in Sound und Artwork einer Industriearbeit-nach-Stechuhr-Ästhetik bedient. Besonders deutlich wird dies in der Single „Rationelle Arbeitsschritte“, in der Kritik an Leistungs- und Rationalisierungswahn mitschwingt – und die zur Auflehnung anstachelt! In diesem Sinne: Werfen wir dem Kapitalismus den Schraubenschlüssel ins Getriebe!

***

Friends of Gas – Fatal Schwach (Staatsakt)

Eigentlich hätte hier etwas zu „Form und Zweck“ von Human Abfall und antideutscher Attitüde als poppiger Provokation stehen sollen, doch dann kam der November und mit ihm das Debütalbum von Friends of Gas. Und was soll man sagen? Tja, ein besseres Punk-Noise-Gemisch als jenes dieser Münchner Band war dieses Jahr im deutschsprachigen Raum kaum zu finden. Wuchtig und fokussiert bringen Friends of Gas gerade das Gegenteil von fataler Schwäche auf den Punkt. Verzerrte Gitarren geben den sieben Songs einen sehr kantigen Zuschnitt; der Bass dazu manchmal trocken und pointiert, dann wieder so einen Drive erzeugend, dass manche Stücke um ein Haar in Drone-Sphären schwirren. Alles abgerundet von der denkwürdigen Sängerin Nina Walser, die so rau und fieberhaft keinen Stillstand mehr zulässt: „Geschichte wird gemacht / Doch nicht von mir / Und nicht von dir“.

***

The Julie Ruin – Hit Reset (Hardly Art)

Kathleen Hannas neues Album ist eine Auseinandersetzung mit Abwertung und Missbrauch in Kindheit und Jugend, familiärer Herkunft, feministischer Sozialisation, Krankheit, sexistischen Strukturen in der Musikszene (immer wieder) und narzisstischen Freund_innen: „Start a kickstarter for your heart!“ Klingt dicht? Ist es auch. Klingt aber auch super: Lo-fi Keyboard-Sounds, verzerrte Gitarre, sich durchsetzende Bassriffs und Kathleen Hannas Stimme in den eingängigen Refrains laden ein zum Zimmertanzen und Mitsingen. Nicht zuletzt lässt sich Hit Reset als Wunschszenario nicht nur dem Jahr 2016 und seinen politischen und anderen Widrigkeiten entgegenschreien.

***

Kate Tempest – Let Them Eat Chaos (Lex Records)

Das Cover der zweiten Platte der britischen Spoken-Word-Künstlerin ziert ein explodierender Erdball. Bekanntlich finden vorhergesagte Katastrophen nicht statt und so verwandelt sich die erwartete Apokalypse beim Hören in pure Agonie: „We are lost and still nothing will stop, nothing pauses“. Kate Tempest erzählt die Geschichte von sieben Personen, die alle in der gleichen Straße leben und um 04:18 Uhr noch wach liegen. Geplagt von Selbsthass, Verlustängsten, Zweifel und Unsicherheiten aller Art wälzen sie sich in ihren Betten. Meisterlich unterstützt der in der erweiterten Bass-Szene angesiedelte Sound die Eindringlichkeit der Bilder. Es gibt kein Entkommen. Selten wurden so überzeugend persönliche Krisen mit globalen Konflikten verknüpft. Auch wenn es absurd klingen sollte: Aus solch gnadenlosen Werken entspringt die Hoffnung auf Veränderung.

***

MNDSGN – Body Wash (Stones Throw Records)

Wer den Namen MNDSGN in den Mund nehmen möchte, sagt einfach „mind design“. Zu hören gibt es wunderschönen HipHop (ohne Rap) des Kaliforniers Ringgo Ancheta, der sich philippinischer Wurzeln erfreut. Der Sound von MNDSGN ist in seinen stärksten Momenten dazu geeignet das Gefühl zu vermitteln, jemand würde im Gehirn seiner ZuhörerInnen rumschrauben. Cool Jazz, Prog Rock und sonstige Elemente sind kleinteilig verhackstückt und tauchen seltsam lose im Raum auf.
Die Platte Body Wash ist milder, poppiger, souliger und auch irgendwie angepasster als Früheres. Die Soundbastelei wurde zurückgedrängt. Die Nummern Searchin I–III, die sich auf das Ende der Platte geschlichen haben, geben einen Einblick in die Knst und großen Fhgktn von MNDSGN. Sehr groovig und dancefloor-erhitzend. Wer sich die Mühe macht HipHop-Teig zu mixen, kann diese geschmacksverstärkenden Zutaten gut drunterheben.

