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  Die Satire am stillen Ort

THE REAL CRIME INC PRESENTS: Die geheimnisvollen Fälle des Inspektor Zwezler

Inspektor Zwezler blickte auf die Rolle Klopapier neben ihm in der Halterung. Sie war nur mehr dürftig bestückt. „Herr Kollege“, begann der Inspektor in einem sachlichen Tonfall, „wie sieht es mit ihrer Rollenstärke aus?“

„Meine Rollenstärke … nun ja“, murmelte der Kollege Moik etwas zögerlich, „bei den Verhören, also beim grimmigen Anschreien, hab ich noch Luft nach oben, diese Rolle liegt mir ja nicht so. Ich bin ja eigentlich recht sensibel, denn mein Vater …“

„Oh nein, Herr Kollege, das meinte ich nicht. Sie haben mich missverstanden. Ich meinte die Klopapierrolle. Ist diese bei Ihnen ausreichend mit Papier versehen? Wenn Sie verstehen.“

„Aber natürlich, Herr Inspektor. Mit Ihnen würde ich das letzte Blatt teilen.“ Während der Moik dem Inspektor die Klopapierrolle unter die Seitenwand der Kabine schob, trat eine Person in den WC-Raum. Die beiden Kriminalisten verstummten. Sie begannen zu lauschen. Das indiskrete Plätschern und Rinnen am Pissoir, die Spülung. Das Rauschen des Wasserhahns, das Gebläse des Handtrockners. Schritte. Die Person öffnete die Tür und sie fiel ins Schloss. Als der Handtrockner wieder zu blasen aufhörte, begann der Moik die entstehende Stille mit einer Frage zu befüllen.

„Herr Inspektor, Sie sind ja quasi ein Experte. Was darf eigentlich Satire?“ Der Inspektor beäugte kurz sein Sakko, welches vor ihm an einem Haken baumelte. Gerne hätte er es übergestreift, da es auch in äußerst heiklen Situationen feierliche Sicherheit garantierte. Die augenscheinliche Enge der Kabine, welche in einem eklatanten Widerspruch zu ihrer ungewöhnlichen Länge stand, ließ ihn davon abkommen. Dies alles hatte nicht die Kraft, ihn daran zu hindern, in eine der Frage entsprechende seriöse Tonlage, geradezu in eine Denkstimmung zu gelangen. „Herr Kollege, ich danke Ihnen für diese unglaublich geistreiche Frage. Ich meine, sie darf grundsätzlich alles in der Distanz und je näher sie kommt, desto weniger soll sie dürfen. Denn die Satire lebt ja von der Überzeichnung. Wenn etwas weit weg ist, dann sehen wir es nicht so gut und deshalb ist es aus polizeilicher Sicht durchaus erlaubt, sich in Satire zu üben. Jedoch hier, wo wir alles genau und zweifellos erkennen und sehen können, brauchen wir diese Übertreibung nicht. Ich will ihnen ein Beispiel geben. Als dieser Mann aus Deutschland, dieser Böhmerjan den Erdogan, diesen Türken-Präsidenten, auf das Äußerste satierte, war dies aus polizeilicher Sicht vollkommen in Ordnung. Denn von Norddeutschland aus ist Anatolien sehr weit weg und wer weiß schon genau, was dieser Erdogan dort wirklich macht. Findet er den IS einfach nur cool, hat er etwas gegen Kurden oder will er endlich einmal in Ruhe und ungestört herumregieren? Durch die Satire und die Reaktion darauf konnte man erkennen, dass dieser Erdogan ein recht vernünftiger Mann zu sein scheint. Mit dem kann man Geschäfte machen und große Politik.“ Erst in dieser Gedankenpause merkte der Inspektor, dass er eben die ganze Zeit mit erhobenem Zeigefinger und heruntergelassener Hose in der Kabine stand. Er setzte sich. In dem Moment hörte er den Moik in der angrenzenden Kabine aufstehen. Der furiose Showdown der letzten Wahl hatte eindeutige Spuren hinterlassen. Moik setzte sich wieder und flüsterte fast: „Herr Inspektor, meinen Sie nun, dass es hier in Österreich demzufolge angebracht wäre, unseren frischgebackenen Bundespräsidenten, den Ben der Vallen oder so ähnlich, falls es eine Person für notwendig halten sollte, ihn mit Satire bedecken zu müssen, es kleinlicher anzulegen?“ Der Inspektor erhob sich. „So wahr ich hier stehe.“ Und setzte sich wieder. „Also was wäre einem Bundespräsidenten wie dem unseren aus dieser kurzen Entfernung angemessen? Für viele ist er ja fast so was wie der pater familiae!“

„Die Satire hat sich in diesem Fall wirklich sehr zurückzuhalten. Eigentlich würde es reichen, ihn kaum zu erwähnen. Aus humoristischer Sicht war ja die letzte Wahl eine Entscheidung zwischen Antiwitz und Groteske oder dem urbanen Gekichere und dem ländlichen Schenkelklopfer. Aus Sicht der Verfassung ist die Satire hier chancenlos.“

„Außer man zeigt den Präsidenten und plappert irgendetwas Lustiges dazu, wie die es im Fernsehen immer so machen. Mein lieber Kollege, können Sie sich noch an das Polypenlachen vom zurückgetretenen Bundeskanzler erinnern?“

„Sie meinen die Draschek, die Fernsehkasperl für Erwachsene machen. Das geht natürlich auch. Satire kann ja durchaus unterhaltsam sein.“ Als in diesem Moment die nächste Person in die Toilettenanlage kam, richteten sich die beiden Herren auf. Zwezler stellte mit einer eigenen Zufriedenheit, welche man nur bei Kollegen hat, fest, dass Moik das überhandete Klopapier exaktest portioniert hatte. Sie betätigten anschließend fast zeitgleich die Spülung. Zu beider Überraschung gab es dann ein wunderbares Hallo, denn am Pissoir stand eben der Kollege vom Rechtsextremismus. „Na, immer noch nichts los bei euch?“, so der gut gelaunte Moik. „Nichts. Die Nazis sind alle hinter Gitter, also der blade Küssl. Die Identitären gaukeln zwar herum, aber harmlos, die haben sich vom Verbotsgesetz eh immer schon distanziert …“

„Und gehen stattdessen die Kulturschickeria ärgern“, warf der Inspektor lachend ein und drückte sich eine Ladung Seife auf den Waschbeckenrand. „Hoppla, Inspektor“, belehrte Moik schulterklopfend und grinsend, „bei diesen Seifenspendern da darf man nur mit einer Hand drücken. Aber das passiert mir auch immer.“ Und in diesem Moment beginnen alle drei Herren ausgiebig zu lachen.

online seit 04.08.2016 13:26:59 (Printausgabe 75)
autorIn und feedback : The real crime inc




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