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  Neulich im Salon Fähig

Das Theaterkollektiv Institut für impliziten Ekel fragt, wie wir angesichts der Zusammenhänge von Selbstverwertung, Kapital und Arbeit unsere Frau zu stehen haben

„Na ja. There’s no business like showbusiness. Richtig? Eben. Wo ein Thema ist, da ist auch ein Film. Und wo ein Film ist, da ist auch Geld. Und wo Geld ist, da ist immer auch ein Job.
Verstehst du? Ich meine. Siehst du die Zusammenhänge? Thema, Film, Geld, Job?”
Alles ist bereit, alles ist gut aufgestellt im Salon Fähig, der seine Pforten im ehemaligen Feuerwerkshäuschen am Matzleinsdorfer Platz einen Abend lang geöffnet hat. Da ist ein Thema – die Fähigkeit, in den beengenden und doch globalisierten Verhältnissen zu bestehen, seine Frau zu stehen, koste es, was es wolle an körperlichen und geistigen Einsatzkräften. Da ist ein Film, der über zwei Monitore Einblick gibt in jene Winkel des Salons, die nicht für alle Zuseher_innen in Sichtweite liegen, denn „there's no business like showbusiness“. Da ist Kapital in aller Munde, kulturelles und soziales Kapital, das in diesem Geist- und Körpertempel akkumuliert und soweit wie möglich in ökonomisches konvertiert werden soll. Und da ist Arbeit – die Arbeit, die von fünf Jungakademikerinnen angeboten wird, die körperlichen und geistigen Dienste, die sie offerieren, sowie die Arbeit, die den Zuseher_innen überlassen wird, nämlich jene, die verstrickten Zusammenhänge zwischen Thema, Film, Kapital und Arbeit zu sehen.

Theater als emanzipatorischer Prozess

Zu sehen bekommen die zahlreichen Besucher_innen an diesem Abend so einiges: Sie stehen vor dem Salon Fähig und sehen durch die Auslagen den Schauspielerinnen dabei zu, wie sie sich auf den Abend vorbereiten. Die Stiefel werden geschnürt, die Haare geflochten, Geheimnisse werden ausgetauscht, private und berufliche Verhältnisse besprochen – alles live und doch vermittelt: Zwischen ihnen und den Menschen, die sich anschicken, sich showbusiness like selbst zu verwerten, befinden sich Glasscheiben, Monitore, Mikrofone und Aktivboxen. Das Schauspiel wird aus dem Inneren des Salons übertragen. Durch diese Übertragung wird die oft als binär konstruierte Trennung von Intimsphären und öffentlichen Sphären löchrig: Die Blicke der Besucher_innen dringen ein in einen Raum, der zwar bei Zeiten geöffnet für Kund_innen ist, den sie aber an diesem Abend zum Zeitpunkt eines Vorspiels betreten. Der Salon Fähig ist in dieser Hinsicht kein Ausstellungsraum, in dem Körper- und Geisteswaren feilgeboten werden; ausgestellt wird vielmehr der Prozess, der durchlaufen, durchdacht, durchgesprochen wird, wenn es darum geht, sich salonfähig zu machen. Exponiert wird im dreifachen Sinn: Die Expositionen, von denen aus es erstrebenswert, ja innerhalb herrschender ökonomischer Logiken als notwendig erscheint, auf die eine oder andere Art und Weise Business zu machen, im Business mitzuspielen; die Zurschaustellung dieses Spiels, dieses Mitspielens sowie der entsprechenden Vorbereitungen; und die Exponierung dieses Zurschaustellens, das gerahmt wird durch den Salon, die Auslagen, die Monitore und Mikrofone. Dadurch werden die verstrickten Zusammenhänge zwischen dem Thema – was es braucht, um in dieser Arbeitswelt seine Frau zu stehen, dem Film – den Rahmungen von Blicken und Blickfeldern, dem Kapital in all seinen (ökonomischen, sozialen, kulturellen …) Gestalten und der Arbeit in ihrer Lohn- und Erwerbslogik auf mehreren Ebenen sichtbar.

„Wissen Sie, wenn Sie sich schneller entspannen, dann kostet es auch weniger. Okay?“

Salon Fähig ist im buchstäblichen Sinn Schauspiel und Performance. Das Spiel mit den Blicken auf die fünf Frauen, die sich darauf vorbereiten, salon- und wettbewerbsfähig zu sein, reflektiert auf Fragen der Zurschaustellung von Privatem, von Intimem innerhalb eines mehr oder weniger lukrativen Business, in dem es um Show, um ein Sich-[in-allen-Vorzügen]-Zeigen geht. Die an vielen Stellen oszillierenden Bedeutungen von Salon- und Wettbewerbsfähigkeit werden durch Sprechakte, durch Gesten und Bewegungen generiert, zu Fall gebracht und neu zusammengesetzt. Leistungs- und Leidensdruck werden zur Schau gestellt, bis zur Kenntlichkeit ihrer sozioökonomischen Bedingungen entstellt und somit der verschleiernden, entsolidarisierenden Prämisse, jede_r sei des eigenen Glückes Schmied_in, enthoben.

Jenseits der herkömmlichen Kulturtempel

Das Theaterkollektiv IIE (Institut für impliziten Ekel) hat mit seinem Salon Fähig einen Raum ausstaffiert, der den reibungslosen Ablauf der Selbstverwertung empfindlich stört – eben durch jene Akte des Sprechens, Zeigens und Exponierens, die an diesem Abend Ende Juni in den Auslagen des Feuerwerkshäuschens in Szene gesetzt worden sind. Bei dem Feuerwerkshaus handelt es sich um einen Spielort (siehe: matz ab spiele, www. matzleinsdorferplatz.at/feuerwerk.php), der an der Grenze zwischen dem aufgewerteten Vorzeigeprojekt Sonnwendviertel und der Zone des Arbeiter_innenstrichs liegt. Es ist ein Ort jenseits der herkömmlichen Kulturtempel und insofern auch geeignet für den Salon Fähig, der eine weitere Etappe der Auseinandersetzung mit Bestehen und Widerstehen, mit Verwertung und Verweigerung, mit Notwendigem und Möglichem markiert. Anfang November 2015 hat das Kollektiv mit den „Interviews mit freakigen Frauen“ eine erste Variation des Textes von Kaśka Bryla auf die Bühne des Ernst-Kirchweger-Hauses gebracht, der Salon Fähig ist eine weitere Variation, in einem anderen Raum, in einem anderen Rahmen. Die im IIE aktive Regisseurin und Filmemacherin Nicole Szolga erzählt in einem Gespräch auf Radio Orange, dass es dem IIE nicht darum gehe, fertige Produktionen aufzuführen, es gehe vielmehr um einen partizipatorischen Prozess, um ein permanentes Work in progress, das, immer wieder neu variiert, an verschiedenen Orten, in unterschiedlichen Kontexten sichtbar werden und sichtbar machen soll. Also, wie wir in Zeiten wie diesen unsere Frau zu stehen haben.


online seit 18.10.2016 16:33:48 (Printausgabe 76)
autorIn und feedback : Eva Schörkhuber




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