***

PJ Harvey – The Hope Six Demolition Project (Vagrant Records)

Jedes Hören hinterlässt mich aufgerüttelt, verstört, machtlos, gleichzeitig voll von Wärme und treibendem Optimismus. The Hope Six ist eine unkonventionelle Protestplatte, die Zeugnis ablegt über geopolitische Konflikte, Krieg und Armut. PJ Harvey reiste nach Washington D.C., Afghanistan und in den Kosovo und arbeitet Erlebtes in eine musikalische Reportage ein. Teile dieser Untersuchung kredenzt sie hier in rauer Einfachheit. Was vor allem hängen bleibt, sind kraftvolle Rhythmen, tröstende Chöre, das Saxophon und PJ Harveys eindringliche Stimme die nach Veränderung schreit. Frech und dissonant werden Fragen aufgeworfen, brüchige Ohrwürmer produziert, wird zum Aufruhr Stimmung gemacht. Die Platte ist – im positiven Sinn – die energischste und herausforderndste von PJ Harvey.

***

Portable – Alan Abrahams (!k7 Records)

Momentan höre er am liebsten Klassik, traditionelle afrikanische Musik und New Jazz, erklärte der aus Kapstadt stammende Alan Abrahams aka Portable aka Bodycode. Und so verwundert es nicht, dass sein neues Album nur partiell an frühere Dancefloor-Stücke anknüpft. Textlich greift Portable auf Altbewährtes zurück, erzählt über Anfangs- und Endphasen von Liebesbeziehungen, verpackt seine Lyrics jedoch durchaus ansehnlich in instrumentell breit aufgestellte Arrangements. Das Album bewegt sich zwischen Soul und R’n’B zu Deep House und zurück, immer wieder kreisend um Portables betörenden Bariton. Das wirkt größtenteils zurückhaltend, aber doch verspielt und immer vorantreibend. Bevor manches Lied dann zu tanzbar wird, besinnt sich Portable lieber wieder auf einen diskreteren Groove.

***

Saul Williams – MartyrLoserKing (Fader Label)

Dave Chappelle sagte bei seinem SNL-Auftritt wenige Tage nach Trumps Wahlsieg etwas sehr deprimierendes: „Wenn ich meine Hautfarbe ablegen könnte, wie andere ihre Polizeiuniform, verzeiht mir, aber ich würde es tun.“ Dieser Satz ist eine gute Gelegenheit sich schlecht zu fühlen und vergegenwärtigt den Schrecken jener riesigen Welle aus Rassismus, die über die USA und Europa in diesem Jahr weggefegt ist. Whoopi Goldberg gemahnte: „Ihr Weißen könnt Euch nicht vorstellen, was es heißt sichtbar zu sein. Wer als Latino, oder vermeintlicher Latino, in einem Zug sitzt, spürt die Blicke auf sich. Diese Menschen haben jetzt Angst.“
Und was können wir jetzt tun? Solidarität. Saul Williams: „Leute, ich werde für Euch brennen. Ich werde das Licht in der Dunkelheit sein. I’m a candle.“ Das ist was Künstler machen können und das ist gut. „Ich werde den ganzen Horror auffressen, verdauen und als Kunstwerk wieder ausspucken. – You’re welcome!“
Ansonsten Frohe Festtage und besorgt Euch das neue Album von Saul Williams, es ist wirklich wunderschön.






online seit 15.12.2016 14:05:56 (Printausgabe 77)
autorIn und feedback : Redaktion




Das Denken ohne Grenzen ist in ­Gefahr

Didier Eribon, französischer Soziologe und derzeit vielfach diskutierter Autor, im Interview
[05.07.2017,Pascal Jurt]


In your face, ­Laurie Penny!

Wie Margarete Stokowski in ihrem Bestseller-Roman "Untenrum frei" nicht nur eine humorvolle Spitze nach der anderen liefert. Sondern auch als subtile Message an Laurie Pennys "Fleischmarkt" gelesen werden kann.
[31.05.2017,Flora Eder]


Für die tägliche Anwendung geeignet

Der Sammelband Play Gender gibt einen Einblick in emanzipatorische Strategien (pop-)kultureller, linker Praxis
[31.05.2017,Jannik Eder]


die nächsten 3 Einträge ...
 
menueleiste2
impressum kontakt about malmoe newsletter links mediadaten