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  Die Poplinke im Tempodrom

Oder: Warum sämtlicher Popzirkus mit emanzipatorischer Politik nichts zu tun hat

Ich weiß nicht mehr viel von dem Konzert der Residents, das ich Ende der Achtziger im Berliner Tempodrom gesehen habe. Ich erinnere mich an Luftmatratzen, die als Flügel benutzt wurden und mit denen einige Musiker auf der Bühne tanzten. Ich erinnere mich daran, dass es voll war und ich die mit ihren Augäpfelköpfen verkleideten Residents musikalisch nicht so gut fand wie erwartet. Ein Freund und Genosse hatte mich überredet, mit nach Berlin zu fahren. Wir haben die Nacht durchgemacht und sind mit dem ersten Zug zurück nach Hamburg gefahren. Oder so.

Hamburger Jugend in den Achtzigern: das war eine Neubausiedlung am Stadtrandgebiet, wo man es aber nicht weit hatte, um dorthin zu kommen, wo politisch und kulturell was los war. Selbst bei uns in Rahlstedt gab es Punkkonzerte. Polittreffen waren aber privat, einmal die Woche. Demos waren noch groß aufgestellt, der 1. Mai ein Sternmarsch, inklusive schwarzer Block. Die besetzten Häuser in der Hafenstraße waren so selbstverständlich wie die ernsthaft geführten Diskussionen, ob die Revolution erst in fünf Jahren zu erwarten sei oder in den kommenden Wochen. Sie stand bevor.

Daran hielten einige Teile der radikalen Linken auch nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus fest. Gerade jetzt, wo das Proletariat endgültig von Kapitalmacht und Konsumversprechen korrumpiert war, galt es, den Arbeitskampf nur umso konsequenter zu befeuern. Solche Befeuerung verhallte freilich im revolutionsromantischen Nirvana; die Klassengesellschaft hatte zu Befriedungszwecken den Klassenkampf auf soziales Eis gelegt.

Dennoch: Vermeintlich erschien der Zusammenbruch der poststalinistischen Regime zumindest theoretisch als Glücksfall, denn nun könnte gegen die Verzerrungen des Zettelkastenmarxismus endlich die Marxsche Gesellschaftskritik als realer Humanismus revidiert werden; und das hätte auch ein Impuls für die Praxis sein können.

Um das Anfang der 1990er konsequent zu denken, brauchte es eine politisch korrekte Sozialisation in den 1970ern und 1980ern. Junge Leute, die Anfang der 1990er erst durch das Studium politisiert wurden, konnten an diese offensichtlich gescheiterte Emphase der politischen Linken nicht anschließen. Für sie begründete sich eine politische Sozialisation von vornherein anders, nämlich eben nicht „politisch“, sondern „kulturell“ – mit anderen Worten: nicht kollektiv (im Sinne von: solidarische Erfahrung in Bezug auf den gesellschaftlichen Produktionszusammenhang), sondern individuell (im Sinne von: auf Identität, Autonomie und Authentizität bedachte Erfahrung in Bezug auf den eigenen Reproduktionszusammenhang).

In den 1970er-Jahren kommt es in der westlich-kapitalistischen Gesellschaft zu einem enormen Individualisierungsschub: „Bürgerliche“ Lebensweisen, die bisher einer ökonomisch gut situierten Elite oder zumindest sozial distinguierten Ober- und Mittelschicht vorbehalten waren, konnten nun relativ einfach mit Mitteln des Massenkonsums allgemein realisiert werden. „Individualität“ entsteht jetzt als Selbstverantwortung für gesellschaftliche Anpassungsleistungen; indes: zunächst gibt es in diesem Prozess der Individualisierung noch wenig Spielraum für tolerierte Abweichungen. Peter Brückner hat das Anfang der Achtziger als „Nivellement“ bezeichnet: eine Angleichung von Lebensweisen. Mit der postmodernen Kultur der 1980er, die mit einer weiteren fortschreitenden Ökonomisierung verbunden war (Privatfernsehen, Video, Computerspiele, schließlich Computer), wird die soziale Konformität durch das Angebot ergänzt, sich im Bereich des Kulturellen (Mode, Feierabend, Hobby, Urlaub) nonkonformistische Extravaganzen zu leisten. Über die Neunziger bis heute wird dies in seiner Dynamik vollkommen entfesselt (Guy Debord sprach hier vom „integrierten Spektakel“). Was früher nur Subkulturen vorbehalten war, schwimmt nun mit dem Mainstream.

