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  Leben in der Bar. Episode 3 - Bildet Blasen!

Mitten im Sommer auf der Donauinsel späteren Abends an einer mäßig bevölkerten Theke einer noch mäßiger gefüllten Location.

Joesi Vondrus: Hi Sina, komm bloß meiner Blase nicht zu nahe!

Rosina Brunner: Hi Jo, naa Lustiger – das is mal eine Begrüßung! Hast Probleme mit der Prostata? Bitte, da drüben ist das Klo.

JV schüttelt den Kopf: Nein. Ich … (hilfloses Gestammel)

RB: ?

JV: Blasenträume können platzen. (schaut sich etwas paranoid über die Schulter)

RB: Seifenblasen? Immobilienblasen? Gallenblasen? Wovon bitte redest du?

JV: Na, die Blase halt, von der alle reden, in der wir alle leben?

RB: Ah so?! Hmm …

JV ziemlich hektisch: Wobei, leben wir alle jeweils in einer einzelnen Blase, also einer Monade, oder bewohnen wir auch gemeinsame Blasen? Sind diese Blasen durchlässig oder nicht, und wie weit reicht die Osmose? Dehnt sich die Blase aus oder bleibt sie gleich groß? Sind mehrere Blasen ineinander verschachtelt? Und wenn ja, wie viele? Und wie kannst Du mich überhaupt verstehen, wenn Du nicht in meiner Blase bist? Ich …

RB: Stopp! Du bist ja völlig überdreht! Welche Drogen verkaufen die hier?

JV: Mpffhhh … Also der Steve Albini hat mal gesagt, er kann auf die ganzen Wichser scheißen. Er hat sein Studio, verdient Geld mit seinem Ding und ist so völlig unabhängig. Er braucht die ganze Scheißgesellschaft der USA nicht.

RB: Ah, daher weht der Wind. Jaja, der Albini lebt den amerikanischen Traum. (grinst) Ich glaub eher, die Hardcore-Punk-Träume sind auch schon geplatzt. Da redet halt einfach ein erfolgreicher Unternehmer seiner selbst. Nebenbei auch immer mit dieser nervigen protestantischen Arbeitsmoral … Wählt der dann auch Trump?

JV: Bist deppat? So kann ...

RB: ... na, das ist ja der Kern dieses ganzen Underground-Kultur-Desasters. Dieses besserwisserische Abschotten. Wer eh nur unter seinesgleichen bleiben will, darf sich dann auch nicht wundern, wenn der Rest der Gesellschaft immer mehr Richtung Gabalier abdriftet.

JV: Mit den Gabaliers will ich aber gar nix zu tun haben.

RB: Naja, wegwünschen hilft auch nix.

JV: Soll ich etwa auf Zeltfeste gehen und dort am Ghettoblaster Crystal Soda Cream spielen?

RB: Warum nicht? Einen Versuch wär’s wert (grinst). Aber ernstens. Ich versteh das schon mit dem Sich-Abkapseln und dem in der eigenen Blase bleiben Wollen. Aber ohne Kontakt nach außen wird’s einfach etwas eng. Grüppchen, die sich komplett abschotten, kippen schnell mal ins unerträglich Fundamentalistische.

JV: Meiner Meinung nach ist das doch der Grund, warum’s keine Subkulturen im Sinne von Gegenkultur mehr gibt. Alles aufgesogen im Mainstream. Niemand motzt mehr auf oder will nicht dabei sein. Ohne Abgrenzung wird das aber nichts mit dem Dagegensein ...

RB: Die Frage ist doch: Kann das mit Absicht herbeigeführt werden oder passiert das einfach durch Codes, die nur von Eingeweihten verstanden werden? Zum Beispiel die Gang-Culture von Hip Hop haben Außenstehende ja auch urlang nicht verstanden.

JV: Ja, aber das war doch auch intendiert – die eigene, selbst-gebaute Sprache als geheime Verständigungsmöglichkeit. Eben Codes, die die Mehrheitsgesellschaft nicht verstehen soll.

RB: Aber bald kam die Weißbrot-Jugend ebenjener Mehrheit schnell auf den Geschmack und verleibte sich diese Codes unter anderen Voraussetzungen ein … also ist das mit der Subkultur somit nicht schon lange gegessen?

