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  Chicklit ­empfiehlt: Mehlspeisen

Über Marianne Jungmaiers Debütroman „Das Tortenprotokoll“

Mit Apfelstrudel, Eierlikörtorte, Marillenknödeln, Buchteln mit Vanillecreme, Mohn- und Dobostorte werden in Friederikes Familie die Münder gestopft, damit keine Fragen, keine Kritik, keine Gefühlsregungen daraus hervorkommen können. Nach vielen Jahren kehrt Friederike in das Dorf am österreichischen Land zurück, das sie zum Studieren in Richtung Berlin verlassen hat. Verlassen hat sie nicht nur das Dorf, sondern auch ihre Gewohnheitsliebe Tobias. Sie kommt, vielleicht ein letztes Mal, zurück, um am Begräbnis der Großmutter teilzunehmen, der sie immer nah war und von der sie sich trotzdem nie geliebt gefühlt hat. Friederike entdeckt Briefe im Backbuch der Großmutter – dem Tortenprotokoll – , die ihr endlich erklären könnten, was es mit der familiären Kälte auf sich hat.

In ihrem Debütroman gelingt es Marianne Jungmaier, die Frage nach gesellschaftlichen Normen auf einer sehr persönlichen Ebene zu stellen. Die dörfliche Enge kann, muss aber gar nicht unbedingt als das reale Kaff in öder Novemberlandschaft gelesen werden. Einsperren und gleichzeitiges Ausschließen findet immer statt, wo Menschen dazugehören wollen, aber aus welchen Gründen auch immer nicht dürfen. Wie zwei alte Menschen, die einander lieben, aber ihre Liebe zu spät entwickelt haben. Ungehörig in einer Gesellschaft, in der sich Menschen jung zu verlieben, zu heiraten und Kinder zu bekommen haben, in der Sexualität im Alter ein undenkbares Tabu ist.

Nur manchmal entgleitet Jungmaiers Sprache ein wenig ins Kitschige oder Vorhersehbare, aber das passt dann vielleicht auch ganz gut zu den Süßspeisen, die den Blick verkleben sollen. Die Klarheit der Sicht auf Familie und Gesellschaft überwiegt jedenfalls auch sprachlich und macht den Roman zu einer erfreulichen und gedankenanregenden Lektüre.

Marianne Jungmaier: „Das Tortenprotokoll“, Kremayr & Scheriau, 2015, 19,90 Euro.

online seit 16.06.2016 07:34:12 (Printausgabe 74)
autorIn und feedback : Chicklit




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