Verallgemeinert wurde damit auch bis zur Auflösung in der völligen Banalisierung: der Pop. „Pop“ ist mehr als nur die Abkürzung für das vor allem für Musik schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gebräuchliche Wort „populär“; ursprünglich sowohl ein Comic-Onomatopoetikon als auch eine Warenmarke wurde „Pop“ zum Stilbegriff in der britischen und US-amerikanischen Kunst der 1950er-Jahre: wichtig für die Pop Art war der affirmative Bezug auf die (amerikanische) Massenkultur, schließlich die ästhetische Aufwertung des Trivialen. Als „Programm“ eignete sich dies besonders den neuen Rock ’n’ Roll und den Soul, die fortan auch als Popmusik vermarktet wurden. Gegen diese „Konservenmusik“ etabliert sich eine „ehrlichere“, mitunter scheinbar virtuos-anspruchsvollere Rockmusik – Pop versus Rock wird zum Schema für den guten Geschmack.

In den 1980ern erodiert dies: Inmitten einer explosiven Vervielfältigung der Genres (Punk, Post-Punk, Hip Hop, Techno ff., Metal ff., etc.) wird versucht, sich – zunächst subkulturell – den Pop anzueignen; diese Aneignung, verschränkt politische und ästhetische Motive miteinander.

Zuvor war Rock allein schon deshalb „politisch“, weil er – angeblich – „gegen das Establishment“ war. Zuvor galt Pop als politisch, wenn in den Texten entsprechende Inhalte besungen wurden. Ästhetische Kriterien, was „gute Musik“ sei, wurden mehr oder weniger unmittelbar daraus abgeleitet. In den 1990ern ist dieser Schematismus im individuellen Geschmacksurteil des Popkonsumenten aufgehoben: Haltung wird zum entscheidenden Ausdruck des ästhetischen Urteilsvermögens.

Wo politische Urteile sich nicht mehr selbst tragen (oder über das Parteibuch getragen werden) und das Politische ohnehin an das Private verwiesen ist, bietet sich an, den jeweils individuellen Vorrat ästhetischer Vorlieben als Beleg politischer Integrität zu nehmen; anders gesagt: Über die ästhetische Haltung wird Politik gemacht, ebenso wie die politische Haltung sich im „ästhetischen Feld“, also der „Kultur“ beweisen muss. Aus dieser Lifestyle-orientierten Kohärenz von Politik und Pop entsteht die Kulturlinke bzw. Poplinke.

Die Poplinke war politisch indifferent: Es gab diejenigen, die explizit versuchen, radikale Politik mit Mitteln des Pop fortzusetzen (Style als Links-Sein), ebenso wie diejenigen, die allein die Fixierung auf bestimmte Pop­phänomene für politisch hielten (Links-Sein als Style). Auch wenn die Poplinke grundsätzlich über die Ambivalenz von Ästhetisierung der Politik und Politisierung nicht hinausgekommen ist und es vor allem eine große Gruppe von „popkulturellen Mitläufern“ gab (nämlich die, die dann über die Poplinke politisiert oder zumindest politisch „angefixt“ wurden), so darf nicht vergessen werden, dass sie eine tragende Rolle in der Formierung eines „humanistischen Bewusstseins“ spielte, zumal nach den Pogromen in Rostock-Lichtenhagen 1992 und anderenorts. Mithin machte die Poplinke nur Sinn als Teil oder wenigstens Begleitprogramm der politischen Linken, also zum Beispiel der Anti­faschistInnen, die in diesen Jahren nicht nur Menschenleben verteidigten, sondern einen gesellschaftlichen Konsens, den die Gesellschaft, weil er ihr fehlte, nicht mehr zu verteidigen in der Lage war. Da allerdings die Poplinke nicht als „Partei“ auftrat, sondern – ganz gemäß der Organisation politischer Öffentlichkeit – je in individuellen Einzelpersonen und / oder vermarktungsfähigen Kulturproduktionseinheiten (kurzum: Bands), war sie von Anfang an in der Position, zur kulturellen Fürsprecherin eines Systems zu werden, das sie politisch abzulehnen vorgab. Und – das zeigte sich dann im Verlauf der 1990er bereits und in den 2000ern manifest: diese politische Ablehnung, die dann eben nicht politische Praxis ist, sondern bloß eine „poetische Geste“, wird nonchalant von eben der kulturellen Produktion und / oder der Inszenierung als meinungsbildungsrelevante Einzelperson absorbiert. Und das bleibt, unterm Strich, der wesentliche Unterschied zwischen einerseits der Pop- oder Kulturlinke und andererseits der politischen Linken.