JV: Naja, wenn wir in Blasen leben, wie alle behaupten, dann gibt es halt viele verschiedene Kulturen nebeneinander. Auch die totgesagten Subkulturen. Und die Bierzeltkultur. Und die Konzerthauskultur. Und die Fußballkultur. Und so weiter …

RB: Aber da gibt es ja auch immer Überschneidungen. Wenn ich zum Beispiel an Fußball denke. Also in Wien bei der Vienna oder beim Sportklub. Da hängen doch total viele Musikmenschen ab. Und auch politische.

JV: Ok, das ist natürlich ein Punkt. Durchlässigkeit. Eben weil wir ja auch Blasen oder Mikro-Kulturen durchkreuzen, findet Austausch statt – und da muss emanzipatives Potential drin stecken …

RB: Genau. Hmm … denk mal die Uni als Blase – aus dieser sickert doch auch hie und da mal was Positives nach draußen, die Idee der political correctness zum Beispiel!

JV: Eben. Grundsätzlich bin ich schon der Meinung, dass Blasenbildung die Voraussetzung dafür ist, dass bestimmte zarte Pflänzlein in Ruhe wachsen können. Techno machte in den 1980ern eine sehr lange Entwicklung durch und war lange kompletter Underground, bevor das Anfang der 1990er durch die Decke ging.

RB: Daran ist die komplette Abschottung des Mainstreams in den 1980ern schuld. Da gab es kein Reinkommen, also auch keine Karrierepläne der jungen Kräfte dahingehend.

JV: Genau. Gleich etwas Anderes Machen war angesagt. Postpunk. Hardcore. Industrial. Und das eigene Ding so aufblasen, bis es zumindest eine tragfähige Ökonomie hat und man auf keine Gelder von der Industrie oder dem Staat angewiesen ist. Das meint auch der Steve Albini, wenn er von Unabhängigkeit redet. Eine DIY-Geschichte halt ...

RB: Das mit den Blasen ist generell eine etwas dürftige Gonzo-Journalismus-Erklärung. So etwas ist ganz simple Soziologie. Das Phänomen der gerade beobachtbaren 50:50 Polarisation versteh' ich mit dieser Blasen-Theorie auch nicht besser.

JV: Naja. Sagen wir mal, die gibt’s wirklich, dann ist die halt auf der einen Seite die Ausdehnung der Bierzeltblase auf 50%. Und die anderen gehen dort nicht hin.

RB: Und wenn nun der Kernkanzler grad im Interview zu der Pressefoyer-G’schicht sagt, er sieht die Gefahr, dass die Politik sich in ihrer Blase völlig einkapselt, der Journalismus da assistiert und beide Systeme an dem was die Leute interessiert vorbei reden, wen will er damit ansprechen?

JV: Keine Ahnung… die Unzufriedenen? Das geht ins Auge, ist das schon Haiderismus? Jetzt so zu tun, als hätten er und seine Partei nicht selbst die Definitionsmacht darüber, was Politik in Ösi-hausen sein soll …

RB: Leben halt auch in einer Koalitionsblase! (grinst)

JV: Die die „wahre Arbeit, wahrer Lohn“-Lodenfreaks dann eh auch bald zum Platzen bringen wird …

RB: … um dann mit kurzem Cheffe sich ins bläuliche Verderben zu stürzen! Die kennen aber dann keine Durchlässigkeit oder Kulturförderwesen oder etwas anderes als deren Hegemonieanspruch ...

JV: Brrrr … geh bitte, hör auf, ich krieg den blauen Blues! Lass uns einander hier jetzt nicht den Abend verderben, okay? Noch ist nicht aller Tage Abend, ich hol uns mal noch refill! (geht ab)

Wenig später

RB: Ich hoff, ich hab Dich vorhin nicht vertrieben mit dem Geschwurbel?!

JV: Na, na, passt scho … zuerst heißt’s jetzt halt mal wirklich aus unser aller Blase hinauszuschauen, damit der Präsident nochmal gewählt wird …

RB: Ja, so ein Minimalkonsensziel sollt ja drin sein, alles andere bleibt dann eh oarg genug.


online seit 01.12.2016 12:33:36 (Printausgabe 76)
autorIn und feedback : Rosina Brunner, Joesi Vondrus




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