Die Poplinke hat sich in den 1990ern auf einen Pop kapriziert, den sie – auch mit berechtigtem antinationalen Verve – allein deshalb als grundsätzlich und ursprünglich „links“ interpretiert hat, weil er international war; tatsächlich ist Pop im Ursprung eine Veranstaltung eines – wenn überhaupt – sozialdemokratischen, liberalen Konservatismus.

Was nun am Pop als „links“ gedeutet wurde, ist mit Attributen des politischen Aktivismus wie „Dissidenz“ oder „Subversion“ sozusagen im Vollzug (also in der Aktivität, beim Tanzen etwa – vgl. ein Projekt wie die Fusion) „politisiert“ worden. Die damit – als „links“ oder überhaupt – verteidigte Kultur konnte nur affirmativ sein, nämlich, im Fall der Musik (Blumfeld, Tocotronic, die Sterne etc., aber auch Genres wie Drum ’n’ Bass oder Minimaltechno etc.) der Soundtrack für das eigene = widerständige = bessere Leben; selbstsicher, manchmal auch eitel und arrogant, wurde das eigene Leben als das „richtige Leben im falschen“ (Adorno) präsentiert. Was meines Erachtens aber schwerer wiegt, weil es für eine emanzipatorische Praxis fataler ist: Auf die Kritik des falschen Lebens wurde – von floskelhaften Deklarierungen ebenso abgesehen wie von wenigen Ausnahmen (z. B. Kolossale Jugend, heute noch Knarf Rellöm) – verzichtet. Es bräuchte dafür auch ästhetisch ein paar mehr Überlegungen, zu denen man sich aber offenbar wohl nur sporadisch hat entschließen können (Cpt. Kirk &, später Kante, heute Ja, Panik).

Insofern spiegelt sich in der politischen Indifferenz der Poplinken auch eine ästhetische Indifferenz; sie wiederum ist aber einem allgemeinen Versäumnis der Linken geschuldet, sich eigentlich seit den 1920ern nicht adäquat mit Ästhetik und Kunst als Bewegung auseinandergesetzt zu haben (außer in der Literatur, vor allem Theater, und im Film!). Das wiederum ist auch mit theoretischen Defiziten verkoppelt, die sich dann in mitunter sehr vagen Positionen der poplinken Gesellschaftskritik finden lassen. Mittlerweile sind die Poplinken von damals nun auch soweit im kulturindustriellen Normalbetrieb angekommen, dass man sich dann auch gerne mal die kokette Position antiisraelisches Gegacker leisten darf oder vielleicht sogar sollte, um sich in seiner kulturellen Bedeutung etwas aufzuplustern und beliebt zu machen.

Spätestens zum Jahrhundertwechsel war klar: dass die so genannte Poplinke lediglich an der Erweiterung der Segmente der Popkulturindustrie mitgearbeitet hat, dass sie sich mit keiner Sekunde und keinem Takt Musik außerhalb des Systems bewegt hat. Damit hat man sich heute allerdings längst abgefunden: Wenn es hier eine ästhetische Enttäuschung oder eine Erfahrung des politischen Scheiterns gibt, dann findet das allerdings nicht seinen Ausdruck – wie üblich – in der Depression, sondern eher im Manischen, in der hyperventilierenden Geschäftigkeit, aus dem Pop noch das letzte rauszuholen, was rauszuholen ist. – Ein Verein für Popkultur hat einen Preis für Popkultur ausgelobt. Ausgezeichnet werden sollen „besondere Leistungen aus allen Bereichen der Popkultur“. Nominiert waren in diesem Jahr zum Beispiel DJ Koze, Turbostaat oder Deichkind, Projekte wie der Golden Pudel Club oder das Haldern Pop Festival. Im Tempodrom fand am 9. September die Preisverleihung statt. Viele Preise wurden vergeben, Jan Böhmermanns „Schmähkritik“ hat ebenso einen bekommen wie die Kampagne „Plus 1 – Refugees Welcome“.

Solcher Popzirkus hat freilich mit emanzipatorischer Politik nicht viel zu tun. Aber das hatte das Residents-Konzert Ende der 1980er auch nicht.


online seit 31.10.2016 12:09:24 (Printausgabe 76)
autorIn und feedback : Roger Behrens




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